Und plötzlich regt sich Widerstand gegen den «ZKB-Werbegag»

Bewohner der Zürcher Quartiere Riesbach und Enge stören sich an den hochfliegenden Plänen für die Seilbahn über den See. Sie wünschen sich etwas anderes.

Gondeln über dem Zürichsee: Eine neue Luftseilbahn soll die Landiwiese mit dem Zürichhorn verbinden. Video: TA/Zürcher Kantonalbank

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«Lustvoll», «innovativ», «auf Zürich zugeschnitten» soll sie sein: Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) und Baudirektor Markus Kägi (SVP) sind voll des Lobes für das Jubiläumsgeschenk der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Eine Seilbahn, die Landiwiese und Zürichhorn für fünf Jahre oder länger verbindet. Am vergangenen Donnerstag hat die Bank ihre Pläne vorgestellt. Doch nun regt sich Widerstand – ausgerechnet aus den Quartieren Riesbach, Enge und Wollishofen, die ab 2020 durch die Bahn verbunden werden sollen.

«Altbacken und alles andere als innovativ» sei das Projekt der Kantonalbank, kritisiert Urs Frey, Präsident des Quartiervereins Riesbach. «Eine Neuauflage von etwas, das es schon zweimal gab.» Die Bahn sei auch nicht geeignet, der Diskussion um Verkehrsfragen in Zürich neue Impulse zu verleihen, wie es sich die Bank von ihrem 60-Millionen-Geschenk an die Zürcher Bevölkerung wünscht. «Das wird allenfalls die gleichen Diskussionen auslösen wie nach der Gartenbauausstellung im Jahr 1959», sagt Frey. Damals wurde die Verbindung über den See nach sieben Jahren Betrieb aus landschaftsschützerischen Gründen wieder abgebaut.

Schiff für 50 statt Gondel für 5 Jahre

Es geht Urs Frey aber auch noch um etwas Grundsätzliches: «Ein See ist ein See, und den überquert man per Schiff.» Wenn die ZKB etwas Innovatives machen wolle, solle sie einen Schiffsbetrieb anstossen, findet der Quartiervereinspräsident. Er hat bereits bei seinen Kollegen in der Enge und in Wollishofen sondiert. Auch im Quartierverein Enge diskutiert man zur Zeit kontrovers, ob die Bahn nicht die Sicht auf die Berge verschandele und ob eine Schiffsverbindung mit modernem Antrieb, zum Beispiel entwickelt an der ETH, nicht geeigneter wäre, das Nachhaltigkeits-Image der ZKB zu pflegen. Zu einer definitiven Haltung sei man im Vorstand aber noch nicht gekommen, sagt Präsident Markus Gumpfer. Er will erst das Gespräch mit der ZKB suchen. Beim Quartierverein Wollishofen hat man die Seilbahn bereits an der gestrigen Vorstandsitzung besprochen und steht dem ZKB Projekt verhalten optimistisch gegenüber. Sorgen macht allerdings, dass das Seilbahnprojekt die vielfältigen Nutzungen auf der Landiwiese beeinträchtigen dürfte.

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Seilbahn oder Schiffsverbindung?






Mit den 60 Millionen Franken, die der Seilbahnbetrieb während 5 Jahren gemäss Schätzungen der ZKB kosten würde, liesse sich eine Fährverbindung der ZSG nicht nur für fünf, sondern um die 50 Jahre finanzieren, hat ein Vorstandskollege von Frey ausgerechnet. «Also bis zum nächsten Jubiläum der ZKB», wie er sagt. Auch in der Bevölkerung scheint die Idee «Schiff statt Seilbahn» Freunde zu haben: Ein engagierter Bewohner des Seefeldes hat einen Brief an Stadtpräsidentin Corine Mauch und an den Quartierverein geschrieben, in dem er sich für ein «Zürischiff» starkmacht. Was jeweils am Theaterspektakel möglich sei, könne ein Riesenhit werden, als Verbindung zwischen zwei nahe gelegenen Seequartieren, «zu Fuss, per Fahrrad und sogar Rollstuhl. Wir wollen das Zürischiff»!

Bislang zu wenig Nachfrage für ein Schiff

Allerdings ist auch die Idee einer Fährverbindung übers Seebecken nicht sonderlich innovativ: 2007 sammelte der Quartierverein Wollishofen bereits 2000 Unterschriften und verlangte – unterstützt vom Quartierverein Riesbach – die Wiedereinführung einer Schiffsverbindung. Bis zum Jahr 2006 hatte in der Sommersaison jeweils ein Limmatschiff die beiden Quartiere verbunden.

Bereits 2000 hatte eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der ZSG, der Zürcher Verkehrsbetriebe und des Zürcher Verkehrsverbundes (ZVV) die Einführung einer permanenten Fährverbindung zwischen Wollishofen und Tiefenbrunnen geprüft. Das Ergebnis liess den ZVV aus dem Projekt aussteigen, weil sich die Nachfrage als zu gering erwies, um einen ausreichenden Kostendeckungsgrad zu erzielen. 2010 unternahm die CVP im Stadt- und im Kantonsparlament einen neuen Versuch. Sie versprach sich von einem Pendelschiff zwischen Wollishofen, Tiefenbrunnen und Stadelhofen eine attraktive Verknüpfung der drei S-Bahnhöfe und eine Verkehrsentlastung der Innenstadt. Das Postulat wurde im Kantonsrat abgelehnt und im Gemeinderat zurückgezogen.

Video: Das sagen Passanten zur Seilbahn

Spektakulär: Ja. Notwendig: Nein. Die Meinungen auf der Strasse gehen auseinander. Video: Lea Blum

Die Idee einer direkten Schiffsverbindung zwischen den Stadtkreisen 2 und 8 hatte zuletzt Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP) wieder aufs Tapet gebracht. Er beauftragte das Tiefbauamt im vergangenen Jahr, Möglichkeiten, Voraussetzungen und Folgen der Verbindung abzuklären. Den Anstoss gab der Gemeinderat im April 2016, indem er diesen Schiffsweg im regionalen Richtplan eintrug. Die Bürgerlichen lehnten das aus Kostengründen ab, doch SP, Grüne und die Alternativen waren in der Mehrheit. Der Auftrag lautet: kurzfristig eine Fährverbindung zwischen Tiefenbrunnen und Wollishofen einzurichten, die als öffentliches Verkehrsmittel dient und auch Velos transportieren kann.

Landschaftsschutz will Seilbahn «kritisch prüfen»

Nicht nur bei den Quartiervereinen stösst die Idee der ZKB auf Kritik: Auch der Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) hat Bedenken: Gabi Petri, Co-Geschäftsführerin und grüne Kantonsrätin, hat kein Verständnis für das Tourismus- und Freizeitprojekt. «Das ist reine Spielerei und hat nichts mit den Wegen zu tun, welche die Menschen in Zürich täglich zurücklegen müssen.» Es sei unverantwortlich, am bereits übernutzen Seeufer mehr Verkehr und mehr Leute anzulocken. Deshalb und aus Gründen des Landschaftsschutzes werde sie sich beim VCS-Vorstand für eine sehr kritische Überprüfung einsetzen, sagte Petri der NZZ.

Auch Raimund Rodewald, Geschäftsleiter der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, wehrt sich gegen die Seilbahn, die eine Entwertung des unteren Seebeckens zur Folge habe. Mit der Seilbahn erhalte dieses den Charakter eines Disneylands. «Unsere Stiftung wird genau prüfen, ob die rechtlichen Vorgaben eingehalten sind», sagt Rodewald. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2017, 16:02 Uhr

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