«Wahlkampf macht jeder für sich»

Filippo Leutenegger will Zürcher Stadtpräsident werden. Von einer Zusammenarbeit der Bürgerlichen im Wahlkampf hält der 60-jährige FDP-Nationalrat nichts.

Ziehen zusammen in den Wahlkampf: Filippo Leutenegger und Andres Türler.

Ziehen zusammen in den Wahlkampf: Filippo Leutenegger und Andres Türler. Bild: Reto Oeschger

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Eben wurden Sie zum Kandidaten für das Stadtpräsidium gekürt. Ein Prestigeamt. Wenn der wichtigste Posten in der Zürcher Exekutive keine Option gewesen wäre, hätten Sie auch kandidiert?
Das kann ich nicht sagen. Es ist eine hypothetische Frage und ganz klar eine Frage der Strategie. Deren Ziel muss es sein, das links-grüne Übergewicht in dieser Stadt anzupacken.

Was lockte Sie als Unternehmer und Nationalrat an der Stadtratsarbeit, am Zürcher Schulwesen oder dem Polizeidepartement?
Das Schulwesen finde ich zum Beispiel sehr interessant. Ich lebe seit bald 40 Jahren hier und habe fünf Kinder in die Schulen der Stadt geschickt. Aber auch zu fast jeder anderen möglichen Tätigkeit eines Zürcher Stadrats habe ich einen Bezug. Ich war im Nationalrat in der Finanz- und Verkehrskommission, in der Kommission für öffentliche Bauten, und jetzt kümmere ich mich um Umwelt und Raumplanung.

Eben erst haben sich die Zürcher an ihre erste Stadtpräsidentin gewöhnt: eine linke Frau. Warum glauben Sie, wählen diese jetzt einen Mann kurz vor dem Pensionsalter und erst noch einen SVP-nahen Rechten?
So etwas kann man sich im linken Zürich fast nicht mehr vorstellen, ja (lacht)? Aber ich bin da ganz unverkrampft. Ich sehe, dass wir in ein strukturelles Defizit hineinlaufen. Zürich drohen Steuererhöhungen. Nicht erst in 10 Jahren, sondern schon bald. Wir leben über unsere Verhältnisse, und zwar massiv. Das müssen wir korrigieren. Und dazu braucht es Kraft. Die habe ich. Corine Mauch hingegen wird diese Probleme nicht sonderlich engagiert angehen.

Sie wollen sparen. Wo noch?
Es geht nicht nur ums Sparen. Wir sollten den Verwaltungsapparat nicht weiter aufblähen. Es werden pro Jahr bis zu 300 neue Stellen in der Stadtverwaltung geschaffen. Obwohl die Politik die Verwaltungsstellen plafoniert hat. Wir erhalten ein teures und bürokratisches Kinderbetreuungssystem am Leben und erhöhen die Ausgaben für die Wohnbauförderung.

Weniger Unterstützung für Wohnbaugenossenschaften. Das ist nicht gerade eine populäre Wahlkampfansage.
Ich gehe nicht in die Politik, um populär zu werden. «Gouverner – c’est prevoir.» Wir müssen schauen, dass wir eine Stadt, die so wichtig ist für die Schweiz wie Zürich, vital halten. Und dazu gehören gesunde Finanzen, und nicht uferlose Versprechen, welche unsere Kinder bezahlen müssen.

Warum meinen Sie, hat die FDP überhaupt Anrecht auf einen weiteren Sitz im Stadtrat?
Wir hatten immer gute Leute in der Regierung und verfolgen einen lösungsorientierten Ansatz. Und es kommt sehr darauf an, wer sonst noch gewählt wird. Wenn man die bürgerlichen Parteien zusammenzählt, kommt man auf rund 40 Prozent Wähleranteil.

Aber ausgerechnet die SVP, die als wählerstärkste bürgerliche Partei der Stadt nicht an der Regierung beteiligt ist, befürchtet nun, Sie stünden ihnen als strammer Rechter in der Sonne.
Ich hoffe, dass die FDP ihren zweiten Sitz zurückerobern kann. Aber für die Konkordanz wäre es gut, wenn auch die SVP Regierungsverantwortung übernehmen könnte. Allerdings hatte die SVP bis jetzt eine andere Ausgangslage, hatte keine stramm bürgerlichen Gegner und sie hat den Sprung in den Stadtrat trotzdem nicht geschafft. Ich glaube eher, dass wir der Bevölkerung zeigen sollten, dass es gute liberale Konzepte für die Stadt Zürich gibt. Und nicht nur den Bemutterungs- und Fürsorgestaat, der finanziell aus dem Ruder läuft. Etwa in der Kinderbetreuung, die man effizienter und kostengünstiger gestalten könnte. Nächstens gibt die Stadt dafür 200 Millionen aus.

Werden Sie im Wahlkampf mit der SVP zusammenarbeiten?
Da müssen Sie den Parteipräsidenten fragen, aber ich glaube das eher nicht. Wahlkampf macht jeder für sich. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die bürgerlichen Kandidaten von den Wirtschaftsverbänden unterstützt werden.

Apropos Wahlkampf – der wird teuer: Wie viel eigenes Geld werden Sie in den Wahlkampf stecken?
Ich weiss es noch nicht, aber es wird sicher nicht besonders teuer werden, denn für einen solchen Wahlkampf zählt vor allem das persönliche Engagement.

Welche Aufgaben werden Sie an den Nagel hängen müssen?
Alles Operative. Mein Verwaltungsratspräsidium bei der BAZ etwa. Das ist ein Wermutstropfen, dass ich ein Teil meiner unternehmerischen Freiheit aufgeben muss. Aber es ist ein Opfer, das ich erbringen muss. Ich bin ein Fan unseres Landes mit seinem föderalistischen Aufbau und Milizsystem. Und mir geht es gut, ich lebe in einer wunderbaren Familie, ich bin unabhängig und kann es mir leisten, in die Hosen zu steigen für etwas Gutes. Für unsere schöne Stadt Zürich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.09.2013, 22:35 Uhr

Kommentar

Das letzte Aufgebot

Von Edgar Schuler

Mit Filippo Leutenegger als Kandidat für das Stadtpräsidium haben die Freisinnigen innerhalb des bürgerlichen Lagers eine Führungsrolle übernommen. Dem «Arena»-Dompteur ist es zuzutrauen, dass er die SP-Stadtpräsidentin Corine Mauch wirkungsvoll herausfordert. Er hat auch das Zeug dazu, den Wahlkampf auf die zentralen Weichenstellungen zu konzentrieren. Wie weit soll sich diese Stadt weiter in Richtung ökologisch-soziale Umverteilung bewegen? Wie viel Raum soll der privaten Initiative bleiben – im Wohnbau, bei der Kinderbetreuung?

Leuteneggers Nomination für das Stadtpräsidium schränkt den Spielraum der SVP ein. Sie nominiert schon morgen Donnerstag ohne klaren Favoriten. Dass sie sich jetzt auch noch um das Stadtpräsidium bewirbt, kommt kaum infrage, denn die Wirtschaft verlangt bürgerliche Zusammenarbeit. Wen immer die SVP aufstellt, auf dem Papier sind dessen Chancen weiter gesunken.

Dass Leutenegger und seine FDP die Nase vorn haben, ist also weniger ihrer politischen Fitness zuzuschreiben als der chronischen Schwäche des bürgerlichen Lagers insgesamt. FDP und SVP kommen zusammen auf knapp ein Drittel Wähleranteil und haben heute noch einen Stadtrat. Die SP allein kann auf gleich viele Wähler zählen und stellt vier Stadtratsmitglieder. Dass Leutenegger mit seinen 60 Jahren ein Hoffnungsträger ist, lässt ihn aussehen wie das letzte Aufgebot.

Kampf ums Stadtpräsidium

Leutenegger fordert Mauch heraus

Der Zürcher Freisinn greift mit Filippo Leutenegger das Stadtpräsidium von Corine Mauch (SP) an. Die Delegierten haben an der gestrigen Versammlung den Kurs ihres Vorstandes gutgeheissen und den 60-jährigen Nationalrat sowie den bisherigen Andres Türler für die Stadtratswahlen im Februar nominiert. FDP-Stadtparteipräsident Michael Baumer: «Das macht den Wahlkampf interessant.» Die Zürcher hätten ein Recht auf bürgerliche Gegenpositionen. Die links-grüne Stadtregierung sei in die Position der konservativen Bewahrer gerutscht. «Auch für Corine Mauch ist es attraktiv, wenn ihre Positionen vom Volk überprüft werden.» Leutenegger wäre ein Gewinn für die Stadt, sagt Baumer. Im Gegensatz zu Mauchs zurückhaltendem Auftreten könne der Medienprofi und Unternehmer für die Stadt Zürich viel bewegen, was die Repräsentation nach aussen angehe.

Morgen Donnerstag will die SVP zwei Kandidaten nominieren. Infrage kommen Stadtparteipräsident Roger Liebi oder Fraktionschef Mauro Tuena. Die Grünliberalen schicken Gemeinderat Samuel Dubno ins Rennen. Die Grünen haben ihre Kandidaten ebenfalls bereits gekürt. Sie treten im Februar mit zwei Köpfen an: Markus Knauss soll den Sitz der zurücktretenden Ruth Genner verteidigen, Daniel Leupi tritt wieder an. Die CVP hat ihren Schulvorstand Gerold Lauber als erste Partei schon Anfang Juli nominiert. Der eben erst gewählte Stadtrat Richard Wolff (AL) tritt ebenfalls wieder an. Anfang nächster Woche kürt auch die SP ihre offiziellen Kandidaten. Sie will ihre vier Sitze verteidigen, wobei Stadtpräsidentin Corine Mauch, Gesundheitsvorsteherin Claudia Nielsen und Hochbauvorsteher André Odermatt wieder kandidieren. Anwärter sind Min Li Marti, die Fraktionschefin der SP im Zürcher Gemeinderat, und Raphael Golta, der Fraktionschef im Kantonsrat.

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