Viel Lärm um ruhigere Nächte

Die Glocken der reformierten Kirche Wipkingen verstummen neuerdings zwischen Mitternacht und 6 Uhr morgens. Das geht Anwohnern nicht weit genug.

Umstrittene Glockenschläge in der Kirche Wipkingen: Die Kirchgemeinde streicht den nächtlichen Stundenschlag von Mitternacht bis 6 Uhr, Anwohner wollen eine längere Nachtruhe.

Umstrittene Glockenschläge in der Kirche Wipkingen: Die Kirchgemeinde streicht den nächtlichen Stundenschlag von Mitternacht bis 6 Uhr, Anwohner wollen eine längere Nachtruhe. Bild: Wikimedia Commons / Ikiwaner

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In Wipkingen ist die Kirche zwar noch im Dorf, doch genau das sorgt für Ärger. Nachbarn des Gotteshauses klagen über das nächtliche Glockenläuten der reformierten Kirche und forderten in einem Schreiben eine längere Ruhezeit. In ihrer Versammlung von Ende Oktober hat die Kirchgemeinde nun entschieden, das Läuten nachts von 24 Uhr bis 6 Uhr morgens einzustellen. Das geht Anita Düring, Mitinitiantin der Beschwerde, zu wenig weit.

«Wir brauchen grundsätzlich kein Glockengeläut in der Nacht. Auch auf das viertelstündige Samstagabendgeläut könnten wir gut verzichten», sagt Düring gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Der Entscheid der Kirchengemeinde sei ein Affront. «Ich gehe um 22 Uhr ins Bett und will dann meine Ruhe haben. Wenn die Glocken noch bis 24 Uhr läuten, ist es mir auch mit der vorgeschlagenen Lösung nicht möglich, mit offenem Fenster zu schlafen.»

Beschwerde bei der Gemeinde

Düring steht mit ihrer Forderung nicht allein da. Auch die Kirchenpflege war für eine längere Nachtruhe. «Die Präsidentin selbst machte den Vorschlag, das Glockenläuten von 19 Uhr bis 7 Uhr einzustellen, im Sommer jeweils erst ab 20 Uhr», so Düring. Die Idee sei von allen Mitgliedern der zwölfköpfigen Kirchenpflege gutgeheissen worden. «Die Befugnis, solche Änderungen zu veranlassen, liegt aber bei der Kirchgemeindeversammlung. Die Kirchenpflege kann lediglich einen Antrag stellen.»

Nun will Düring gemeinsam mit der Kirchenpflege des Quartiers die nächsten Schritte planen. «Wir werden ganz sicher weiter für unser Anliegen kämpfen. Nötigenfalls mit einer Beschwerde bei der Gemeinde Zürich.» Die zahlreichen Reaktionen auf ihren Vorstoss bestärken sie im Kampf für eine längere Nachtruhe. «Wir werden mit Solidaritätsbekundungen überschüttet und bekommen Nachrichten von wildfremden Leuten, die den Vorstoss unterstützen und uns helfen wollen. Sie haben alle kein Mitspracherecht, weil sie keine Kirchenmitglieder sind, ärgern sich aber täglich über das Geläute.»

Erstaunlicher Entscheid

Auch Nicolas Mori, Pressesprecher der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich, hat Verständnis für die Anliegen der Anwohner. Er ist der Ansicht, dass der nächtliche Stundenschlag vor allem in der Stadt verhandelbar sei. «Die Kirche ist durch das Wegfallen des Glockengeläuts in der Nacht nicht in ihrer Existenz gefährdet», sagt er auf Anfrage.

Der Entscheid der Kirchengemeinde Wipkingen sei zwar ein demokratischer Mehrheitsentscheid in einem kirchlichen Gremium, den es zu respektieren gelte. Trotzdem ist Mori über diesen Beschluss erstaunt. Vielerorts werde schon heute ab 22 Uhr auf das stündliche Glockenläuten verzichtet – so beispielsweise in Zürich Hirzenbach, Friesenberg, Neumünster, Unterstrass und Seebach. «Insbesondere vor diesem Hintergrund und angesichts der Tatsache, dass es sich hier um ein säkulares und kein kirchliches Geläut handelt – es geht also nicht um eine Kulthandlung, sondern lediglich um eine Zeitangabe – ist es fragwürdig, noch um 24 Uhr die Glocken läuten zu lassen.»

Mehrheit der Kirchen hält an nächtlichem Glockenschlag fest

Das nächtliche Glockenläuten gibt immer wieder zu reden und sorgt auch in anderen Zürcher Gemeinden für Ärger und schlaflose Nächte. Trotzdem halten die reformierten Kirchen in der Stadt und im Kanton Zürich mehrheitlich am nächtlichen Stundenschlag fest. Einige Glocken läuten selbst in der Nacht jede Viertelstunde. Einheitliche Regelungen gibt es nicht. Immerhin wurde das kirchliche Morgengeläut in der Stadt Zürich generell auf 7 Uhr verschoben – in einigen Kirchgemeinden wurde es sogar ganz abgeschafft.

Das Problem sei gemäss Mori vielfach nicht dass, sondern wie geläutet werde. «Die Glocken waren teilweise einfach zu laut.» In solchen Fällen konnte man mit technischen oder baulichen Anpassungen die Dezibel reduzieren. «Es gab auch schon die umgekehrte Situation: Weil eine Kirchenglocke aufgrund eines technischen Problems einmal längere Zeit ausgefallen ist, haben sich die Anwohner beklagt. Sie wollten, dass die Glocken wieder läuten.»

Ganz anders Anita Düring. Sie kann gut auf den nächtlichen Stundenschlag verzichten. Ab Mitte Dezember will sie das weitere Vorgehen in dieser Angelegenheit mit der Kirchenpflege ausarbeiten. «Wir spekulieren aber darauf, dass die Kirchgemeinde aufgrund des einseitigen Echos von sich aus reagiert und im Sinne der betroffenen Bevölkerung vielleicht in einem zweiten Anlauf den ersten Entscheid korrigiert. Das wäre für alle Beteiligten natürlich die einfachste und günstigste Lösung.»

Erstellt: 06.11.2013, 12:33 Uhr

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