Von der Bank zum Biohof

Als Teenager stand sie barfuss im Büro, heute steht Claudia Bühlmann für die Umwelt ein. Nachhaltigkeit geht bei der Kantonsratskandidatin der Grünen aber über die Natur hinaus.

Auf Reisen fand sie zu ihrer Bestimmung: Arbeitsagogin Claudia Bühlmann. Foto: Dominique Meienberg

Auf Reisen fand sie zu ihrer Bestimmung: Arbeitsagogin Claudia Bühlmann. Foto: Dominique Meienberg

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Bei den meisten Menschen würde man bei dieser Aussage lachen, die Augen verdrehen und sie für eine Plattitüde halten. Wer Claudia Bühlmann eine Stunde zugehört hat, tut das allerdings nicht, wenn sie sagt: «Es heisst, auf meinem Grabstein werde dereinst stehen: Der Umwelt zuliebe.» Bühlmann, 47 Jahre alt, aus Wädenswil und Mitglied der Grünen, lebt ein Leben in Einklang mit ihrer Umwelt, ohne dabei fundamental zu wirken. Einiges geschah zufällig, anderes hat mit ihrer Herkunft und ihrem Werdegang zu tun. «Langfristig» – wenn Bühlmann ein Wort häufig braucht, dann ist es dieses.

Bühlmann war bereits Mutter dreier Kinder, als sie sich in Wädenswil einer Gruppe Eltern anschloss, um Spielplätze aufzuwerten. Ihre Fähigkeit, Dinge anzupacken, zu verteidigen und sie zu verwirklichen, wurde bald erkannt. «Wenn ich etwas mache, dann richtig», sagt sie. Die Grünen fragten sie für eine Kandidatur auf der Liste für das Stadtparlament an. Aktive Parteipolitik war bis dahin für Bühlmann kein Thema gewesen. Aber die Freude daran, etwas bewegen zu können, spornte sie an. Sie sagte zu und rutschte vor drei Jahren ins Parlament nach. «Dass es die Grünen waren, die auf mich zugekommen sind, war Zufall. Ich hätte auch bei der SP zugesagt.» Sie sieht sich politisch am linken Rand der Partei. Es geht Bühlmann um Sachpolitik, bei der sie für die nächsten Generationen etwas bewirken kann. Etwa Geld für sinnvolle Sanierungen investieren, statt zu sparen. Denn Umwelt, das heisst für Claudia Bühlmann nicht ausschliesslich Natur.

Hippie mit Kurzhaarschnitt

Geprägt hat Bühlmann ihre Kindheit «auf dem Land», wie sie sagt. Aufgewachsen ist sie auf dem Wädenswiler Berg, nahe dem Hof des SVP-Regierungsrats Ernst Stocker. Die Eltern, beides Bauernkinder, lebten traditionell, pflanzten viel im eigenen Garten an und machten aus altem Brot Fotzelschnitten, statt es wegzuwerfen. Der Stolz der Eltern war gross, als sich Bühlmann für das KV beim Bankverein entschied – weil sie keine andere Idee gehabt hatte, wie sie sagt.

Dass die Frau mit dem kecken Kurzhaarschnitt ausgerechnet damals ihre Hippie-Phase durchlebte, ist schwer vorstellbar. Die Bankmaterie langweilte sie, oft kreuzte sie barfuss und in alten Pyjamahosen auf. Greenpeace beim Kampf gegen den Walfang ideologisch zu unterstützen, war da mehr ihr Ding. Die Bank liess sie gewähren, nur an den Schalter liess man sie in diesem Aufzug nicht. «Da habe ich erfahren, was es heisst, andere Menschen zu akzeptieren, wie sie sind.» Nach der Lehre ging Bühlmann reisen, auf die Alp und fand ihre Berufung: die biodynamische Landwirtschaft. Heute arbeitet sie als Arbeitsagogin auf dem Landwirtschafts­betrieb der Stiftung Bühl in Wädenswil. Dorthin kam die Familie, weil eine Wohnung frei geworden war.

«Mein Mann ist ja da»

Beim Besuch zieren zwei Plakate das Gartentor des Mehrfamilienhauses im Altbaustil. Eines für die grosse Klimademo und eines für die Zersiedelungsinitiative. Längst setzt sich in der Familie nicht nur die Mutter für Respekt vor der Umwelt ein. Eine der drei Töchter machte bei den Klimastreiks mit, auf ein Auto verzichten die Bühlmanns. Wirklich Freude daran, eine Kantonsrätin der Grünen als Mutter zu haben, hätten die Töchter indes nicht, sagt Claudia Bühlmann. Sie befürchten, sie sei zu Hause weniger präsent.

Das sieht sie als Vorteil für die Familie. «Mein Mann ist ja da. Und so erfahren meine Kinder noch stärker, was Rollenteilung tatsächlich bedeutet.» In der kommunalen Politik setzt sie sich für familienergänzende Betreuung ein, nun will sie das auch auf kantonaler Ebene tun. Zudem liegt ihr die Vermarktung regionaler Produkte am Herzen. «Wir müssen im Kleinen für die Probleme unserer Gesellschaft Lösungen finden, die von längerer Dauer sind», sagt sie. Bühlmann will als grüne Kantonsrätin für Horgen ihren Teil dazu beitragen – die Zeilen auf ihrem Grabstein sollen einmal tatsächlich ihre Gültigkeit haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2019, 20:13 Uhr

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