«Viele Flüchtlinge finden erst nach acht Jahren zu uns»

Weil Behandlungen oft an der Sprache scheitern, ertragen traumatisierte Flüchlinge laut Psychiater Matthis Schick ihre Symptome jahrelang.

Der Psychiater Matthis Schick leitet seit fünf Jahren das Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer in Zürich.

Der Psychiater Matthis Schick leitet seit fünf Jahren das Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer in Zürich. Bild: Sabina Bobst

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Die Flüchtlingszahlen steigen ständig, im Kanton Aargau errichtet man Zelte, das Bundeszentrum Juch in Zürich ist voll, man behilft sich mit Zivilschutzanlagen. Sie leiten das Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer in Zürich: Was bedeutet diese Wohnsituation für die Betroffenen?
Es ist sehr belastend, wenn man auf engstem Raum mit vielen anderen Menschen zusammenwohnt und wegen der Sprache nicht miteinander kommunizieren kann. Die Trennung von den Familien und die Angst, ausgeschafft zu werden, verschärfen das Ganze zusätzlich. Vor allem bei Flüchtlingen, die traumatisiert und psychisch krank sind, kann sich der Zustand dadurch verschlechtern. Manche Unterkünfte erinnern sie wegen deren militärischer Nutzung und der Polizeikontrollen an Krieg und Gefängnisse in ihrer Heimat.

Wie viele sind denn psychisch krank?
Internationale Studien haben gezeigt, dass je ein Drittel aller Flüchtlinge an einer posttraumatischen Belastungsstörung oder an einer Depression leidet, wobei die Überschneidung hoch ist. In der Schweiz dürften die Zahlen vergleichbar sein. Manchmal katapultiert nur schon der Anblick einer Uniform, Kindergeschrei oder Rauchgeruch die Traumatisierten zurück in die traumatischen Erfahrungen. Die Todesangst ist wieder da, das Zittern, Herzklopfen. Die Betroffenen versuchen, solche Momente zu vermeiden, bleiben aber in einem Alarmzustand gefangen und fühlen sich permanent bedroht.

Wirkt die Schweiz, als Ort der Sicherheit, lindernd?
Die meisten Flüchtlinge sind erst einmal erleichtert, wenn sie es bis in die Schweiz geschafft haben. Sie haben Hoffnung und Ziele, wollen arbeiten und sich eine neue Existenz aufbauen. Doch dann dauert das Asylverfahren oft Jahre, in denen sie sich Sorgen um die Angehörigen im Heimatland machen, nichts planen können und von anderen abhängig sind. Damit beginnt die Zermürbung. Wenn sie dann endlich eine Aufenthaltsbewilligung bekommen, ist bei vielen die Luft draussen. Und Sozialhilfe zu beziehen, beschämt viele, weil das für sie ist, als würden sie betteln.
Andere sind schon von Anfang an schwer symptomatisch: Wegen ihrer Beschwerden sind sie nicht belastbar, haben ausgeprägte Konzentrationsschwierigkeiten und dadurch Mühe, Deutsch zu lernen.

Diese Personen kommen dann zu Ihnen?
Ja, einige davon. Alle unsere Patienten leiden an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Die meisten haben weitere Diagnosen, leiden etwa wegen ihrer Foltererlebnisse unter chronischen Schmerzen. Im Schnitt werden sie uns aber erst acht Jahre nach ihrer Einreise zugewiesen. Das ist unglaublich, wenn man bedenkt, dass sie die Symptome so lange aushalten mussten, ohne die erforderliche Behandlung zu bekommen.

Warum dauert das so lange?
Wir haben zwar ein ausgezeichnetes Gesundheitssystem. Aber der Zugang für fremdsprachige psychisch Erkrankte, vor allem für traumatisierte Flüchtlinge, fehlt häufig. Oftmals werden nur offensichtliche körperliche Erkrankungen, Schlafstörungen oder Schmerzen, behandelt, nicht aber das Trauma, das zugrunde liegt. Zudem scheitern viele Behandlungen an der Sprachbarriere: Es werden keine Dolmetscher eingesetzt, weil das Übersetzen keine kassenpflichtige Leistung ist. Viele Institutionen wollen oder können sich die Dolmetscher nicht leisten. Also übersetzen Nachbarn, Verwandte, die eigenen Kinder. In deren Anwesenheit über so persönliche und einschneidende Erfahrungen wie Folter und Vergewaltigung zu reden, ist extrem schwierig.

Was viele nicht schaffen.
Genau. Dadurch kommt es zu Fehlbeurteilungen und -behandlungen. Auch sind psychische Krankheiten oft stark stigmatisierend und mit Scham verbunden. Wer jahrelang gefoltert wurde oder politisch inhaftiert war, wird misstrauisch und sieht die Welt voller Gefahren. Wenn Patienten derart von der Gesellschaft entfremdet sind, braucht es Zeit, ihr Vertrauen zu gewinnen und sich ihnen anzunähern.

Wie erreichen Sie das?
Mit viel Aufbauarbeit und einem kontinuierlichen Annäherungsprozess. Wir versuchen, uns ein Bild von der Person zu machen: wie sie funktioniert, was ihre Geschichte ist, ohne gleich alle Details zu wissen. Oft dauert es Monate, bis die Patienten uns ausreichend vertrauen. Im Verlauf versuchen wir, unsere Einschätzung derjenigen des Patienten anzunähern. Gelegentlich haben die ganz andere Vorstellungen.

Welche denn?
Dass ihre Ahnen ihr Befinden beeinflussen, dass sie verhext oder besessen sind. Oder sie empfinden ihren Zustand als normal: Eine Frau, die beschnitten ist, erzählt nicht davon, weil sie sich schämt, aber vielleicht auch, weil das in ihrer Heimat selbstverständlich ist. Manche politische Häftlinge etwa haben ihr ganzes Leben lang Diskriminierung erfahren. Für sie ist die Welt böse, es gibt nicht mal in der Schweiz Sicherheit.

Was entgegnen Sie darauf?
Das sind Dinge, die wir nicht argumentativ aus der Welt schaffen können. Das sind ja keine verzerrten Wahrnehmungen, sondern gründen auf realen, zum Teil jahrzehntelangen Erfahrungen. Zu sagen, dass in der Schweiz alles gut ist, erschiene zynisch und unglaubwürdig. Vielmehr geht es um Prozesse, in denen der Patient seine Erfahrungen reflektiert, eigene Schlussfolgerungen überdenkt und neue Erfahrungen macht, welche die alten etwas korrigieren.

Viele werden von Schuldgefühlen gequält.
Ja, manche empfinden Schuld, weil sie überlebt haben und in der Schweiz sind, während andere noch in Haft sind oder getötet wurden. Auch Schuld gegenüber Angehörigen in der Heimat, die ihre Hilfe bräuchten. Schuld spielt bei Folter eine entscheidende Rolle: Das moralische Dilemma ist eines der Grundprinzipien. Menschen werden gezwungen, Entscheidungen zu treffen, aus denen sie moralisch nicht sauber herauskommen. Wenn es heisst: «Entweder verrätst du mir den Namen deines Kumpanen, oder wir tun deiner Familie etwas an», laden sie sich bei beiden Entscheidungen Schuld auf. In den Therapiegesprächen ist Schuld oft ein zentrales Thema.

Ist eine Genesung möglich?
Das kommt vor, ist aber selten. Je weniger Traumata eine Person erlebt hat und je weniger weit diese zurückliegen, desto erfolgversprechender ist in der Regel die Therapie. Wer fähig ist, zu reflektieren, und gut sozial eingebunden ist, hat gute Chancen, einigermassen zu funktionieren. Fast immer bleiben nach unserer Behandlung Restsymptome übrig: Schlafstörungen, Schmerzen, vermehrte Vorsicht anderen Menschen gegenüber. Unsere Verbesserungsquote ist aber ähnlich wie bei Traumatisierten aus Deutschland oder der Schweiz: Die Hälfte von ihnen hat danach zwar noch immer eine Diagnose, ist aber im Alltag deutlich weniger beeinträchtigt. Da die Rahmenbedingungen für die Behandlung von Flüchtlingen viel schwieriger sind, sind wir auf unsere Ergebnisse ziemlich stolz.

Seit zwei Jahren behandeln Sie nur noch Patienten aus dem Kanton Zürich. Warum?
Der Bedarf übersteigt unsere Kapazität bei weitem. Mit der Beschränkung konnten wir unsere Wartezeit für Erstgespräche von eineinhalb Jahren auf ein halbes Jahr reduzieren. Wir wollen anderen Kantonen nicht den Anreiz nehmen, entsprechende Angebote aufzubauen. Gemäss einer Studie des Staatssekretariats für Migration fehlen schweizweit mehrere hundert Behandlungsplätze für traumatisierte Flüchtlinge. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.08.2015, 12:09 Uhr

Anlaufstelle für Kriegsopfer

Mehrheit der Patienten sind Männer

Das Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer (AFK) wurde 2003 als Gemeinschaftsprojekt des Universitätsspitals Zürich und des Schweizerischen Roten Kreuzes gegründet.
Es bietet sozialpsychiatrische und psychotherapeutische Hilfe für erwachsene Menschen, die durch Krieg, Folter und Flucht traumatisiert wurden und in der Schweiz leben. Durchschnittlich behandelt das Ambulatorium 160 Patienten pro Jahr, 70 Prozent der Gespräche werden von Dolmetschern begleitet. Drei Viertel der Patienten sind Männer aus der Türkei, Sri Lanka, Irak, Afghanistan und dem ehemaligen Jugoslawien. (slm)

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