Verschrottet statt begraben

Die Stadtpolizei hat ein illegal deponiertes Kunstwerk zerstört. Nun wird sie von einem Künstlerkollektiv auf eine Million Franken Schadenersatz verklagt.

Soll laut den Erschaffern eine Million wert sein: Im November war die Heckflosse in der Nähe des Schwimmbad Heuried «zwischengelagert».

Soll laut den Erschaffern eine Million wert sein: Im November war die Heckflosse in der Nähe des Schwimmbad Heuried «zwischengelagert». Bild: Simon Eppenberger

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Man begrüsst und fördert sie, Zürichs Kunst im öffentlichen Raum – zumindest, wenn die Stadt den Segen dazu gibt. Ansonsten wird sie abgerissen und verschrottet, wie die nachgebaute Heckflosse einer Boeing 747.

Beim vernichteten Werk handelte es sich um die Galionsfigur eines breit angelegten Zürcher Kunstprojekts mit dem Ziel, einen richtigen Jumbo zu begraben. Die von mehreren Künstlern gestaltete Heckflosse war schon weit herumgekommen: Rösser zogen sie durch die Zürcher Innenstadt, die Künstler schleppten sie zu Fuss nach Neuenburg, sie ruhte auf der Saffa-Insel und auf dem Dach der Galerie Perla Mode.

Eine Heckflosse auf Reisen

Im letzten Oktober machte die Heckflosse einen Ausflug ins damals besetzte Hotel Atlantis. Der Verein transportierte sie vorzeitig wieder ab, damit sie bei der angekündigten Räumung nicht beschädigt würde. Bis die vier Meter hohe Fiberglaskonstruktion in einer Galerie hätte untergestellt werden können, fehlten noch zehn Tage. Weshalb man beschloss, sie an der unscheinbaren Kreuzung Döltschiweg/Wasserschöpfi unterhalb des Atlantis zwischenzulagern – festgebunden an eine Strassenlampe. Eine Bewilligung dazu fehlte, dies wurde der Heckflosse zum Verhängnis.

Fünf Tage nach dem Abstellen beschwerte sich ein Anwohner über die «Skulptur». Die Stadtpolizei besichtigte die Flosse, stufte sie nicht als Kunst, sondern als Schrott ein und beauftragte Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) damit, das Ding «im Schnellverfahren» zu vernichten. Den Verein kontaktierte die Polizei nicht, obwohl dessen Website darauf geschrieben stand.

«Mehr als eine wertlose Bastelei»

Nach dem rätselhaften Verschwinden verschaffte sich Vereinspräsident Otmar Trost durch Herumtelefonieren Gewissheit über die Zerstörung. «Mir fiel der Hörer aus der Hand.» Für Trost hat die Polizei fahrlässig und falsch gehandelt. Über die Website hätte man ihn leicht finden können. Die Polizei hätte das Werk einstellen und dann gegen Busse freigeben müssen. «Die aufwendige Konstruktion und Befestigung zeigten, dass es sich um mehr als eine wertlose Bastelei handelte.» Stehe ein Porsche im Parkverbot, werde er auch nicht gleich verbrannt. Ausserdem, so Trost, habe keine Dringlichkeit bestanden. «Die Flosse störte den Verkehr nicht.» Er vermutet, die Polizei habe die Skulptur für ein Überbleibsel der Atlantis-Besetzung gehalten und kurzen Prozess gemacht.

Mit einem Sarg an die Art Basel

Die amtliche Kunstverbrennung versetzte der Aktion einen empfindlichen Knick. «Bury the Jumbo» war an mehrere Kunstevents eingeladen, etwa die Art Basel, wo der Verein mit einem selbst gezimmerten Sarg statt mit Heckflosse auftrat. Das Werk lasse sich nur schwer rekonstruieren: «Es war harte, anstrengende Arbeit. Das macht niemand zweimal ohne Lohn», sagt Trost. Erst suchte der Verein den Kontakt zur Polizei. «Wir wollten keine Konfrontation. Wir stehen für ein neues Miteinander.» Man habe der Stadt angeboten, sie solle die 10 000 Franken Materialkosten für die Rekonstruktion übernehmen. Und zwei Mann für den gemeinsamen Wiederaufbau bereitstellen.

Die Stadtpolizei lehnte ab, da sie sich keiner Schuld bewusst ist. «Wenn man Gegenstände auf öffentlichem Grund illegal deponiert, räumen wir sie weg. Das läuft immer so», sagt Stapo-Medienchef Marco Cortesi. Es sei nicht Aufgabe der Polizei, einzuschätzen, ob es sich dabei um Kunst handle. «Jeder könnte sein Bett auf die Strasse stellen und behaupten, das sei Kunst», sagt Cortesi. Für diese Beurteilung seien Experten zuständig. Was in diesem Fall auch nichts geändert hätte: Bei der Kiör (der städtischen Gruppe Kunst in öffentlichem Raum) hat man noch nie von «Bury the Jumbo» gehört. Die Heckflosse sei zudem versprayt gewesen, sagt Cortesi. Darum schien es fraglich, ob die angemalte Internetadresse zu den Besitzern führen würde.

Der Verein wollte «solche Ausflüchte» nicht akzeptieren und schwenkte auf den Rechtsweg ein. Beim Strafprozess musste er soeben eine Niederlage einstecken. Nachdem die Staatsanwaltschaft alle Beteiligten einvernommen hat, will sie das Verfahren einstellen. Die Verantwortung lasse sich niemandem direkt zuschreiben, heisst es. Der Verein prüft, dagegen zu rekurrieren.

Pins für alle Zürcher

Zu einem Zivilprozess kommt es so oder so. «Bury the Jumbo» verklagt die Polizei auf Schadenersatz von einer Million Franken. Der Wert von Kunst sei schwer messbar, sagt Trost. Doch die beteiligten Künstler besässen grosses Renommee, ausserdem habe die Flosse dank ihrer vielen Auftritte beträchtliche Bekanntheit erreicht. So errechne sich die Summe von einer Million. Würde der Verein vor Gericht siegen, will er Beteiligungspins im Wert der Entschädigung an alle Zürcher verschenken. «So flösse das Geld an die Steuerzahler zurück», sagt Trost.

Die Stadtpolizei sieht dem Prozess gelassen entgegen. «Wir haben dem Verein unsere Sicht dargelegt. Nun entscheiden die Richter», sagt Marco Cortesi. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.10.2011, 10:02 Uhr

Sommer 2010: Werbung für die Kunstaktion «Bury the Jumbo» auf der Saffa-Insel. (Bild: zvg)

Alte Jumbos gibts für 70 000 Dollar

Burythejumbo.com wurde 2008 von drei Zürchern gegründet. Ihr Ziel: einen echten Jumbo zu begraben, die Heckflosse allein soll am Schluss noch über die Erde ragen. Der Nachbau einer solchen diente deshalb als Symbol des Projekts. Seit drei Jahren tourt der Verein durch die Schweiz und Europas Hauptstädte, um für die Aktion zu werben. Mit dabei sind Zürcher Künstler wie Patrick Graf, lokale und internationale Musiker wie Jasmin O’Meara, Bassistin von Zoot Woman. Das Projekt finanziert sich über Spenden. Jeder, der sich daran beteiligt, erhält ein Mitspracherecht über künftige Aktionen.

«‹Bury the Jumbo› soll zeigen, dass das Unmöglichste möglich ist, den Menschen ihre jugendliche Euphorie zurückzugeben», sagt Präsident Otmar Trost. Weiter fördere man Künstler, die nicht in den Zürcher Kunstmarkt eingebunden seien, indem man ihnen ermögliche, sich einer breiten Öffentlichkeit zu zeigen.

«Mediales Grossereignis»

Trost glaubt an die Machbarkeit des Projekts. «Für Sponsoren wird es hochinteressant. Das eigentliche Begräbnis wäre ein mediales Grossereignis.» Er hat bereits Kontakt mit Händlern von ausgemusterten Jumbos aufgenommen. In Thailand bekomme man einen solchen für 70 000 Dollar, allerdings nicht mehr flugtauglich. Eine noch funktionierende Boeing koste deutlich mehr. «Dafür könnte man eine Abschlusstournee um die ganze Welt fliegen.»

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