Waren für 350 Franken beim Selfscanning «vergessen»

Ein Mann scannte im Coop Fleisch- und Wurstwaren nicht. Diebstahl? Oder Zerstreutheit? Die Justiz urteilte erstmals in einem strittigen Self-Check-out-Fall.

Der Einzelrichter in Winterthur musste sich mit einem Fall von Selfscanning-Diebstahl im Coop befassen.

Der Einzelrichter in Winterthur musste sich mit einem Fall von Selfscanning-Diebstahl im Coop befassen. Bild: Keystone

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Sichtlich erleichtert nahm der Schweizer heute Freitag den Freispruch des Einzelrichters des Bezirksgerichts Winterthur entgegen. Eine Verurteilung wegen Diebstahls, wie sie die Staatsanwältin gefordert hatte, wäre für den Versicherungsmann eine berufliche Katastrophe gewesen.

Der Mittvierziger hatte im November letzten Jahres nach der Arbeit den Wocheneinkauf für die Familie in einem Coop in Winterthur getätigt. Dabei bezahlte er bei der Self-Check-out-Kasse lediglich Waren im Wert von rund 80 Franken. Fleisch- und Wurstwaren in der Höhe von rund 350 Franken scannte er nicht ein und wurde vom Filialleiter prompt erwischt. Die Polizei wurde gerufen und ein Rapport zuhanden der Staatsanwaltschaft verfasst. Die Staatsanwältin fordert wegen Diebstahls eine bedingte Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu 140 Franken und eine Busse von 500 Franken.

18 Wurst- und Fleischwaren vergessen

Am Prozess erklärte der Beschuldigte, wie es zum Vorfall gekommen war. Er sei beruflich und familiär sehr gestresst gewesen und habe beim Einkauf den Kopf nicht bei der Sache gehabt, sagte er. Er habe die Nicht-Kühlprodukte mit dem mobilen Scanner schon bei den Warenregalen erfasst, die 18 Kühlprodukte – Fleisch- und Wurstwaren – habe er erst an der Self-Check-out-Kasse scannen wollen. Dies habe er aber vergessen und an der Kasse nur den Betrag für die anderen Waren bezahlt. Das habe er nicht bewusst gemacht, erklärte er.

Auf die Frage des Richters, warum er die einen Sachen mit dem mobilen Scanner am Warenregal und die anderen an der Kasse gescannt habe, konnte der Beschuldigte keine Antwort geben. Er sagte lediglich, er sei einfach unkonzentriert gewesen. Nicht nur der Richter wunderte sich über diese «Mischmethode». Auch der Fleischverkäuferin war aufgefallen, dass er einzelne Produkte scannte und andere nicht. Deshalb informierte sie den Filialleiter, der den Mann nach der Kasse beim Ausgang zur Rede stellte.

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Ob ihm der tiefe Preis für den ganzen Einkauf in der Höhe von 80 Franken nicht aufgefallen sei, wollte der Richter wissen. «Nein, ich schaue mir die Quittungen nicht an», sagte der Mann.

«So blöd kann keiner sein»

Sein Anwalt verlangte einen Freispruch. Sein Mandant sei beruflich sehr belastet gewesen, habe familiäre und private Probleme gehabt. Er habe schlicht und einfach vergessen, die nicht gescannten Produkte an der Self-Check-out-Kasse noch einzulesen. Der Mann habe sich nie etwas zuschulden kommen lassen. «So blöd kann man gar nicht sein, wegen einer Summe von 350 Franken ein solches Risiko auf sich zu nehmen.» Sein Mandant sei im Kader in der Versicherungsbranche tätig, eine strafrechtliche Verurteilung wegen Vermögensdelikten könnte das berufliche Aus bedeuten.

Weiter sagte der Anwalt, dass sich sein Mandant bei Coop entschuldigt und eine Umtriebsentschädigung von 150 Franken bezahlt habe. Auch der Grossverteiler wolle keine Verurteilung, habe er doch eine Desinteresse-Erklärung abgegeben und das ausgesprochene Hausverbot wieder aufgehoben. Dass sich überhaupt das Gericht mit einer solchen «Lappalie» befassen müsse, liege daran, dass der Betrag höher als 300 Franken sei. Bei einem geringeren Betrag wäre der Mann wegen geringfügigen Diebstahls mit einer Übertretungsbusse davongekommen.

Gerichts- und Verteidigerkosten bezahlen

Der Einzelrichter folgte dem Verteidiger und sprach den Schweizer frei. Es habe kein Motiv vorgelegen, und die Ausführungen des Beschuldigten seien detailliert und lebensnah. Die gewählte Mischmethode beim Scannen sei zwar schon seltsam, aber es gelte im Zweifel für den Angeklagten, sagte der Richter. Trotzdem muss der Versicherungsmann die Gerichts- und Untersuchungskosten von mehr als 3000 Franken bezahlen, ebenso den Verteidiger. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.05.2018, 13:40 Uhr

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