Walliseller Pädagogin hinterging mehr als ein Elternpaar

Die esoterische Pädagogin ging mit einem Schüler zum Arzt, ohne die Eltern zu informieren, und drängte auf eine Umplatzierung. Die Schulpräsidentin wusste, dass die Frau ihre Kompetenzen überschritt.

Christa litt unter mangelndem Selbstwertgefühl. Die Sozialpädagogin sollte ihr aus dieser Situation heraushelfen. (Foto: Sophie Stieger)

Christa litt unter mangelndem Selbstwertgefühl. Die Sozialpädagogin sollte ihr aus dieser Situation heraushelfen. (Foto: Sophie Stieger)

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Eine esoterisch angehauchte Sozialpädagogin der Schule Wallisellen, die hinter dem Rücken der Eltern die 14-jährige Schülerin Christa zum Arzt und ins Mädchenhaus gebracht hatte, leistete sich in einem weiteren Fall Kompetenzüberschreitungen. Opfer wurden eine Familie und deren Sohn.

Brisant an dem Fall ist, dass sich Schulpräsidentin Anita Bruggmann intern monatelang vor die Sozialpädagogin gestellt und behauptet hatte, es seien ihr keine weiteren Fälle bekannt. Recherchen zeigen aber, dass Bruggmann Kenntnis von zusätzlichen Kompetenzüberschreitungen ihrer Mitarbeiterin hatte.

Beim Rauchen erwischt

Die Ereignisse begannen Ende 2010 mit einem Disput zwischen dem damals 14-jährigen Beat (Name geändert) und seiner Mutter, wie die Eltern erzählen. Sie hatten ihn beim Rauchen erwischt und am Mittagstisch zur Rede gestellt. Der Jugendliche reagierte aggressiv, worauf ihn sein Stiefvater ermahnte. In einem Wutanfall verwarf Beat die Arme, schlug die Hand an der Wand an und zog sich eine harmlose Schürfung am kleinen Finger zu. Auf jeden Fall ging er am Nachmittag wieder zur Schule und am Abend zum Skaten. Und er erwähnte den Finger nicht mehr. Am nächsten Morgen hatte Beat einen Termin bei der Sozialpädagogin. Diese ging mit dem Schüler sofort zum Arzt.

Die Eltern waren perplex. Die Sozialarbeiterin habe sie nicht informiert, obwohl sie auf dem Weg zum Arzt an ihrem Haus vorbeigegangen sei. Es sei ein Notfall gewesen, verteidigte sich die Pädagogin. Von einer harmlosen Schürfung hingegen spricht der Stiefvater, der im medizinischen Bereich arbeitet. «Beat hat sich selbst verletzt», beteuert er. «Eine solche Schürfung kann gar nicht von einem Schlag stammen.»

Anklage auf Facebook

Doch Beat setzte noch einen drauf, um seinem Stiefvater eins auszuwischen. Er fotografierte die Verletzung und stellte das Bild auf Facebook mit dem Titel: «Das isch min Stiefvater gsi.» Freunde von Beat schrieben, sie würden sich handgreiflich am «Täter» rächen. Zur Rede gestellt, löschte Beat den Beitrag.

Die Mutter stellte die Sozialpädagogin zur Rede und erklärte, sie werde die Arztrechnung nicht bezahlen. Notfalls begleiche die Schule diese, antwortete die Pädagogin. Als die Rechnung kam, leitete die Mutter diese an die Schule weiter. In der Antwort hiess es, die Sozialpädagogin habe falsch Auskunft gegeben, die Schule könne die Kosten nicht übernehmen. Die Mutter erhob Einspruch. Am 5. April dieses Jahres entschied die Schulpflege, die Arztrechnung doch noch zu begleichen.

Weiter machte die Eltern der Kostenpunkt «Formeller Bericht» auf der Rechnung stutzig. Die Mutter rief den Arzt an. Die Sozialpädagogin habe verlangt, dass er einen Bericht an die Vormundschaftsbehörde verfasse, antwortete dieser.

Die Eltern waren alarmiert. «Ich habe Angst, dass wir nun bei den Behörden registriert sind als Eltern, die ihren Sohn misshandeln», sagte die Mutter. «Wir können auch nicht ausschliessen, dass die Sozialpädagogin eine Gefährdungsmeldung gemacht hat. Uns hat nie jemand gefragt, ob wir unseren Sohn geschlagen hätten. Wir spürten die stillen Vorwürfe aber deutlich.»

Für die Eltern von Beat war die Angelegenheit noch nicht vorbei. Die Sozialpädagogin war überzeugt, dass der Schüler in einer belasteten Umgebung lebte. Sie hatte ihm früher schon gesagt, er könne zu seinem Vater ziehen oder bei einer Pflegefamilie leben. Der Lehrer von Beat lud die Familie samt dem leiblichen Vater des Schülers zu einem Gespräch ein. Thema: nachlassende schulische Leitung. An der Sitzung nahm auch die Sozialpädagogin teil. Ohne auf die Umstände der Handverletzung einzugehen, drängte sie sofort auf eine Umplatzierung von Beat zu seinem leiblichen Vater.

Die Mutter fühlte sich überrumpelt. Da aber Beat einwilligte, stimmte sie der Lösung schweren Herzens zu. Dass Beat seinen Vater 2010 nur etwa dreimal gesehen hatte, kümmerte die Sozialpädagogin nicht. »Es ging alles viel zu schnell, der rasche Entscheid war unseriös», sagt die Mutter rückblickend. «Es ist schrecklich, auf diese Weise quasi sein Kind zu verlieren.»

Untersuchung eingeleitet

Der Fall zeigt, dass die Sozialpädagogin nicht nur mit Christa zum Arzt gegangen war, ohne die Eltern zu informieren, sondern auch mit Beat. Die Schulpräsidentin hatte hingegen behauptet, ihre Mitarbeiterin habe sich neben dem vom TA publik gemachten Fall mit Christa nichts zuschulden kommen lassen. Nach Veröffentlichung des TA-Berichts wurde die Sozialpädagogin beurlaubt, und die Schulpflege gab eine Administrativuntersuchung in Auftrag.

Schulpräsidentin Anita Bruggmann wollte wegen der laufenden Untersuchung keine Auskunft geben. Die Sozialpädagogin war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.11.2011, 06:59 Uhr

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