Viersternkomfort im Spital

Das See-Spital in Kilchberg zeigt, wie man Zusatzversicherte bei der Stange hält, wenn heute selbst Grundversicherte komfortabel versorgt werden.

Designermöbel, Eichenparkett und individuelle Betreuung sollen möglichst viele Zusatzversicherte bringen, denn ohne sie geht die Rechnung nicht auf: Viersternkomfort im umgebauten See-Spital. Foto: Urs Jaudas.

Designermöbel, Eichenparkett und individuelle Betreuung sollen möglichst viele Zusatzversicherte bringen, denn ohne sie geht die Rechnung nicht auf: Viersternkomfort im umgebauten See-Spital. Foto: Urs Jaudas.

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Der Eingangsbereich sieht aus wie eine Hotellobby, eine nette Dame führt einen in den zweiten Stock – die Teppichetage. Das Zimmer ist in warmen Tönen gehalten, mit Designermöbeln bestückt, an der Wand hängen Original-Ölbilder, der Boden ist mit Eiche parkettiert. Willkommen im Spital. Gestern hat das See-Spital den Medien seine neue Privatabteilung am Standort Kilchberg präsentiert – Exellence heisst sie, 2,5 Millionen Franken kostete der Umbau der rund dreissig Zimmer. «Wir müssen uns positiv abheben von unseren Mitbewerbern, denn der Wettbewerb unter den Spitälern beginnt zu spielen», sagt Direktor Matthias Pfammatter.

Gemeint ist vor allem der Kampf um die Zusatzversicherten, denn hier sind derzeit gleich mehrere, zum Teil gegenläufige Trends zu beobachten. Das Angebot für die Grundversicherten wird immer besser. Die Zeiten, als sie in Vierer- oder Sechserzimmer gepfercht wurden, sind bald endgültig vorbei. Im neuen Bettenhaus des Triemli entstehen ausschliesslich Zweibettzimmer, in denen Zusatzversicherte einfach allein untergebracht werden. Gleiches ist im neuen Bettenhaus des Spitals Limmattal geplant. Und im Universitätsspital ist sogar angedacht, ausschliesslich Einbettzimmer einzurichten. Weshalb soll man dann noch für teures Geld Privatpatient werden?

Privatpatienten erwarten mehr

Tatsächlich nimmt die Zahl der Privat­patienten ab – und ihre Ansprüche nehmen zu, wie Walter Bosshard, Präsident des Stiftungsrats des See-Spitals sagt. «Wir müssen diese hohen Erwartungen befriedigen, um weiter wirtschaftlich zu sein.» So serviert das Spital seinen Privatpatienten das Essen à la carte und frisch zubereitet auf weiss gedeckten ­Tischen und zu den von ihnen gewünschten Zeiten. Begrüsst werden sie morgens wie auf dem Langstreckenflug mit einem dampfend heissen Waschlappen, betreut und gepflegt von einer für sie zuständigen Person.

Laut Pflegedienstleiterin Gabriela Stössel hat man den Stellenschlüssel angepasst und das Pflege- und Hotelleriepersonal speziell geschult. Direktor Matthias Pfammatter ist überzeugt, dass die Spitalwahl immer stärker auch vom Komfort abhängt, den man bieten kann. «Letzte Woche haben sich gleich zweimal Personen mit ihren Angehörigen bei uns gemeldet, weil sie das Zimmer begutachten wollten, bevor sie sich für ein Spital entscheiden.» Das sei früher kaum vorgekommen.

Auch in anderen Spitälern wird überlegt, wie man sich im Wettbewerb um Privatpatienten positionieren soll. Doch lässt man sich vielerorts noch nicht in die Karten blicken. Im Triemli heisst es: «Da unser Bettenhaus erst 2016 eröffnet wird, ist das Konzept Mehrangebot für Zusatz-/Privatversicherte noch in Erarbeitung und nicht zur Veröffentlichung bereit.» Im Spital Limmattal wird man die Zimmer «edler» gestalten.

Allerdings sagt Limmi-Spitaldirektor Thomas Brack: «Ich bin der Überzeugung, dass der Unterschied im Angebot für Grund- und Zusatzversicherte vor allem im medizinischen Angebot liegen muss und nicht nur in der Hotellerie.» Dabei gehe es zum Beispiel um den schnelleren Zugang zu Chefärzten oder Spezialisten. Dies wird beispielsweise in der Privatklinik Hirslanden bereits praktiziert. Dort müssen bei geplanten Eingriffen die Allgemeinpatienten länger auf den Arzt warten als die privat Versicherten – im Maximum doppelt so lang. Auch Krankenkasssen bieten mit: So etwa Helsana mit «Fast Track», einem Zusatz, der Termine bei Kaderfachärzten innert fünf Arbeitstagen anbietet.

Konkurrenz nimmt zu

Der erstarkte Wettbewerb unter den Spitälern hängt mit der vor zweieinhalb Jahren eingeführten Spitalfinanzierung über Fallpauschalen zusammen. Kanton und Krankenkassen bezahlen einen Pauschalbetrag, mit dem die Spitäler sämtliche Kosten, auch die Investitionen, ­bezahlen müssen. Diese sollte kosten­deckend sein. Bei jenen Spitälern, die über Fallpauschalen finanziert werden, leuchtet deshalb spontan das Buhlen um Zusatzpatienten nicht ein.

Doch klagen viele Spitalbetreiber, die Pauschale sei zu wenig hoch angesetzt. See-Spital-Direktor Pfammatter nennt Zahlen: «Uns fehlen pro Grundversichertem und Aufenthalt rund 200 Franken.» Diese müsse man man über Zusatzversicherte reinholen. Dabei steht das See-Spital noch gut da: Rund ein Viertel seiner Patienten sind zusatzversichert. «Diesen Anteil müssen wir vorerst halten und nachhaltig anheben», sagt Walter Bosshard. Im Spital Limmattal beträgt der Anteil 19 Prozent – auch dort hofft man, mit dem neuen Spitalbau den Anteil mindestens halten zu können. Nur: Die Konkurrenz nimmt zu, denn mit der neuen Spitalfinanzierung verknüpft ist die freie Spitalwahl – über die Kantonsgrenzen hinaus. Deshalb steht das See-Spital nun in Konkurrenz zum nahen Stadtspital Triemli oder zu Kliniken in Zug. Aber auch zu Privatkliniken, die neu in die Liste jener Spitäler Aufnahme finden können, die Beiträge vom Kanton erhalten.

In einer anderen Liga

Und wie steht es mit jenen Spitälern, die freiwillig oder unfreiwillig nicht am Tropf des Kantons hängen? Thomas Brack sagt: «Die Nichtlistenspitäler sind stärker auf eine internationale Kundschaft ausgerichtet.» Diese nehme mehrheitlich andere medizinische Angebote in Anspruch. «Deshalb stehen sie weniger ausgeprägt zu uns in Konkurrenz.» Und sie spielen oft in einer anderen Liga, wie etwa die Zurich Clinic, die ihren Firmensitz im Schloss Sihlberg in der Enge hat und die ihre Klienten in exklusiven Villen unterbringt. Dort kümmert sich laut einem Bericht in der «Zeit» ein zehnköpfiges Team rund um die Uhr um einen einzigen Patienten. Für 300'000 Franken im Monat. Grundtarif. «Nach oben ist die Skala offen», sagt Klinikbesitzer Florian Kramer.

Erstellt: 23.10.2014, 07:43 Uhr

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