Unser Breitband-Antibiotikum

Wie Sozialhilfe in der Praxis wirklich wirkt.

Der regelmässig Besuch des Sozialamts ist für viele Empfänger eine kurze Phase im Leben. Bild: Esther Michel

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Über Sozialhilfe wird zunehmend heftig und zunehmend schwarz-weiss gestritten. Diskutiert wird vor allem über die Höhe der Beiträge (Tenor: «Zu hoch!») und darüber, wer das System missbraucht («Praktisch alle!»). Kein Thema ist jedoch die Frage, wie Sozialhilfe tatsächlich für die Betroffenen wirkt. Hier ein Diskussionsbeitrag.

Den «typischen Sozialhilfeempfänger» gibt es nicht. Vier beispielhafte Fälle:

Eine 21-jährige Frau mit 2-jähriger Attestlehre als Büroassistentin, im Anschluss hat sie nur temporäre Jobs, aber keine feste Stelle gefunden.

Ein Mann, der Vollzeit bei einem Grossverteiler Gestelle auffüllt. Seine Frau macht den Haushalt und betreut die drei schulpflichtigen Kinder. Das monatliche Budget ist im Minus.

Eine 35-jährige Frau, alleinerziehend mit zwei schulpflichtigen Kindern. Sie arbeitet Teilzeit, der Vater zahlt Alimente. Die Einnahmen reichen nicht für den Lebensunterhalt.

Ein Mann Anfang 60. Seine letzte Stelle verlor er vor fünf Jahren. Nach einer neuen Arbeit hat er vergeblich gesucht. Er wurde ausgesteuert, sein Vermögen war nach zwei Jahren aufgebraucht, sein Umfeld hat ihn lange unterstützt, aber jetzt geht es einfach nicht mehr.

Nicht für ewig

Die gute Nachricht: Für einen grossen Teil der Betroffenen ist die Sozialhilfe nur eine Übergangslösung. Sie sind nur einige Wochen oder Monate auf Unterstützung angewiesen – bis zum nächsten Job oder beim Warten auf einen Versicherungsentscheid. Andere leben jedoch für Jahre ganz oder teilweise von Sozialhilfe. Das liegt in den meisten Fällen nicht daran, dass sie nicht anders wollen. Aber der Arbeitsmarkt sieht für sie schlicht keine Verwendung, weil sie zu wenig qualifiziert sind, die geforderte Leistung nicht erbringen oder einfach nicht dem Idealbild des dynamischen Mitarbeiters entsprechen.

Wer Sozialhilfe bezieht, erhält neben Miete und Krankenkassenbeitrag gerade so viel, dass es zum Überleben und für eine minimale Teilnahme am gesellschaftlichen Leben reicht. Also einem gelegentlichen Kaffee im Selbstbedienungsrestaurant oder hin und wieder einem Besuch im Kino.

Unterschiedliche Funktionen

Doch Sozialhilfe ist nicht einfach Überlebenshilfe. Sie erfüllt ganz unterschiedliche Funktionen. Um zu den Beispielen zurückzukehren: Für die junge Frau ist Sozialhilfe eine Starthilfe. Sie wird gecoacht, besucht Arbeitsintegrationsprogramme. Für sie ist das Ziel die berufliche Integration, die Ablösung aus der Abhängigkeit.

Für die fünfköpfige Familie ist Sozialhilfe eine Ergänzungsleistung, weil das Einkommen nicht zum Leben reicht, bis etwa der Mann beruflich weiterkommt oder seine Frau einen Job findet. Die Alleinerziehende ist durch die Scheidung dem grössten Armutsrisiko ausgesetzt. Für sie ist Sozialhilfe ein Betreuungsgeld. Ein Vollzeitjob ist wegen ihrer Mutterpflichten nicht realistisch. Für den 60-Jährigen ist die Sozialhilfe eine Rente vor der Rente. Ihm bleibt keine andere Wahl, als den Tag zu erwarten, an dem die AHV einsetzt. Eine Rückkehr in den Arbeitsmarkt ist für Leute seines Alters eine Illusion.

Das letzte Netz

So erfüllt die Sozialhilfe nicht einfach nur einen Zweck, sondern viele. Sie ist ein Breitband-Antibiotikum, das letzte Netz vor Obdachlosigkeit und Ausgrenzung. Besonderes Augenmerk verdienen Kinder und Jugendliche, die grösste Gruppe in der Sozialhilfe. Förderangebote sorgen dafür, dass sie ohne Defizit ihre Schulkarriere starten können. Ausserfamiliäre Betreuungs­angebote erhöhen die Chance, dass Eltern sich aus der Sozialhilfe lösen können.

Viele Sozialhilfeempfänger stehen bereits nah am Rand der Gesellschaft. Setzt man um, was gewisse politische Stimmen lauthals fordern, nimmt man diesen Menschen ihren minimalen finanziellen Spielraum, ihre Würde und alle Perspektiven. Man nimmt ihnen das Recht, Menschen zu sein, die mitten unter uns leben.

Raphael Golta ist SP-Politiker. Als Zürcher Stadtrat steht er dem Sozialdepartement vor.

Erstellt: 01.09.2015, 15:14 Uhr

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