Überraschung am Prozess um Busprügler

Ein handgreiflicher Streit zwischen zwei jungen Brüdern und einem Securitas-Mann in einem Winterthurer Nachtbus endete mit einer Verurteilung und einem Vergleich.

Ein Einzelrichter am Bezirksgericht Winterthur hatte drei Anklageschriften auf dem Tisch. Beurteilen musste er nur eine.

Ein Einzelrichter am Bezirksgericht Winterthur hatte drei Anklageschriften auf dem Tisch. Beurteilen musste er nur eine. Bild: Stefan Hohler

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Vor dem Bezirksgericht Winterthur wurde heute Freitagmorgen über eine heftige Auseinandersetzung im Nachtbus N 61 in Winterthur vom Dezember 2016 verhandelt. Angeklagt waren zwei Brüder und ein Securitas-Angestellter.

Ein damals 18-jähriger Schweizer hatte im Bus immer wieder den Stopp-Knopf gedrückt, ohne auszusteigen. Der Securitas-Angestellte forderte ihn auf, damit aufzuhören. Als der junge Mann, der in Begleitung seines 21-jährigen Bruders war, weitermachte, befahl ihm der Security-Mann auszusteigen. Bei der Haltestelle Chli-Hegi eskalierte der Streit.

Bis zu diesem Moment ist in den drei Anklageschriften gegen die beiden Brüder und gegen den Securitas-Angestellten der Vorgang noch gleich beschrieben. Danach aber wird der Sachverhalt aus der Sicht der beiden Parteien beschrieben, und die Staatsanwältin überliess die Wahrheitsfindung dem Einzelrichter. Dieser musste nun entscheiden, ob nur die Brüder oder nur der Sicherheitsmann verurteilt werden, ob alle drei schuldig sind oder mangels Beweisen freigesprochen werden.

Knie ins Gesicht gestossen?

So steht in den Anklageschriften der beiden Brüder, dass der Ältere draussen dem Sicherheitsmann sein Knie dermassen heftig ins Gesicht stiess, «dass dieser Sterne sah». Als die Brüder den Securitas-Angestellten angreifen wollten, habe sich dieser mit einem Pfefferspray gewehrt – nach Vorwarnung und aus einem Abstand von 1,5 Metern. Beim Wiedereinsteigen in den Bus sei der Securitas-Mann vom älteren Bruder von hinten in den Rücken gekickt worden. Er musste später zum Arzt. Die Staatsanwältin verlangt für die Brüder wegen Gewalt und Drohung gegen Beamte bedingte Geldstrafen von 30 und 120 Tagessätzen und Bussen von 500 und 1000 Franken.

Dem Securitas-Angestellten warf die Staatsanwältin vor, den jüngeren Bruder aus dem Bus gestossen zu haben und ihm ohne Vorwarnung und aus geringem Abstand Pfefferspray in die Augen gesprüht zu haben. Er soll wegen Tätlichkeiten eine Busse von 500 Franken bezahlen.

Einigung zwischen Securitas-Mann und jüngerem Bruder

Der Prozess vor dem Einzelrichter begann mit einer Überraschung. Der Securitas-Angestellte und der jüngere Bruder hatten sich in einer Vergleichsverhandlung geeinigt. Der 18-Jährige zog darauf den Strafantrag gegen den Sicherheitsmann zurück, und dieser machte eine Desinteresse-Erklärung und verzichtete damit auf eine Verurteilung.

Der Richter akzeptierte den Vergleich und stellte die beiden Verfahren ein. Zwar ist Gewalt und Drohung gegen Beamte ein Offizialdelikt. Im Fall des jüngeren Bruders, der den Securitas-Angestellten nur geschubst und sich vor ihm bedrohlich aufgebaut hatte, handle es sich aber nur um ein geringfügiges Vergehen. Das Interesse der Öffentlichkeit für eine Bestrafung sei daher gering, argumentierte der Richter.

Älterer Bruder verurteilt

Der ältere Bruder hingegen wurde verurteilt. Er war zwar geständig, hatte aber einen Freispruch verlangt. Er habe sich bedroht gefühlt und habe seinem Bruder helfen wollen. Er hatte sich beim Securitas-Angestellten schon während der Untersuchung entschuldigt und tat dies nochmals am Prozess. Der Knieschlag ins Gesicht sei nicht absichtlich gewesen,vielleicht sei es auch nur ein Schlag mit dem Ellenbogen in der Hitze des Gefechts gewesen, sagte er.

Der Einzelrichter verurteilte den 21-jährigen Schweizer wegen Gewalt und Drohung gegen Beamte zu einer bedingten Geldstrafe von 70 Tagessätzen à 60 Franken, verzichtete aber auf eine Busse. Strafmindernd sei das Geständnis und die Entschuldigung sowie die Tatsache, dass der Richter bezüglich des Knieschlags ins Gesicht zu einem Freispruch kam.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.07.2018, 12:24 Uhr

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