Vom Stadtrat direkt aufs RAV

SVP-Politiker Pierre Dalcher wurde 2018 überraschend als Stadtrat von Schlieren abgewählt. Beruflich stand er plötzlich vor dem Nichts.

Die Erleichterung ist ihm anzusehen: Pierre Dalcher hat beim Brillengeschäft Fielmann wieder eine Anstellung gefunden. Foto: Fabienne Andreoli

Die Erleichterung ist ihm anzusehen: Pierre Dalcher hat beim Brillengeschäft Fielmann wieder eine Anstellung gefunden. Foto: Fabienne Andreoli

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Die Abwahl kam für Pierre Dalcher aus heiterem Himmel und traf ihn existenziell, denn die 61'000 Franken, die der gelernte Optiker als Schlieremer Stadtrat erhielt, machten bei weitem sein Haupteinkommen aus. Dalcher wurde zum Berufspolitiker, weil ihn sein vorheriger Arbeitgeber nicht Teilzeit beschäftigen wollte. Was ihm blieb, war noch sein Mandat als Kantonsrat für die SVP. Das geschah im März 2018, Dalcher war 57 Jahre alt.

Er war damals nicht der einzige prominente Politiker, der plötzlich ohne Amt dastand. In Winterthur wurde SVP-Stadtrat Josef Lisibach abgewählt, in Dietikon SVP-Stadtrat Roger Brunner. Und kurz zuvor trat die Zücher SP-Stadträtin Claudia Nielsen Knall auf Fall zurück, weil es in dem ihr unterstellten Triemli-Spital bei den Arzthonoraren zu Unregelmässigkeiten gekommen war.

«Die politische Ausrichtung ist gleich geblieben, verändert hat sich aber mein Verhalten im Alltag.»Pierre Dalcher, SVP-Kantonsrat

Grössere Städte wie Zürich und Winterthur sehen für solche Fälle Abgangsentschädigungen vor, Milizpolitiker aus kleineren Gemeinden verlieren aber ohne Entgelt – manchmal innert Monatsfrist – ihr Amt, das oft einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit ­beanspruchte und massgeblich zum Einkommen beitrug. Dieses Risiko und fehlende Abfindungen seien ein wichtiger Grund, weshalb es in vielen Gemeinden schwierig sei, politische Ämter zu besetzen, sagen Fachleute.

Pierre Dalcher war das Risiko eingegangen, voll auf die Politik zu setzen. Wie ist es ihm nach der Abwahl ergangen?

Eine schlagartige Leere

«Meine Frau und ich haben eine intensive Zeit hinter uns», sagt Dalcher. «Und eine aufschlussreiche.» Er habe sich selber neu kennen gelernt, nämlich wie er mit einer Krisensituation umgeht. Dann trennte sich im Bekanntenkreis die Spreu vom Weizen, und manches betraf ihn plötzlich selber, was er bisher nur vom Hörensagen oder aus der Zeitungslektüre kannte: das Vorsprechen beim RAV, der regionalen Arbeitsvermittlung, und die Schwierigkeit, mit über fünfzig eine neue Stelle zu finden.

Dalcher erinnert sich an eine schlagartige Leere, die ihn erfasste, als ihm der Stadtpräsident telefonisch mitteilte, dass er nicht mehr gewählt worden sei. «Ich sagte es meiner Frau, und wir beschlossen, ins Kino zu ­gehen. Ich habe allerdings keine Ahnung, was für einen Film wir sahen.» Susanne Dalcher sagt: «Wir haben nicht viel geredet, wollten nur unseren Frieden.»

Aufmunterung von Mörgeli

Dann habe es ihn eine Woche lang richtig durchgeschüttelt. Eine Begebenheit aber ist ihm geblieben: Am Montagabend, während der Stadtratssitzung, verzeichnete sein Handy zwei- oder dreimal den Anruf einer ihm unbekannten Nummer. Er rief zurück, es meldete sich Christoph Mörgeli. «Ich hatte mit ihm noch nie persönlich zu tun», sagt Dalcher. Entsprechend erstaunt war er. Mörgeli erzählte ihm, wie es ihm 2015 nach seiner Abwahl aus dem Nationalrat ergangen sei, was ihm geholfen habe und was nicht. «Das hat mir richtig gutgetan.»

Eine Zeit lang schottete sich Dalcher ab, doch dann ging er bewusst unter die Leute. «Da habe ich dann gut gemerkt, dass es viele gibt, die sehr gerne nehmen, aber nicht gerne geben. Für die war ich plötzlich nicht mehr interessant.» Andererseits haben ihm viele Menschen Geschichten von eigenen Lebenskrisen erzählt, darunter solche, von denen er annahm, dass sie nichts aus der Bahn werfen könne.

Bekam er auch konkrete Hilfe? Stellenangebote? Einige Parteifreunde haben sich bei ihm gemeldet, aber der Einzige, der ihm probehalber einen Job anbot, war der Limmattaler Bauunternehmer und CVP-Kantonsrat Josef Wiederkehr. Da war er schon drei Monate ohne Arbeit, doch tat sich unerwartet eine andere Möglichkeit auf. Aber damit greifen wir der Zeit vor.

Militärdienst? Zählt nicht

Ein Glück für Dalcher war, dass der neue Stadtrat sich erst Mitte Juni konstituierte. Er hatte also drei Monate Gnadenfrist. Trotzdem meldete er sich schon Ende März beim RAV. Bereits beim ersten Gespräch wurde ihm klar, der Beruf Politiker ist dort nicht vorgesehen. So wollte etwa die Beraterin den bisherigen Arbeitsvertrag und das Kündigungsschreiben sehen. Beides konnte er nicht vorweisen, er wurde ja eben gewählt und nicht angestellt. Und ihm wurde nicht gekündigt, er wurde abgewählt.

Dalcher legte stattdessen die Wahlprotokolle vor, die aber ­offenbar nicht zweckdienlich ­waren. So dauerte es bis zum Oktober, bis er erstmals Geld vom RAV erhielt: die Erstauszahlung betrug neun Franken. «Wir kamen schon über die Runden, auch hatte meine Frau ihr Arbeitspensum erhöht, aber erstaunt hat uns das schon.»

Das RAV meldete Pierre Dalcher für einen Bewerbungskurs an. Er ging motiviert hin, war es doch über 30 Jahre her, dass er das letzten Mal auf Stellensuche war. «Es war ernüchternd. Ich sass unter lauter jungen Menschen, die in einer total anderen Lebensphase waren als ich.» Auch lernte er, dass vieles, was er als Leistungsausweis empfand, in der modernen Arbeitswelt kaum mehr etwas galt: «Militärdienst? Interessiert nicht. Das Aufziehen von Kindern? Nicht relevant.»

«Ich habe den Fokus aufgrund meiner politischen Tätigkeit auf Jobangebote von Gemeinden und Kantonen gelegt.»Pierre Dalcher, SVP-Kantonsrat

Auch gab es immer wieder ­Situationen, in denen ihm klar vor Augen geführt wurde, wie wenig solche Weiterbildungen – und die Arbeitswelt – auf ältere Arbeitslose ausgerichtet sind. Als Bewerbungsgespräche geübt wurden, kam die Frage auf, wie zu reagieren sei, wenn der Arbeitgeber einen auf den Dreitagebart anspreche. Die empfohlene Antwort lautete: «Hat dieser Einfluss auf meine Leistung?»

Dalcher empfand das als etwas patzig, verstand dann aber die Welt nicht mehr, als man ihm erklärte, er müsse sich der jeweiligen Firmenkultur anpassen, ob ihm diese passe oder nicht. So etwa, wenn man sich grundsätzlich duze, er dies aber nicht möge. «Beeinflusst das meine Leistung, wenn ich mich nicht so gerne mit allen duze?»

Pierre Dalcher begann sich zu bewerben. Zwölf Bewerbungen pro Monat waren Vorschrift, er bewarb sich zwischen April und Oktober für etwa hundert Stellen: eine Gemeinde suchte einen Bauvorstand, irgendwo war eine Stelle im Arbeitsinspektorat offen ... «Ich habe den Fokus aufgrund meiner politischen Tätigkeit auf Jobangebote von Gemeinden und Kantonen gelegt.»

Langsam resigniert

Bei gut der Hälfte der Bewerbungen habe er wirklich Hoffnungen auf Erfolg gehabt, umso grösser war die Enttäuschung über die Absagen. Sie waren meist höflich und erklärten, man habe jemanden gefunden, der noch besser passe. Einmal rief ihn eine Frau aus dem Personalmanagement persönlich an, um ihm zu erklären, dass er überqualifiziert sei. «Das sei nicht so, sagte ich ihr, denn ich sei wirklich sehr interessiert an dieser Stelle. Da kam sie ins Stottern.» Er habe wirklich nicht unhöflich sein wollen. «Aber diese Argumentation leuchtet mir einfach nicht ein. Man gibt mir eine Arbeit nicht, die ich machen konnte und wollte.» Langsam hat er resigniert. Das war im letzten September.

Hegte er auch einen Groll, hatte er das Gefühl, dass ihm Unrecht geschah? Kündigungen kann man anfechten. Da hat man noch Verhandlungsspielraum. All das fehlte ihm. Auch kennt seine Wohngemeinde keine Abgangsentschädigung, wie dies grössere Städte wie Zürich und Winterthur bei Abwahlen vorsehen. Dalcher schaut seine Frau an, überlegt kurz: «Das Gefühl von Ungerechtigkeit hatte ich nicht, ich wusste ja, worauf ich mich einliess, als ich voll auf die Politik setzte.»

Susanne Dalcher sagt nach einer Weile: «Einige haben dir sogar ins Gesicht gesagt, du seist selber schuld, weil du den Beruf aufgegeben hast. Das stimmt schon. Nur hiess es damals entweder Beruf oder Politik.» Dann streicht sie sich energisch eine Haarsträhne hinters Ohr und sagt: «Dafür bekam ich einen Hausmann.»

Ein glücklicher Zufall

Was nun folgte, bezeichnet Pierre Dalcher als «glücklichen Zufall». Ein Kollege, der beim Optiker-Unternehmen Fielmann an der Bahnhofstrasse einkaufte, erzählte dort, dass ein ihm bekannter Optiker auf Stellensuche sei. Der Mitarbeiter meinte, er soll sich bei seiner Firma melden, sie suche immer wieder Mitarbeiter, Fielmann stelle auch ältere Arbeitnehmer ein.

Dalcher gab zu bedenken, dass er schon Jahrzehnte nicht mehr im direkten Kontakt mit privater Kundschaft gearbeitet habe – an seiner vorherigen Stelle beriet er Fachleute. «Versuch es trotzdem», riet der Kollege. «Das tat ich dann, ich hatte ja ohnehin nichts zu verlieren.»

Dann ging alles schnell: Am 13. Oktober, drei Tage nach seiner Bewerbung, wurde er eingeladen. Am 15. Oktober fand das Vorstellungsgespräch statt, am 1. November trat er eine 80-Prozent-Stelle bei Fielmann an der Bahnhofstrasse in Zürich an.

«Eine gewisse Entmündigung muss sein, das verstehe ich schon, aber dieser ständige Druck, obwohl ich das ja aus eigenen Stücken wollte, das war zermürbend.»Pierre Dalcher, SVP-Kantonsrat

Die Erleichterung steht Dalcher immer noch ins Gesicht geschrieben, als er das erzählt. Was hat ihm denn im Rückblick am meisten zu schaffen gemacht? Das sei wohl diese Entmündigung durch das RAV gewesen, das ewige Du-musst, Du-musst! «Eine gewisse Entmündigung muss sein, das verstehe ich schon, aber dieser ständige Druck, obwohl ich das ja aus eigenen Stücken wollte, das war zermürbend».

Hat diese Erfahrung seine Weltanschauung oder politische Ausrichtung verändert? «Die sind sich gleich geblieben. Verändert hat sich aber mein Verhalten im Alltag.» Das Geschehene habe ihm aufgezeigt, dass nichts sicher sei, auch wenn das alle Personen um einen herum immer wieder sagten. Deshalb hinterfrage er die für ihn und seine Familie relevanten Angelegenheiten tiefer. «Vor allem aber bin ich unglaublich dankbar dafür, wie meine Familie diese Zeitspanne mit mir angepackt und gemeistert hat.»

Der ganzen Familie sei die Unbeschwertheit verloren gegangen, sagt Susanne Dalcher. Selbst für erwachsene Kinder sei eine solche Situation belastend. «Die Unbeschwertheit ist nun zurück.» Dafür nimmt sie bestimmt gern in Kauf, dass sie jetzt keinen Hausmann mehr hat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2019, 06:07 Uhr

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