«Unser Boden wird in rasendem Tempo börsenkotiert»

Die Meinungen über die Neunutzung eines 5,5 Hektaren grossen Industrieareals in Oerlikon weichen stark voneinander ab. Nur in einem Punkt sind sich Politiker von links bis rechts einig.

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In Zürich-Oerlikon wird ein riesiges Industrieareal an bester Lage frei. Die Rheinmetall Air Defence will ihren heutigen Standort aufgeben und 2017 aus der Stadt ziehen, wie der «Tages-Anzeiger» heute Montag schreibt.

Die ABZ, die grösste Wohngenossenschaft der Schweiz, hat bereits Interesse an einem Teilstück des Areals geäussert. Auch politisch stehen schon Forderungen im Raum: Die AL-Fraktion im Zürcher Gemeinderat hat ein Postulat eingereicht, das eine Planungszone verlangt. Damit will sie den Weg für eine Aufzonung der bereits für das Wohnen reservierten Parzelle ebnen, um dort gemeinnützigen Wohnbau zu ermöglichen. Die Rheinmetall selbst ist daran, mit den Immobilienfirmen Mobimo und Hochtief Pläne für das Areal zu entwickeln.

Kein zweites Zürich-West

Es stellt sich insbesondere auch die Frage, ob das heutige Industriegebiet umgezont werden soll oder nicht. «Wir schlagen eine Sonderplanung für die gesamte Zone vor, damit man optimale Nutzungsformen für die verschiedenen Bereiche ausarbeiten kann», erklärt Richard Wolff, Stadtratskandidat der Alternativen Liste und Mitbegründer des Stadtforschungsnetzwerkes Inura.

Wichtig sei, dass das frei werdende Areal vor allem für den gemeinnützigen Wohnungsbau und auch für das Gewerbe genutzt werden könne, betont Wolff. «Im Zuge der Umzonung soll ein Mindestanteil an gemeinnützigem Wohnraum festgelegt werden. Hier müssen entsprechende Auflagen gemacht werden – und genau dafür sollte sich die Stadt nun einsetzen, damit in Oerlikon nicht dasselbe passiert wie in Zürich-West, wo nur teure Wohnungen gebaut werden.»

Von einer Umzonung profitieren nur die Besitzer

Sollte das Gebiet zur Zentrumszone mit Mischnutzung erklärt werden, würde sich der Landwert verdreifachen. Genau das gilt es laut Markus Knauss, Fraktionspräsident der Grünen im Zürcher Gemeinderat und Mitglied der Spezialkommission Hochbaudepartement, Stadtentwicklung, zu verhindern, denn «profitieren würden nur die bisherigen Besitzer des Areals».

In Zürich sei günstiger Gewerberaum zwar ebenso rar wie bezahlbare Wohnungen. Allerdings gebe es im Wohnbaubereich noch relativ viele Ausnützungsreserven in den Quartieren. «Da kann noch verdichtet gebaut werden», so Knauss. Für das Gewerbe werde der Raum aber knapp. «Wir müssen den wenigen noch verbleibenden städtischen Gewerbezonen Sorge tragen. Für uns kommt es daher nicht infrage, dass auf dem Areal in Oerlikon eine Umzonung oder eine höhere Ausnützung stattfindet.»

Eine ähnliche Haltung vertritt FDP-Politiker und Stadtratskandidat Marco Camin. «Wir brauchen sowohl die Industrie als auch das Kleingewerbe in der Stadt, sonst gehen nicht nur Arbeits- und Ausbildungsplätze verloren, es führt auch zu grossen Steuerausfällen. Dieses Areal sollte daher in erster Linie der Industrie erhalten bleiben», betont er auf Anfrage.

Wenn sich allerdings kein Industriezweig für das Gebiet interessiere, dann müsste die Stadt bei der Diskussion über die beste Lösung für das Areal sicherlich mitreden können. Camin schliesst dabei nicht aus, dass dort auch genossenschaftlicher Wohnraum entstehen könnte – «schliesslich sind die Ziele der Volksabstimmung noch nicht erreicht».

«Dieser Boden gehört der Stadt»

SP-Nationalrätin Jacqueline Badran, Mitglied der Kommission Umwelt, Raumplanung, Energie, setzt die Prioritäten genau umgekehrt. «Es ist inakzeptabel, dass unser Boden in rasendem Tempo börsenkotiert wird. Dieser Boden soll der Stadt gehören. Und diese soll das Land im Baurecht an Genossenschaften abgeben, wie es 76 Prozent der Zürcher Stimmbürger verlangten», lautet ihre Forderung. Die Industrie verabschiede sich leider ohnehin von selbst aus der Stadt. Somit könnte auf dem frei werdenden Areal auch Platz für das produzierende und Kreativ-Gewerbe geschaffen werden, denn auch sie hätten Mühe damit, in Zürich bezahlbare Räume zu finden.

Auch der grünliberale Politiker und Stadtratskandidat Daniel Hodel könnte sich gut vorstellen, dass auf dem heutigen Rheinmetall-Areal mehr Raum für das Kleingewerbe geschaffen wird. Er ist der Meinung, dass die Industrie nicht mehr in der Innenstadt angesiedelt werden sollte. Dafür sei die Wohnungsknappheit schlicht zu gross. Es mache mehr Sinn, in zentrumsnahen Zonen den Wohnanteil zu erhöhen, so Hodel. «Wichtig ist dabei auch, dass man die Verdichtung auf der frei werdenden Zone prüft und je nachdem die Ausnutzungsziffer erhöht.»

Die Stadt könnte dabei – je nach Höhe des Bodenpreises – zumindest einen Teil des frei werdenden Landes erwerben. «Entscheidend ist, dass die Stadt bei den Plänen für das Areal mitreden kann. Sie muss einen Platz am Verhandlungstisch haben», so der GLP-Politiker.

Der Mix muss stimmen

Mario Mariani, CVP-Gemeinderat und Präsident der Spezialkommission Hochbaudepartement, Stadtentwicklung, führt bei der Debatte ins Feld, dass es in Oerlikon bereits diverse Transformationen von Industriearealen in Wohnbauzonen gab. «Diese Entwicklung war bisher grundsätzlich sehr positiv», fasst er zusammen.

Wenn ein Bedarf an weiteren Wohnungen und an strategisch wichtigen Einrichtungen für das Quartier bestehe – beispielsweise für Schulhäuser oder andere Gebäude von öffentlichem Interesse –, dann sei die Stadt gefordert, sich das entsprechende Land zu sichern. «Der Mix im Quartier muss stimmen, und dabei muss man berücksichtigen, was sich bereits in der Nähe dieser Zone befindet und was noch fehlt», betont Mariani.

Warum nicht einen ETH-Cluster

Ganz anders die Haltung der SVP: «An dieser Lage sollte man den Privaten die Möglichkeit zum Bauen geben», sagt Roger Liebi, Präsident SVP Stadt Zürich. Momentan sei man in Zürich nur noch damit beschäftigt, genossenschaftlichen Wohnbau zu planen. «In Oerlikon hat es bereits genug davon. Es muss auch noch anderes möglich sein – vor allem an einer so spannenden Lage.»

Auch Liebi stellt fest, dass das Interesse der Industrie an Standorten in der Stadt schwindet. «Das liegt unter anderem an der Politik der Stadt und den hohen Auflagen für die Erschliessung durch Strassen», lautet seine Erklärung. Er erachtet es hingegen als wichtig, auf dem Rheinmetall-Areal Platz für Gewerberäume zu schaffen. «Ich halte allerdings gar nichts davon, dass man dort das sogenannte Kreativ-Gewerbe ansiedelt. Für sie gibts in der Stadt wirklich bereits genügend Raum.»

Liebi könnte sich vielmehr einen ETH-Cluster auf dem Areal vorstellen – analog zum Bio-Technopark in Schlieren. Er regt daher an, bei der Planung eine engere Zusammenarbeit mit der Hochschule anzustreben. «Es wäre nämlich mehr als schade, wenn ein weiterer solcher Cluster ausserhalb der Stadt erstellt würde.»

Was die Stadtregierung zu den Ideen der Politiker sagt, war nicht in Erfahrung zu bringen. Sowohl Stadtpräsidentin Corine Mauch als auch Stadtrat André Odermatt, Vorsteher des Hochbaudepartements, waren für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. «Die Stadt hat alles Interesse, bestehende Industriegelände für eine Nutzung durch Gewerbe und Industrie zu erhalten», liess Odermatt durch seinen Pressesprecher Urs Spinner verlauten. Für die Stadt sei daher die aktuelle Zonierung noch immer richtig. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.02.2013, 17:22 Uhr

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