Interview

«Viele Frauen exponieren sich ungern»

Regierungsrat Martin Graf bedauert, dass kaum Frauen in die Politik wollen. Nur schon für Parlamentswahlen in den Gemeinden liessen sie sich schwer motivieren.

«Dabei wären gerade Frauen prädestiniert für die Politik»: Der Grüne Martin Graf ist Zürcher Justizdirektor und damit oberster Chef der Fachstelle für Gleichstellung.

«Dabei wären gerade Frauen prädestiniert für die Politik»: Der Grüne Martin Graf ist Zürcher Justizdirektor und damit oberster Chef der Fachstelle für Gleichstellung. Bild: Keystone

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Laut einem WEF-Bericht steht die Schweiz in puncto Gleichstellung unter den Top Ten weltweit. Die grösste Lücke zwischen den Geschlechtern klafft hierzulande bei der politischen Beteiligung. Wie erklären Sie sich das?

Es ist schwierig, Frauen für politische Ämter zu gewinnen. Nur schon für Parlamentswahlen auf Gemeindeebene lassen sich kaum Kandidatinnen motivieren. In Illnau-Effretikon beispielsweise konnten die Grünen meist nur mit erheblichem Aufwand Frauen finden, die sich aufstellen lassen wollten. Und diejenigen, die sich zur Verfügung stellten, wollten alle auf den letzten Listenplätzen kandidieren und sich lieber nicht auf Fotos präsentieren. Dabei wären gerade Frauen prädestiniert für die Politik.

Warum?

Ich schätze ihre seriöse Arbeitsweise und gepflegte Gesprächskultur. Zudem gibt es politische Mandate, die nur wenig an fixe Präsenzzeiten gebunden sind und zeitlich flexibel erledigt werden können. Frauen mit Kindern, die Teilzeit arbeiten oder beruflich pausieren, könnten Politik oft besser als Männer in den Alltag integrieren.

Was spricht denn für Frauen gegen ein politisches Engagement?

Viele Frauen – namentlich in Landgemeinden – stehen offenbar nur ungern in der Öffentlichkeit. Sie haben Mühe mit Wahlkämpfen und der Teilnahme an politischen Podien. Sie exponieren sich ungern. Es mag damit zusammenhängen, dass die Bandagen, mit denen gekämpft wird, härter geworden sind. Die Medien zielen oft auf die Person, und die Politik steht rasch in der medialen Kritik. Viele sagen mir: «Deinen Job möchte ich nicht!» Der Wert der politischen Arbeit ist für viele zu wenig erkennbar und geniesst deshalb kaum Anerkennung.

Männer stecken das besser weg?

Es kümmert sie weniger, sie sind vielleicht «einfacher» gestrickt. Sie geniessen es eher, im Mittelpunkt zu stehen, im Fernsehen aufzutreten und ab und zu mit Bratwurst und Brot öffentliche Kontakte zu pflegen. Aller Emanzipation zum Trotz sind sie Jäger und Sammler geblieben.

Ihre Mutter zog in den 50er-Jahren aus Australien in die Schweiz und war entsetzt über die Lage der Frauen. Wie hat Sie das geprägt?

Als meine Mutter in die Schweiz einwanderte, musste sie ihr Frauenstimmrecht, das in Australien eine Selbstverständlichkeit war, abgeben. Und sie musste in der Schweiz 18 Jahre lang darauf verzichten. Das war kein Ruhmesblatt für ihre neue Heimat. Wir tun gut daran, Frauen und Männer gleichberechtigt an der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung teilhaben zu lassen. Haushalte, in denen sich sowohl der Mann als auch die Frau an der Familien- und an der Erwerbsarbeit beteiligen, sind auch krisenresistenter.

Als Justizdirektor sind Sie der Chef der Fachstelle für Gleichstellung. Was braucht es, damit mehr Frauen ein politisches Mandat anstreben?

Wenn politische Fragen am Familientisch ein Thema sind, wird automatisch das Interesse dafür geweckt. Auch die Schulbildung mit ihrem staatsbürgerlichen Unterricht kann viel dazu beitragen. Die Fachstelle kann mit der Unterstützung von Mentoring-Programmen einen wichtigen Beitrag dazu leisten.

Erstellt: 26.10.2013, 16:08 Uhr

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Gleichstellungs-Report
Politik bleibt eine Männerdomäne

Zürich – Die Schweiz ist auf der weltweiten Rangliste der Gleichstellung auf Platz 9 aufgestiegen. Der gestern publizierte «Global Gender Gap Report» zeigt auf, welche Fortschritte 136 Länder auf dem Weg zur Gleichstellung der Geschlechter erzielt haben. Das World Economic Forum (WEF) untersucht dabei vier Bereiche unabhängig vom Wohlstand des Landes: Bildungsstand, Gesundheit, wirtschaftliche und politische Beteiligung.

Was Bildung und Gesundheit anbelangt, besteht danach weltweit kaum mehr Ungleichheit zwischen Männern und Frauen. In Politik und Wirtschaft ­indes ist die Lücke gross – auch in der Schweiz. Bei der politischen Mitwirkung gelten beispielsweise Frauen in Parlamenten oder Ministerämtern als Indikatoren. Hier steht die Schweiz auf Rang 16, der sogenannte Gender Gap ist nur zu 36 Prozent geschlossen. Erst bei 100 Prozent wäre völlige Gleichstellung erreicht. Zu den Indikatoren wirtschaftlicher Chancengleichheit gehören Erwerbsbeteiligung und Lohngleichheit. Die Schweiz nimmt hier Rang 23 ein, die Gleichstellung ist nur zu 33 Prozent erfüllt.

Für Margareta Drzeniek Hanouz vom WEF geht es bei der Gleichstellung um Gerechtigkeit und ökonomische Effizienz: «Kein Land kann es sich leisten, 50 Prozent des Humankapitals nicht richtig zu nutzen.» (mom)

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