Unterwegs in der B-Schweiz

Winterthur, die zweitgrösste Stadt im Kanton Zürich, kommt nicht vom Fleck.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie soll ich sagen, Winterthur ist anders. Zumindest für jemanden, der in der schmucken Innerschweiz auf­gewachsen ist, sich täglich auf der Achse Luzern–Zug–Zürich bewegt und den Steuerwettbewerb als offensichtlich wichtigste politische Handlungs­maxime erfahren hat. Private Gründe haben nun dazu geführt, dass der Zentralschweiz-Korrespondent des «Tages-Anzeigers» sich vermehrt in Winterthur aufhält. Der erste Eindruck fiel etwas verstörend aus.

Es fängt mit dem schmuddeligen Bahnhof an, der wirklich keine gute Visitenkarte abgibt. In Luzern, Zug und Zürich sind die Bahnhöfe repräsentative, moderne und grosszügig angelegte Anlagen, während in Winterthur die düstere Gleishalle und die engen Unterführungen den Mief der Achtzigerjahre atmen. Draussen vor dem Bahnhof eilen nicht asiatische Touristen, Rohstoffhändler oder Hipster wie in Luzern, Zug und Zürich umher. Es sind auffallend viele Arbeitslose, Alte und Alkoholiker, die hier im Weg stehen.

Gewiss, ich übertreibe. Aber warum kommt mir gerade in Winterthur Klaus J. Stöhlker in den Sinn? Seine ausgelutschte These ergibt plötzlich Sinn: «Die A-Schweiz hängt die B-Schweiz ab.» Zur A-Schweiz gehören für den PR-Mann die globalen Führungskräfte des Finanzplatzes und der internationalen Konzerne. Im Gegensatz dazu steht die B-Schweiz, die sich seit 30 Jahren im Niedergang befindet. Es ist offensichtlich, zu welcher Schweiz Winterthur gehört: eine zwar grosse frühere Industriestadt, die aber in jeder Hinsicht im Schatten der Metropole Zürich steht.

Nichts passt zusammen

Es wurde mir gesagt, dass sich Winterthur in den letzten Jahren im Zentrum aufgehübscht habe. Wer in Luzern aus der grandiosen, von Stararchitekt Santiago Calatrava entworfenen Bahnhofsvorhalle auf den Vorplatz tritt, erblickt Jean Nouvels Kultur- und Kongresszentrum, die Nobelhotels am gegenüberliegenden Seeufer und als Krönung die Museggmauer – ein einmalig harmonisches Stadtbild.

Im Zentrum Winterthurs bietet sich dem Besucher ein Sammelsurium von schlechter Architektur der vergangenen Jahrhunderte – nichts passt am Bahnhofsplatz zusammen. Das 1500 Quadratmeter grosse «Pilzdach», das neuerdings die Buspassagiere vor Wind und Wetter schützt – man wähnt sich in einem Science-Fiction-Film der Sechzigerjahre. Oder die braunen, im Brutalismusstil erstellten Waren- und Bankhäuser lassen Winterthur wie eine deutsche Stadt wirken, die nach den Bomben des Zweiten Weltkriegs zu schnell wiederaufgebaut wurde.

Kulisse für einen Zombie-Film

Die Winterhurer Altstadt ist nach Angaben von Winterthur Tourismus «die grösste zusammenhängende Fussgängerzone der Schweiz mit ihrem bunten Mix aus Fachgeschäften, Boutiquen, Cafés und Restaurants». Geschenkt. Andere Städte haben genauso so schöne, wenn nicht schönere Altstädte. Dem Auge des früheren Wirtschaftsjournalisten fällt hingegen etwas anderes auf: Leerbestände. Einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt befindet sich das historische Kesselhaus. Hier legten die Gebrüder Sulzer 1834 den Grundstein für ihr Industrieimperium.

2010 eröffnete in dieser denkmalgeschützten Kathedrale der Industrie ein gleichnamiges Shopping- und Entertainmentcenter. Es steht heute weitgehend leer. Im Sommer 2013 machte der einstige Ankermieter, der Unterhaltungselektronik-Anbieter Saturn, dicht. Noch heute blickt man durch die heruntergelassenen Jalousien auf ein riesiges, leer geräumtes Verkaufsareal – die perfekte Kulisse für einen Endzeit-Zombie-Thriller. Trotzdem leistete sich die Stadt gleich gegenüber ein weiteres Shoppingcenter, dem bereits wieder die ersten Mieter abspringen.

Ein Stück weiter ragt das ehemalige Sulzer-Hochhaus als städtisches Wahrzeichen empor – eine weitere Winterthurer Leidensgeschichte. Ganze zehn Jahre stand der fast 100 Meter hohe Wolkenkratzer leer. Man muss sich folgenden Satz auf der Zunge zergehen lassen: Ein frisch renoviertes Bürohaus mit 15'000 Quadratmeter Nutzfläche findet im Wirtschaftskanton Zürich keine Mieter. Dann endlich bezog Sulzer im Jahr 2013 die oberen 14 der 28 Etagen. Der Rest ist bis heute leer geblieben.

FC St. Pauli der Schweiz

Derweil sucht Luzern seit Jahren händeringend nach zusammenhängenden, grossen Büroflächen. Die Lage habe sich wegen der Masseneinwanderungsinitiative und dem starken Franken etwas entspannt. «Aber auch heute könnten wir problemlos 10'000 Quadratmeter auf einen Schlag an bestehende oder neue Firmen vermieten. Wir würden uns die Finger lecken, gäbe es bei uns ein Gebäude wie das Sulzer-Hochhaus», sagt Walter Stalder, Luzerner Wirtschaftsförderer.

Ich könnte es gut nachvollziehen, wenn einige Winterthurer diesen Artikel vor Ärger nicht fertig gelesen haben. Winterthur hat viele Qualitäten, die man aber erst auf den zweiten, dritten oder vierten Blick wahrnimmt. Nach wie vor ist Winterthur eines der grossen Zentren für Maschinenbau in der Schweiz. Industriestädte ticken anders als Bankenplätze oder Fremdenverkehrsorte. Das spürt man auch in Biel oder La Chaux-de-Fonds.

Viele Industriebauten wurden mittlerweile in Wohnungen, Fachhochschulen oder Kulturlokale umfunktioniert. Trotzdem versprüht Winterthur weiterhin einen Geist der Ehrlichkeit, während dem Tourismus in der Zentralschweiz das Image der Käuflichkeit anhaftet. Das gigantische Sulzer-Areal ist eine erholsame Gegenwelt zur durchkommerzialisierten Luzerner Altstadt, wo Einheimische nur noch Statisten sind.

Ich las, der FC Winterthur («erstklassig zweitklassig») sei so etwas wie der Hamburger FC St. Pauli der Schweiz. Übernächste Woche kommt der deutsche Zweitligist mit dem Underdog-Image für ein Freundschaftsspiel nach Winterthur. Ich habe bereits Tickets reserviert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2015, 00:01 Uhr

Artikel zum Thema

In Winterthur klappts mit dem Stadionprojekt

Nach zehn Jahren Wartezeit ist die Finanzierung des Sportzentrums Wincity gesichert. Die Verantwortlichen rechnen damit, dass die Halle bereits Ende 2017 eröffnet werden kann. Mehr...

Stadt Winterthur streicht 110 Stellen

Winterthur muss sparen. Nun hat der Stadtrat ein Sanierungsprogramm von 44 Millionen präsentiert. Dieses sei «schmerzhaft», sagt der Stadtrat. Betroffen sind durch Abbau und Auslagerung insgesamt 550 Stellen. Mehr...

Der Winterthur-Knick

Das Bevölkerungswachstum in Winterthur geht deutlich zurück. Warum der Stadtrat daran Positives findet. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Neue Perspektiven der Schweiz erleben

Die Air Zermatt AG und der Autovermieter Hertz sorgen für eine sichere und erlebnisorientierte Mobilität, die neue Perspektiven eröffnet.

Kommentare

Blogs

Beruf + Berufung Ihr Büro ist die Welt
History Reloaded Die ewige Suche nach der verschollenen Insel
Politblog Bomben im Bundeshaus

Die Welt in Bildern

Volle Lippen: Indische Künstler verkleiden sich während des Dussehra Fests in Bhopal als Gottheit Hanuman. (19.Oktober 2018)
(Bild: Sanjeev Gupta/EPA) Mehr...