«Viele müssen erst die schlimme Reise verarbeiten»

Frachter, die führerlos mit Flüchtlingen übers Mittelmeer treiben, sorgen zurzeit für Schlagzeilen. Als Seelsorger des Verfahrenszentrums Juch kennt Marcel Cavallo die Ängste der Bootsflüchtlinge.

Blick in einen Aufenthaltsraum des Zentrums Juch. Foto: Dieter Seeger

Blick in einen Aufenthaltsraum des Zentrums Juch. Foto: Dieter Seeger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie hören täglich unzählige Geschichten von Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen. Welches Schicksal werden Sie so schnell nicht vergessen?
Die Geschichte eines Minderjährigen. Er floh mit seiner Mutter aus einem zentralafrikanischen Staat, nachdem sein Vater und sein Bruder erschossen worden waren. Er musste ein Jahr in Libyen bleiben, um das Geld für die Weiterreise zu verdienen. Danach ging die Reise in einem Boot weiter, das Mutter und Sohn an einen sicheren Ort hätte bringen sollen. In Spanien kam jedoch nur der Sohn an. Seine Mutter ertrank während eines Sturms vor seinen Augen. Darauf gelangte der Junge über Spanien in die Schweiz. Nach seiner Ankunft weinte er zwei Monate lang. Dann vermutete er, dass in wenigen Tagen sein Gesuch abgelehnt werde, und er verschwand, bevor der Entscheid vorlag.

Hätte er keine Chance gehabt, in der Schweiz Asyl zu erhalten?
Er war ein sogenannter Dublin-Fall. Weil er via Spanien in die Schweiz eingereist war, wäre er wahrscheinlich wieder nach Spanien abgeschoben worden.

Wie gehen Sie persönlich mit einer solchen Tragödie um?
Ich treffe mich regelmässig mit einem Supervisor. Das Reden über einen solch extremen Fall hilft schon viel. Und auch zu hören, dass ich in meiner Situation nichts hätte anders machen können. Von ähnlichen Schicksalen höre ich täglich. Zudem tausche ich mich mit Jaime Armas aus, meinem katholischen Kollegen im Seelsorgeteam. Dank meinem Theologiestudium ist es mir meistens möglich, die nötige professionelle Distanz zu schaffen. Als Ausgleich produziere ich kreative Kurzgeschichten auf Youtube und schreibe einen Blog.

Sie sind Seelsorger. Welche Eigenschaften helfen Ihnen bei diesem schwierigen Beruf?
Die christliche Spiritualität gibt mir Kraft für die Arbeit, aber auch einen weiten Horizont, um auf Menschen anderen Glaubens zuzugehen. Als Seelsorger brauche ich innere Ruhe, Einfühlungsvermögen, eine gute Ausbildung und viel Erfahrung. Es ist wie bei einem Arzt: Wer nicht jeden Tag ein MRI macht, kann die Bilder auch nicht interpretieren. Erfahrung ist ganz wichtig, um zu sehen, bei welcher Geschichte ich ein wenig weiterhelfen kann.

Was können Sie denn konkret für die Asylsuchenden machen?
Meine Aufgabe ist es, für sie da zu sein, Ihnen ein offenes Ohr zu leihen, Zeit zu haben. Dabei geniesse ich grosse Freiheiten, wie ich das gestalten will. Kürzlich habe ich zum Beispiel festgestellt, dass den Asylsuchenden Winterschuhe fehlen. Ein spontaner Aufruf genügte, und wir hatten eine grosse Kollektion zusammen.

Sie sind eine der wenigen Personen, die Zutritt zum Verfahrenszentrum Juch haben. Welches sind Ihre Eindrücke?
Ich bin weder schockiert noch beelendet. Holzbaracken für Flüchtlinge kenne ich aus den 80er-Jahren. Und mit den Menschen, mit denen ich bisher zu tun hatte, habe ich gute Erfahrungen gemacht.

Sie werden kaum Arabisch sprechen oder die afrikanischen Sprachen beherrschen. Wie unterhalten Sie sich mit den Flüchtlingen?
Ich spreche zwar Italienisch, Französisch, Englisch und Deutsch. Aber die Sprachen der meisten Flüchtlinge beherrsche ich nicht. Als Südländer bin ich gewohnt, mich mit Händen und Füssen verständlich zu machen. Wenn alles nichts hilft, hole ich einen Dolmetscher.

Wie wissen Sie überhaupt, auf wen Sie zugehen sollen, wenn die Flüchtlinge im Verfahrenszentrum höchstens 140 Tage bleiben?
Dass ich Seelsorger bin, verbreitet sich schnell via Mundpropaganda. Die Leute kommen meistens auf mich zu. Sie wechseln zum Teil so schnell, dass ich gar nicht merke, ob jemand in einer ethnischen Gruppe neu ist oder nicht.

Was erwarten die Asylsuchenden von Ihnen?
Manchmal sind die Ansprüche sehr hoch. Es gibt Asylsuchende, die meinen, die Kirche könne Wunder vollbringen beziehungsweise in jeder Situation helfen. Doch Unmögliches kann auch ich nicht möglich machen.

Was ist für Sie etwas Unmögliches?
Für Asylfragen bin ich nicht zuständig, mit fast allem andern können sie sich an mich wenden.

Mit welchen Sorgen werden Sie am häufigsten konfrontiert?
Die grössten Schwierigkeiten haben Asylsuchende nach ihrer Ankunft. Dann ist alles neu. Sie müssen sich an einem neuen Ort unter fremden Menschen zurechtfinden und gleichzeitig alte Reisegeschichten verarbeiten. Den Schmerz rauslassen, wenn sie auf der Reise den Vater oder die Mutter verloren haben. Es plagen sie Sorgen, um die Zurückgebliebenen in ihrem Herkunftsland. Oder sie suchen mich auf, weil sie einen negativen Entscheid erhalten haben.

Wie reagieren Sie dann?
Ich kann nichts anderes machen als ihnen zuhören. Sie fragen mich hin und wieder, ob ich einen Rechtsanwalt kennen würde. Doch dafür gibt es leider kein Kässeli. In solchen Situationen ist es für Flüchtlinge wichtig, dass ich von der Kirche und nicht vom Bund angestellt bin. Sobald ich das Seelsorger­geheimnis erwähne, öffnen sie sich.

Letztlich können Sie bloss zuhören. Macht Sie das nicht hilflos?
Das entspricht der Situation eines Seelsorgers. Er muss in erster Linie zuhören können, er ist fürs Seelsorgerische und Psychologische zuständig. Das empfinde ich nicht als Hilflosigkeit.

Wie können Sie unterscheiden, ob es sich um einen echten oder einen unechten Flüchtling handelt?
Jeder, der sich auf eine solche Reise begibt, hat viele Probleme. Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen flüchten, können auf der Reise Menschenhändlern in die Arme fallen. Sie können falsche Bekanntschaften machen und enden im Gefängnis eines Dublin-Landes. Nach einer einjährigen Reise sind die meisten Flüchtlinge entwurzelt.

Sie arbeiten seit knapp einem Jahr im Flüchtlingszentrum Juch. Was haben Sie dabei gelernt?
Demut. Zugleich habe ich grossen Respekt vor diesen Menschen. Was mich beeindruckt, ist ihre Fürsorglichkeit. Auch im grössten Elend kümmern sie sich um die Sorgen anderer Asylsuchender. Ich lerne, wie fremde Kulturen mit Problemen und Schicksalen umgehen.

Erstellt: 04.01.2015, 19:18 Uhr

Marcel Cavallo


Seit 1. März ist der 49-jährige Seelsorger im Flüchtlingszentrum Juch. Zuvor war er Pfarrer in der Kirche Offener St. Jakob.

Zahlen zum Schnellverfahren im Flüchtlingszentrum Juch

Das Bundesamt für Migration (BFM) testet seit dem 3. 1. 2014 im Verfahrenszentrum Juch das beschleunigte Asylverfahren. Das heisst: Niemand wird dort länger als maximal 140 Tage zubringen. Die definitiven Ergebnisse dieses Testjahres werden voraussichtlich im ersten Quartal 2015 kommuniziert. So viel steht aber schon jetzt fest: Bis Ende November 2014 haben 1410 Personen dieses beschleunigte Verfahren durchlaufen. Damit liegt das BFM in der von ihr prognostizierten Jahreszahl (1400). Bis zu diesem Datum sind 889 Fälle (bis Mai 2014 waren es 356) entschieden worden. Davon wurden 127 Personen (bis Mai 2014 waren es 63) an den zuständigen Dublin-Staat zurückgewiesen. Das heisst in jenes Land, wo diese Menschen nachweislich als erstes eingereist sind. Weil die Überprüfung ihrer Geschichte mehr Zeit beansprucht hat, wechselten 270 Personen ins reguläre Durchgangszentrum. Die Beschwerdequote im Testbetrieb bezeichnet das Bundesamt für Migration als niedrig. (mq)

Artikel zum Thema

Die knifflige Suche nach dem richtigen Seelsorger

Die Muslime stellen die Mehrheit der Asylbewerber. Nun sollen neben den Christen auch sie im Zürcher Asylzentrum Juch einen religiösen Ansprechpartner erhalten. Allerdings stellen sich dabei Fragen. Mehr...

Geisterschiffe sind ein «neuer Grad der Grausamkeit»

Die italienischen Behörden haben in der Nacht vor der Küste die Rettung eines Schiffes mit Flüchtlingen eingeleitet – dessen Besatzung sich abermals aus dem Staub gemacht hat. Die EU-Grenzschutzagentur Frontex ist empört. Mehr...

Gute Zwischennoten für das Zentrum Juch

Der Testbetrieb mit dem neuen Asylverfahren in Zürich ist laut den Behörden gut angelaufen, aber noch nicht perfekt. Die Zahl der Beschwerden gegen die Entscheide ist zurückgegangen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Gallery

Erleben Sie ein einmaliges Abenteuer in Australien

Unendliche Weiten und spektakuläre Landschaften: An diese zweiwöchige Reise werden Sie sich Ihr Leben lang erinnern.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Aufwändige Feier: Farbenfroh ist der Karneval in Macedo de Cavaleiros, Portugal. (25. Februar 2020)
(Bild: Octavio Passos/Getty Images) Mehr...