Wärmer als im Hitzejahr 2003

Rekordverdächtige Temperaturen und Bise: Warum im Kanton Zürich schon jetzt das Wasser knapp wird.

Für diesen Salat gibt es kaum mehr Hoffnung: Ein Gemüsefeld im Zürcher Unterland.

Für diesen Salat gibt es kaum mehr Hoffnung: Ein Gemüsefeld im Zürcher Unterland. Bild: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ende letzter Woche war es so weit: Im Furttal haben erste Gemeinden den Gemüsebauern Einschränkungen auferlegt, wie viel Wasser sie noch beziehen dürfen. Das Furttal gehört in trockenen Sommern zu den Sorgenregionen im Kanton Zürich, und doch sind dort mehrere grosse Gemüsebetriebe ansässig. Sie blicken nun mit Sorge auf ihre Felder. «Trotz Bewässerung merken wir bereits erste Einbussen bei der Qualität», sagt Beat Huber, Gemüsebauer in Buchs. «Und die Erträge brechen ein.»

Die Sorge der Bauern ist berechtigt. Schon der Februar und der März waren im Mittelland zu trocken. Die Vegetation startete deshalb mit einem Wasserrückstand. Und die Monate April, Mai und Juni gehören laut Meteo Schweiz zu den zehn trockensten seit Beginn der Messungen 1864. An der Messstation Zürich-Fluntern fielen gerade mal 55 Prozent der üblichen Regenmenge. Dazu kommt die Wärme. Auch sie ist für die drei Monate rekordverdächtig: Die Durchschnittstemperatur an der Messstation Fluntern lag bei 15,8 Grad – das ist mehr als im Hitzesommer 2003 mit 15,4 Grad.

Bise trocknet alles aus

Was die Lage für die Landwirte zusätzlich verschärft: Die seit Tagen anhaltende Bise. «Eigentlich sind die Betriebe auf trockene Zeiten im Sommer eingestellt», sagt Walter Leuzinger, Präsident des Gemüseproduzentenverbands des Kantons Zürich. «Aber derzeit sind wir dauernd am bewässern, und doch ist am nächsten Tag alles wieder verdunstet.» Der Wasserbedarf ist enorm: Bei Temperaturen um 30 Grad verdunsten pro Quadratmeter Boden rund sechs Liter Wasser am Tag, bei Bise sind es deutlich mehr.

Noch sei die Lage zwar nicht dramatisch, sagen Leuzinger und Huber: «Aber lange darf es nicht mehr so weitergehen.» Zumal die Trockenheit Schädlinge wie Läuse und weisse Fliegen begünstigt. Und diese lassen sich kaum noch bekämpfen, da die meisten zugelassenen Pestizide bei hohen Temperaturen nicht mehr wirken.

Den Borkenkäfern gefällt's

Ähnlich schätzt Andreas Klöppel, Obstbaufachmann an der Landwirtschaftlichen Schule Strickhof, die Lage ein. Dass man frisch gesetzte Bäume wässern müsse, sei nicht unüblich: «Aber inzwischen wässern wir schon Bäume, die drei bis vier Jahre alt sind. Und die ertragen einen normalen Sommer problemlos, weil sie Wasser aus grösserer Tiefe saugen können.»

Zwar sterben gut verwurzelte Bäume nicht gleich ab, wenn sie zu trocken haben. Aber sie beginnen, Wasser aus den reifenden Früchten zurückzuziehen. Die Folge: Äpfel beispielsweise bleiben deutlich kleiner als üblich. Die Trockenheit kann auch aufs folgende Jahr Auswirkungen haben, wie Klöppel erklärt. Bäume legen bereits im Frühsommer die Blütenknospen für den nächsten Frühling an; erhalten sie zu wenig Wasser, so sind die Knospen schwächer, die Blüte im Folgejahr fällt weniger reichlich aus.

Ein ETH-Professor zeigt Abkühltipps:

Zu schaffen macht die Kombination aus Trockenheit, Wärme und Wind auch den Wäldern. Derzeit herrscht in grossen Teilen des Kantons Zürich mässige Waldbrandgefahr, in den meisten anderen Kantonen ist die Gefahr sogar erheblich. Das sind genau die Bedingungen, die der Borkenkäfer mag. Was er auch mag: Fallholz, das nach dem Wintersturm Burglind noch immer in beträchtlichen Mengen im Wald liegt. Förster haben deshalb alle Hände voll zu tun, das befallene Holz wegzuräumen.

Gewitter bringt nicht viel

Und noch jemand leidet unter dem Wetter, und das schon seit Monaten: Die Allergiker. Im Moment sind es Graspollen, die in grossen Mengen in der Luft herumschwirren und den Heuschnupfen-Geplagten das Leben schwer machen.

Eine wirkliche Erlösung ist derzeit nicht in Sicht. Die Gewitter, die für die nächsten Tage angekündigt sind, lindern die Trockenheit nur für den Moment. Zwar können die Regenmengen örtlich gross sein, aber während eines Starkregens vermag das Wasser zu wenig in die ausgedörrte Erde einzudringen, es fliesst grösstenteils einfach ab. Für die Allergiker bringt ein Gewitter anfangs gar mehr statt weniger Belastung. Denn zu Beginn werden erst einmal Pollen aus höheren Luftschichten nach unten gedrückt, und wenn es zu regnen beginnt, saugen sich die Pollen voll und bersten. Erst nach etwa anderthalb Stunden ist der Spuk vorbei.

Längerfristig Entspannung brächte allerdings nur ein Landregen. Doch eine solche Wetterlage ist weit und breit nicht in Sicht, im Gegenteil. Aufs kommende Wochenende meldet Meteoschweiz bereits wieder heisses, sonniges und meist trockenes Wetter, und daran ändert sich auch kommende Woche wenig. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.07.2018, 15:11 Uhr

Artikel zum Thema

Trockenheit gilt in der Schweiz bald als Naturgefahr

Mit der Klimaerwärmung werden Trockenphasen hierzulande immer häufiger und gefährlicher. Der Bund will entsprechende Massnahmen treffen. Mehr...

Das Klima schlägt aufs Gemüt

Die globale Erwärmung bringt nicht nur Fluten, Dürren und Stürme mit sich – sie belastet auch die Psyche. Depressionen, Angststörungen oder Suizidgedanken sind mögliche Folgen. Mehr...

Hitze macht den Bauern das Gemüse kaputt

Eine Hitzewelle jagt die nächste. Das merken auch die Landwirte. Die Ernten fallen schwach aus. Besonders deutlich ist das beim Eisbergsalat. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Erotik zu dritt

Hier finden Singles oder Paare den passenden Partnern für den flotten Dreier: The Casual Lounge.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Abkühlung: Der kleine Gorilla Virunga wird von seiner Mutter Nalani durch den Biopark Valencia in Spanien getragen. Virunga ist der zweite Gorilla, der im Rahmen des europäischen Artenschutzprogrammes geboren wurde. (17.August 2018)
(Bild: Manuel Bruque/EPA) Mehr...