Über den Tod reden, immer wieder

Selbstbestimmt sterben ist ein verbreiteter Wunsch. Eine Diskussionsrunde des Zürcher Gesundheitsdepartements versuchte, die wichtigsten Fragen zu klären.

Es ist lohnenswert, sich Gedanken ums Sterben zu machen, bevor es so weit ist: Seniorin im Altersheim. Foto: Thomas Egli

Es ist lohnenswert, sich Gedanken ums Sterben zu machen, bevor es so weit ist: Seniorin im Altersheim. Foto: Thomas Egli

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Sie treffen sich an einem Montagabend im Alterszentrum Stampfenbach. Zu acht sitzen sie an den Tischen im Saal und versuchen, Antworten zu finden. «Was haben Sie für Interessen und Wünsche zum selbstbestimmten Sterben? Was ist Ihnen wichtig?», fragt die Moderatorin. «Ich will nicht einfach als alter Mensch abgestempelt werden, der nicht mehr drauskommt», sagt Heimbewohnerin Rosmarie Liechti, die viele Jahre als Pflegefachfrau gearbeitet hatte.

Liechti ist eine von rund 50 Zürcherinnen und Zürchern im Pensionsalter, die Stadträtin Claudia Nielsen zu einem «Werkstattgespräch» eingeladen hat. Freiwillige Mitarbeiterinnen von Pflegezentren oder von Pro Senectute, Gesundheitsfachleute, Alt-Gemeinderäte, Heimbewohnerinnen, Vertreter von ­Seniorenorganisationen. «Früher war Sterben Schicksal, heute können wir viel mitbestimmen, und damit kommt die Verantwortung», umreisst die Vorsteherin des Gesundheitsdepartements die Problematik. Die Frage stelle sich: «Was ist gutes Sterben?» Nielsen wollte das Thema aus dem Amt hinaustragen und Meinungen aus der Bevölkerung einholen.

Sorgen mache ihr der sogenannte Bilanzsuizid, sagt die SP-Politikerin: «Menschen, die sterben wollen, um niemandem mehr zur Last zu fallen – auch finanziell.» Seit einigen Jahren verzeichnet der Sterbehilfeverein Exit stark steigende Mitgliederzahlen. Auch in den Alters- und Pflegezentren der Stadt Zürich ist der Freitod mit Exit erlaubt. Der Stadtrat hatte im Herbst 1999 beschlossen, die Sterbehilfe in den Heimen zuzulassen. Der damalige Gesundheitsvorsteher Robert Neukomm (SP) argumentierte mit der Gleichstellung: Es gehe nicht an, Menschen im Heim ein Recht zu verwehren, das sie in der eigenen Wohnung hätten. Alle sollten zu Hause, also auch im Heim, sterben dürfen.

Der Tod ist in der Regel erwartet

Damit löste Neukomm eine Debatte aus über die Schutzpflicht des Staates und das Recht des Einzelnen, selber über Leben und Sterben zu bestimmen. Die CVP forderte, der Beschluss sei rückgängig zu machen, was eine Mehrheit des Gemeinderats aber ablehnte. Der Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie stellte eine Verbindung zu den damaligen Sparmassnahmen her und zeigte sich bestürzt über die Botschaft, die alten Menschen vermittelt werde: Sie seien unnötiger Ballast und unerwünscht. Die Begehren nach Sterbehilfe würden steigen, prognostizierte der Psychiater.

Die Realität in den Heimen sah dann glücklicherweise anders aus. Das Gesundheitsdepartement registrierte über all die Jahre eine konstante Zahl von assistierten Suiziden. In den Alterszentren, wo rund 2000 Menschen leben, sind es jährlich fünf bis sechs Fälle, in den Pflegezentren mit rund 1600 Bewohnerinnen und Bewohnern null bis zwei Fälle. Die geringere Zahl in den Pflegezentren lässt sich mit dem hohen Anteil dementer Menschen erklären, die nicht mehr urteilsfähig sind und deshalb keine Sterbehilfe in Anspruch nehmen können. Die Zürcher Regelung hat sich bewährt und wurde inzwischen von vielen anderen Städten und Gemeinden übernommen.

Das selbstbestimmte Sterben mit Exit ist in den Heimen also kaum ein Thema. Das selbstbestimmte Sterben als solches hingegen sehr wohl. «Viele Menschen wünschen sich, einmal einfach nicht mehr aufzuwachen. Das ist aber nicht die Regel», sagt Gabriela Bieri, ärztliche Direktorin der Zürcher Pflegezentren. Laut einer Erhebung des Instituts für Hausarztmedizin sind zwei Drittel aller Todesfälle erwartet. Und in 60Prozent dieser Fälle wird am Lebensende eine Entscheidung getroffen: Sollen lebensverlängernde Therapien weitergeführt werden oder nicht? Diese Frage zu beantworten, ist immer schwierig. Da reden Ärzte mit, Pflegende und Angehörige, die vielleicht verschiedene Meinungen haben. Und in der Mitte der kranke alte Mensch, der manchmal noch ganz klar im Kopf ist, manchmal aber verwirrt.

Die Patientenverfügung ist ohne Zweifel wichtig; ganz besonders für Menschen, die an einer Demenz erkranken.

Rosmarie Liechti hat für den Fall, dass sie ihren Willen nicht mehr äussern kann, eine Patientenverfügung gemacht und trägt einen Hinweis darauf im Portemonnaie. Vor jedem Spitaleintritt überprüft sie die Verfügung. Das ist vorbildlich. Zwar haben längst nicht alle Heimbewohner eine Patientenverfügung, doch es werden immer mehr. «Seit 2013 weisen wir alle Neueintretenden darauf hin», sagt Rosann Waldvogel, Direktorin der Alterszentren. Sie erlebt oft, dass Angehörige den Sterbewillen nicht respektieren wollen. «Die direkten Nachkommen hängen stark an den Eltern, während die Enkel besser mit dem Sterben umgehen können.» Für Waldvogel ist klar, dass das Heim den Willen der alten Menschen verteidigen muss.

Die Patientenverfügung ist ohne Zweifel wichtig; ganz besonders für Menschen, die an einer Demenz erkranken. Man sollte seinen Willen rechtzeitig kundtun und mit den Angehörigen darüber reden, damit diese ihn mittragen. Das wird an dem Werkstattgespräch an vielen Tischen gesagt. In der Patientenverfügung äussert man sich zu medizinischen Behandlungen am Lebensende, zum Beispiel: Reanimation ja oder nein? Chemotherapie? Intensivstation? Palliative Behandlung?

Allerdings beantwortet die Verfügung nicht alle Fragen. Im Notfall können nicht vorhersehbare Situationen entstehen, neue Fragestellungen müssen diskutiert und entschieden werden. Dann ist es gut, wenn der Betroffene eine nahestehende Person an seiner Seite hat, die seinen Willen und seine Einstellung dem Tod und dem Leben gegenüber kennt. Eine Diskussionsteilnehmerin sagt es so: «Ich wünsche mir, dass jemand sich für mich einsetzt und für mich kämpft.» In ihrer früheren Tätigkeit als Sozialarbeiterin im Triemli habe sie gesehen, dass Menschen ohne Angehörige sich oft nicht wehren können. Sei es gegen oder für eine Behandlung; beides kommt vor.

Geringer Einfluss des Staates

Stadträtin Nielsen nimmt aus der Diskussion den Wunsch mit, die Bevölkerung für die Patientenverfügung zu sensibilisieren. Sie dämpft aber zu grosse Erwartungen an die Politik. Sterben sei etwas Persönliches, in das sich der Staat nicht einmischen soll: «Dass man am Schluss jemanden hat, der für einen schaut, hat mit dem eigenen Leben zu tun – und auch mit Glück.»

Nielsen will künftig ein- bis zweimal pro Jahr Werkstattgespräche zu altersrelevanten Themen durchführen. Eine Absicht, die Teilnehmer Ueli Nagel interessiert zur Kenntnis nimmt. Der Alt-Gemeinderat der Grünen hatte vor Jahren einen Seniorenrat gefordert. Sein Postulat wurde schliesslich abgeschrieben. Die neue Diskussionsreihe sei ein kleines Überbleibsel seiner Forderung, stellt Nagel fest. Zum Thema des Abends hat der 71-Jährige eine klare Meinung: «Selbstbestimmtes Sterben ist die Fortsetzung eines selbstbestimmten Lebens. Das muss man schon vorher üben.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2017, 21:54 Uhr

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