«Vollpfosten, Hampelmänner»: Ein Mann vor Gericht sieht rot

Das Urteil war gar nicht nach seinem Geschmack. Da griff ein 36-jähriger Schweizer verbal zum Zweihänder, und kam doch mit einem blauen Auge davon.

Ungewöhnlich laut ging es bei der Urteilsverkündung am Zürcher Obergericht zu.

Ungewöhnlich laut ging es bei der Urteilsverkündung am Zürcher Obergericht zu. Bild: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Oberrichter Christoph Spiess ist schon zu lange Oberrichter, um sich aus der Ruhe bringen zu lassen. In heiterer Gelassenheit setzt er die mündliche Urteilsbegründung fort, während es, verstärkt vom Mikrofon, durch den Grossen Gerichtssaal Richtung Spiess lärmt: «Vollpfosten». Dass dieser Vollpfosten ihm gerade Kosten von über 20'000 Franken erlassen hat, realisiert der 36-jährige Sozialhilfeempfänger gar nicht.

Stattdessen setzt er seine Tirade fort, bezeichnet das ganze Gericht, das neben Spiess noch aus zwei Frauen besteht, als «Hampelmänner», «Marionetten». Der wütende Mann ist ohnehin überzeugt, dass Gerichte und Staatsanwaltschaft «mit der Polizei gemeinsame Sache machen». Mehrfach wiederholt er: «Sie alle haben Blut an den Händen.»

Dass er wegen mehrfacher Gewalt und Drohung gegen Beamte verurteilt wurde und mit einer bedingten Geldstrafe von 15 Tagessätzen im absoluten Bagatellbereich bestraft wurde, akzeptiert er nicht. Denn er hat ja gar nichts getan, war «nie aggressiv». Dass die drei Polizisten aber, die «meine Menschenwürde mit Füssen getreten haben», freigesprochen wurden, empört ihn.

Schürfungen und ein blaues Auge

Auf den allerersten Blick scheint das verständlich. Hatte doch der erstinstanzliche Richter in Winterthur mit Blick auf ein Foto des Mannes gesagt: «Niemand sollte so aussehen nach einer Verhaftung durch die Polizei.» Jener Richter, meinte Oberrichter Spiess, «hatte in einem gewissen Sinne recht». Aber – und das war ein grosses Aber: Man sollte sich bei einer Personenkontrolle auch nicht so benehmen wie der 36-Jährige.

Aus dem Ruder gelaufen war die Kontrolle im September 2013 auf dem Winterthurer Bahnhofplatz. Der damals 32-Jährige zeigte zwar seinen Ausweis, wurde aber ausfällig, als er seine Hosentaschen leeren sollte. Er habe einen Polizisten weggestossen. Als er deswegen verhaftet werden sollte, drohte er einem der Beamten, man sehe sich im Leben immer zweimal. Zudem spuckte er auf die Uniformjacke des Polizisten.

Er bestritt die Vorwürfe. Er habe sich überhaupt nicht gewehrt, sei kooperativ gewesen. Schwere Vorwürfe erhob er gegen die Beamten, von denen er sich misshandelt und gekidnappt fühlt. Denn auf der Fahrt im Kastenwagen zur Polizeiwache soll der Fahrer mehrere Vollstopps gerissen und er dadurch wiederholt den Kopf angeschlagen haben. Auf dem Weg zur Abstandszelle sei sein Kopf gegen die Mauer des Gangs geschlagen worden. In der Zelle habe er Faustschläge kassiert, und sein Kopf sei am Verputz der Wand hin- und hergerieben worden, was schmerzende Schürfwunden im ganzen Gesicht verursachte.

Mann muss Gerichtskosten nicht tragen

Dokumentiert sind ein blaues Auge und die Schürfverletzungen im Gesicht. Doch sowohl das Bezirksgericht Winterthur als auch jetzt das Obergericht sind überzeugt, dass die Verletzungen nicht das Ergebnis eines Amtsmissbrauchs durch die drei heute 39- bis 41-jährigen Polizisten sind. Bereits die Verhaftung sei ausgeartet, und in der engen Zelle sei es zu einem Gerangel gekommen. Die Beweislage liess eine Verurteilung nicht zu. Die Verletzungen, die der 36-Jährige davongetragen habe, seien das Ergebnis seines Widerstandes. Die teilweise widersprüchlichen Angaben oder die Vorwürfe an die Adresse der Polizei gingen auch auf Kosten seiner Glaubwürdigkeit.

In seinen Schimpftiraden realisierte der Mann nicht, dass ihm das Obergericht in einem Aspekt entgegengekommen ist. Es verzichtete darauf, ihm die Kosten der drei Verteidiger in Höhe von 16'500 Franken aufzuerlegen. Auch eine Parteientschädigung an einen der Polizisten von knapp 4500 Franken blieb ihm erspart. Er wird aber trotzdem noch Gerichts- und Untersuchungskosten zu tragen haben, die ihn viele Jahre an das Ereignis erinnern werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2018, 10:08 Uhr

Artikel zum Thema

Bei den Sozialdemokraten sehen die Polizisten rot

Nach heftigen Reaktionen zieht sich der Verband der Polizisten aus einer Waffenrechts-Allianz mit der SP zurück. Eine Umfrage soll nun Klarheit schaffen. Mehr...

Polizisten bei Verhaftung mit Flaschen angegriffen

Bei seiner Verhaftung im Zürcher Kreis 1 gingen ein Mann und sich mit ihm solidarisierende Dritte mit Flaschen auf Polizisten los. Mehr...

«Gewalt gegen Zürcher Polizisten nimmt deutlich zu»

Interview Jede Woche Schläge oder Drohungen: Kommandant Daniel Blumer sagt, die Angriffe gegen die Stadtpolizei würden heftiger. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Neue Perspektiven der Schweiz erleben

Die Air Zermatt AG und der Autovermieter Hertz sorgen für eine sichere und erlebnisorientierte Mobilität, die neue Perspektiven eröffnet.

Blogs

Mamablog Ist Informatik das neue Basteln?

Sweet Home Auf Muschelsuche

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Täuschung: Der Roboterandroid Totto ist der japanischen TV Ikone Tetsuko Kuroyanagi nachempfunden. Er wurde im Rahmen des Weltroboterkongresses in Tokio präsentiert. (17.Oktober 2018)
(Bild: Kim Kyung-Hoon) Mehr...