Die Migros schlittert in eine Krise

Interne Zahlen zeigen: Das Kerngeschäft schrumpft – und die neue Präsidentin ist bereits geschwächt.

Für den orangen Riesen geht es vor allem abwärts: Der Schriftzug einer 2013 geschlossenen Filiale in Bern wird demontiert. Foto: Keystone

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Nächste Woche wird der Migros-Genossenschafts-Bund (MGB) eine erste Bilanz über das abgelaufene Geschäftsjahr ziehen. Es wird ein eher trister Rückblick sein. Bereits im Dezember hatte MGB-Präsidentin Ursula Nold ­angedeutet, dass 2019 kein erfolgreiches Jahr werden würde. ­Interne Zahlen aus der Chefetage zeigen nun, dass neun von zehn Regionalgenossenschaften Umsatzverluste verzeichnen.

Und das ausgerechnet im Kerngeschäft, das mit den ­Supermärkten und den Fachmärkten den Löwenanteil des Gesamtumsatzes der grössten Schweizer Arbeitgeberin liefert. Die bis Dezember kumulierten Zahlen aller zehn Genossenschaften weisen einen Umsatz exklusive Mehrwertsteuer von 13,4 Milliarden Franken aus, das ist ein Rückgang von 1,4 Prozent.

Mit Ausnahme der Genossenschaft Zürich, die ganz leicht ­zulegen konnte, haben alle ­Regionen verloren – Genf und die skandalgeschüttelte Genossenschaft Neuenburg-Freiburg mehr als 3 Prozent, Wallis und Tessin deutlich mehr als 2 Prozent. Selbst die grösste und wirtschaftlich stärkste Genossenschaft, Migros Aare, blieb 2,1 Prozent unter dem Vorjahr. Zusammen mit Zürich und der Ostschweiz liefert Aare über die Hälfte des Genossenschaftsumsatzes.

Die offiziellen Umsatzzahlen der Regionalgenossenschaften, die jeweils im Frühling publiziert ­werden, liegen etwas höher, weil sie noch weitere Erlöse umfassen. Doch die Zahlen zum Kerngeschäft zeigen, wie ernst die Situation bei der Migros-Gruppe ist.

Die Migros kann mit der Konkurrenz nicht mithalten

Die Migros verliert gegenüber der Konkurrenz an Boden. Die Discounter Lidl, Aldi und Denner dürften im letzten Jahr alle um über 2 Prozent gewachsen sein, und auch Coop hat im Kerngeschäft leicht zugelegt. Beunruhigend ist auch, dass der Umsatzrückgang aller Genossenschaften mit einer Flächenerweiterung um rund 3 Prozent einherging, was auf eine sinkende Flächenproduktivität hindeutet.

Die Entwicklung 2019 ­akzentuiert die Schwäche, welche die Migros seit längerem plagt. Seit 2010 hat der orange Riese die Zahl der Supermärkte und deren Fläche um rund 12 Prozent erhöht. Trotzdem haben die zehn Regionalgenossenschaften Umsatz verloren – in einer Zeit, in der die Wohnbevölkerung der Schweiz um 700'000 Personen zugenommen hat.

Die Migros hat dabei auch ein Profitabilitätsproblem. Beim Betriebsergebnis gemessen am Umsatz hat Coop die Migros 2017 erstmals überholt. Der Gewinn ist 2018 auf 475 Millionen eingebrochen, fast die Hälfte stammte von der ­Migros-Bank. Angesichts des schwachen Geschäftsgangs dürfte der Gewinn 2019 weiter gelitten haben.

Die Gründe für die negative Entwicklung sind vielschichtig. Durch die Fortschritte von Aldi und Lidl hat das Preis-Image ­gelitten. Konsumentenbefragungen über die die Preisfairness und über das Preis-Leistungs-Verhältnis zeigten dem Management schon vor längerem, dass die ­Migros in der Gunst ihrer Kundschaft sinkt, während die deutschen Discounter zulegen.

Mit einer Preissenkungsrunde bei 1500 der meistverkauften Produkte versucht die Migros seit Mitte letzten Jahres Gegensteuer zu geben. Doch offensichtlich greift die neue Strategie noch nicht. Das bestätigt die Migros Ostschweiz. Die drittgrösste Genossenschaft hat als einzige bereits ihren Gesamtumsatz publiziert. Als Grund für den Umsatzrückgang nannte das Management unter anderem besagte Preissenkungen. Zwar seien praktisch gleich viele Kunden in die Läden gekommen, doch der Durchschnittsbetrag pro Einkauf sei gesunken. Migros-Präsidentin Ursula Nold räumte Mitte Dezember ein, dass der Erfolg der Preisstrategie noch nicht sichtbar sei. Es brauche Geduld.

Stärkerer Fokus aufs Kerngeschäft

Die Migros hat in manchen Bereichen zu hohe Kosten, was sich ­angesichts der Konkurrenz durch Discounter, Onlinehandel und Einkaufstourismus rächt. Gemäss ­Insidern liegen etwa die Kosten für den Ladenausbau je Quadratmeter teils deutlich höher als bei der ­Konkurrenz. Das liegt auch daran, dass die Regionalgenossenschaften gerne teure Unikate und Vorzeigezentren bauen, sodass Skaleneffekte nicht realisiert werden.

Auch die Strategie ist intern umstritten. Die Migros verkaufte in den letzten Monaten mehrere Tochterunternehmen, darunter das Möbel- und Wohnaccessoires-­Geschäft von Interio und Depot. Als nächstes ist Globus an der ­Reihe. Die Migros will sich laut eigenen Angaben stärker aufs Kern­geschäft konzentrieren. Wie dort aber die Trendwende geschafft werden und woher das Wachstum ­kommen soll, bleibt unklar.

Der Strategiefindungsprozess leidet darunter, dass die Zentrale und die Regionalfürsten nicht mehr am gleichen Strick ziehen. Strategien müssen von den regionalen Chefs im entscheidenden Gremium, dem Ausschuss Detailhandel, abgesegnet werden. Das führt gemäss Insidern zu unbefriedigenden Kompromissen, die dann in den Regionen auch nicht mit Überzeugung umgesetzt werden. Das produziert Frustration auf ­allen Seiten.

Regionen und Zentrale entfremden sich

Im letzten Jahr kam es in der Generaldirektion des MGB zu einem kompletten Umbruch. ­Marketing, Industrie, Informatik – überall sitzen neue Manager. Auf Mitte 2020 verabschiedet sich auch Thomas Schmid, seit 2014 Leiter der wichtigen Direktion Frische.

Die regionalen Genossenschaften und die Zentrale des MGB in Zürich haben sich seit dem Amtsantritt von CEO Fabrice Zumbrunnen Anfang 2018 stark ­entfremdet. Zumbrunnen wollte die Genossenschaften mit dem Sparprojekt «Puma» auf mehr Effizienz trimmen. Doch das ­Kernstück, eine Zentralisierung der ­Logistik im Bereich Frische, scheiterte am Widerstand der Regionalchefs.

Inzwischen haben verschiedene Genossenschaften ihre eigenen Sparpläne initiiert, doch die komplexe Struktur der Migros sorgt weiterhin für zu hohe Kosten im operativen Geschäft. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Die neue Präsidentin Ursula Nold, die die Regionen von der Dringlichkeit einer ­engeren Zusammenarbeit überzeugen müsste, ist nach der Affäre um die Genossenschaft Neuenburg-Freiburg bereits geschwächt.



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Erstellt: 11.01.2020, 19:58 Uhr

Wechsel in der Industrie

Auch die für den Migros-Konzern wichtige Industrie-Gruppe ist im Umbruch und wird auf ihre Ausrichtung überprüft. Seit letztem Juni hat der Bereich mit Armando Santacesaria einen neuen Geschäftsführer, der vom Markenriesen Kellogg kam. Nun kommt es bereits zu Wechseln auf der Stufe darunter: Otmar Hofer, Chef der Jowa-Bäckerei, hat das Unternehmen verlassen, wie man in der Migros-Zentrale bestätigt. Hofer, langjähriger Migros-Manager, war erst auf Anfang 2018 zum neuen Chef des Bereichs ernannt worden. Gleichzeitig leitete er noch das Segment Convenience, Getränke und Backwaren. (kfk)

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