Wahlkämpfer Köppel schwänzt in Bern

Der SVP-Mann macht Wahlkampf in 162 Zürcher Gemeinden. Doch er ist nicht der einzige Zürcher, der sein Nationalratsmandat vernachlässigt.

Rekordhohe Absenzen in Bern: Roger Köppel an der SVP-Delegiertenversammlung am 2. April 2019 in Zürich-Oerlikon. Foto: Keystone

Rekordhohe Absenzen in Bern: Roger Köppel an der SVP-Delegiertenversammlung am 2. April 2019 in Zürich-Oerlikon. Foto: Keystone

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SVP-Politiker Roger Köppel feiert sich derzeit als Super-Wahlkämpfer: «Herzlich willkommen bei einer Weltpremiere!» heisst es auf seiner Website. Er sei der erste Ständeratskandidat, der vor den Wahlen alle Zürcher Gemeinden besuche. In der Tat, allein während der Sommersession im Juni trat Köppel im Kanton Zürich in elf Gemeinden auf.

Wie die neuste Absenzenliste aus den eidgenössischen Räten zeigt, wirkt sich die Monster­tournee negativ auf Köppels Präsenz im Nationalrat aus. Er war zwar schon vor der Session am wenigsten anwesend in Bern – er fehlte an über 22 Prozent der Abstimmungen. Doch in der Junisession hatte er mit 41,8 Prozent eine fast doppelt so hohe Abwesenheit. Das zeigt die Analyse der Daten durch Politik.ch. Solche Werte erreichten bisher nur die Nationalräte Peter Spuhler, Christoph Blocher und Filippo Leutenegger.

Neben Köppel fällt auch FDP-Nationalrätin Doris Fiala auf. Sie liegt mit 37,2 Prozent nur relativ knapp hinter Köppel und weit vor dem Rest. Damit ist sie die Vize-Absenzenkönigin.

Roger Köppel sieht in seinen ­rekordhohen Absenzen in der vergangenen Session kein Problem und kritisiert in der «Aargauer Zeitung» die «ausufernden» ­Debatten im Nationalrat. «Ich halte den engsten Kontakt mit meinen Wählern», sagt er.

Doris Fiala fehlte insbesondere aus beruflichen Gründen: «Ich bin selbstständigerwerbend und deshalb hie und da im Ausland.» Auch andere Engagements wie das Präsidium der FDP-Frauen hätten bei ihr zu Absenzen geführt: «Das muss in einem Milizsystem möglich sein.» Trotzdem betont Fiala: «Alles in allem ist meine Präsenz in Ordnung, das waren Ausnahmen.» Fiala kam über die ganze Legislatur gesehen auf 10 Prozent Absenzen.

«Das liegt nicht mehr drin. Die Teilnahme an Parlamentssitzungen muss hohe Priorität haben.» Andreas Hugi, Kommunikationsagentur Furrerhugi

Auch wenn die weiteren 35 Zürcher Parlamentarier in der Sommersession mehr präsent waren als Köppel und Fiala, fällt doch auf, dass auch die anderen Ständeratskandidatinnen und -kandidaten vergleichsweise häufig fehlten. Die Grünliberale Tiana Angelina Moser liegt auf Rang 4, Daniel Jositsch (SP) auf Rang 6 und Ruedi Noser auf Rang 12.

Wie viele Absenzen sind bei ­National- und Ständeräten noch akzeptabel? Für Andreas Hugi von der Kommunikationsagentur Furrerhugi liegen 40 Prozent Absenzen klar jenseits der Toleranzgrenze: «Das liegt nicht mehr drin. Für gewählte Politiker muss die Teilnahme an den Parlamentssitzungen hohe Priorität haben.» Gleichwohl will Hugi keine absolute Grenze ­ziehen. Es gebe Parlamentarierinnen, die viel Arbeit in den Kommission leisteten und in den Plenumsdebatten hie und da fehlten. «Die tun womöglich mehr fürs Land als Hinterbänkler mit weniger Absenzen.»

«Ich halte den engsten Kontakt mit meinen Wählern»: Köppel filmt sich in der Wandelhalle.

Auch für Hugi ist klar, dass man im Milizsystem nicht immer volle Präsenz verlangen könne. Wer ein Unternehmen führe oder andere Mandate wahrnehme, dürfe auch mal fehlen. Auch der Wahlkampf legitimiere Absenzen bis zu einem gewissen Grad: «Wenn ich mich für meine Wiederwahl und für meine Partei einsetze, tue ich schliesslich auch etwas für meine Wähler», sagt Hugi. Eine Mitschuld an den relativ vielen Absenzen sieht er bei den Verbänden, die seines Erachtens zu wenig Rücksicht auf die Terminplanung in Bern nähmen.

Der ehemalige FDP-Sekretär Andreas Hugi ist heute in Zumikon Schulpräsident und Gemeinderat. Für ihn ist die Anwesenheit an den Behördensitzungen «heilig». Er fehle höchstens begründet und ausnahmsweise – vielleicht einmal im Jahr. Am wichtigsten sei es, möglichst immer und überall erreichbar zu sein.

Erstellt: 05.07.2019, 09:27 Uhr

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