Warum Duisburg und Zürich nicht zu vergleichen sind

Eine Massenpanik an Grossveranstaltungen lässt sich nie ausschliessen. Der Sicherheitschef der Street-Parade sagt, warum ein solches Unglück in Zürich extrem unwahrscheinlich ist.

Unterschiedliche Verhältnisse: Ein Ausgang in Duisburg – über 30 in Zürich. (TA-Grafik/Quelle: OK Streetparade, TA/ Fotos Google Maps)

Unterschiedliche Verhältnisse: Ein Ausgang in Duisburg – über 30 in Zürich. (TA-Grafik/Quelle: OK Streetparade, TA/ Fotos Google Maps)

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Remo Michel, seit 18 Jahren Sicherheitschef der Street-Parade, ist plötzlich ein gefragter Mann. Sein Handy klingelt ununterbrochen. Journalisten aus Amerika, Spanien, Holland oder arabischen Ländern stellen alle die gleiche Frage: «Kann sich das Unglück von Duisburg in Zürich wiederholen?» Michels Antwort lautet stets: «Mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit nicht.»

Der Gegensatz zwischen den beiden Grossanlässen ist offensichtlich (siehe Grafik). Die Love-Parade in Duisburg fand in einem geschlossenen Areal statt, die Street-Parade auf einer offenen Route entlang dem Zürcher Seebecken. Über 30 unverstellte Fluchtwege erlauben dort ein schnelles Abfliessen Tausender von Menschen.

Kein Gefälle, keine eingeschränkte Sicht

Mit der Quaibrücke verfügt zwar auch die Street-Parade über ein Nadelöhr. Es bestehen aber bedeutende Unterschiede zum Tunnel in Duisburg, an dessen Ausgang die meisten Besucher starben:

  • Die Quaibrücke hat eine Breite von 31 Metern und einer Länge von 120 Metern. Der Tunnel in Duisburg ist etwa gleich lang, aber nur halb so breit.
  • Die Quaibrücke liegt auf gleicher Höhe wie das restliche Festareal. Nach dem Tunnelausgang in Duisburg steigt das Gelände dagegen leicht an. «Das bremst die Masse, es kommt schneller zu Staus», sagt Remo Michel.
  • Die Sicht von der Quaibrücke ist unverstellt, in Duisburg versperrten Wände den Blick. «Wenn Menschen sehen, wohin sie ausweichen können, lösen sie weniger schnell eine Panik aus.»
  • In Duisburg haben die Ordnungskräfte die Menge gemäss Michel zu wenig geleitet. «Menschen in Panik handeln irrational. Sie brauchen Führung.» Wenn auf der Quaibrücke Panik ausbricht, können die Veranstalter über die Boxen und Grossbildschirme der benachbarten Bühnen sofort Anweisungen erteilen.
  • Die Love-Parade gastierte erstmals in Duisburg. Die meisten Street-Parade-Besucher nehmen nicht zum ersten Mal am Anlass teil.
  • Im Notfall könnten die Menschen in die Limmat springen. «Das soll nie passieren. Es gäbe aber wohl weniger Verletzte als bei einer Einkesselung.»

Während der Boomjahre um die Jahrtausendwende sei es auf der Quaibrücke teilweise sehr eng geworden, sagt Street-Parade-Sprecher Stefan Epli. Die Veranstalter haben deshalb zwei grosse Bühnen auf den Bürkliplatz und den Sechseläutenplatz gestellt, die das Publikum von der Brücke weglocken sollen. «Das funktioniert. In den letzten Jahren konnte man sich auf der Brücke fast frei bewegen», sagt Epli. Schon in den 90er-Jahren reagierten die Veranstalter auf den wachsenden Andrang und verlegten die ursprüngliche Route durch Bahnhofstrasse und Limmatquai an den See.

Der Hauptbahnhof ist ein weiterer Engpass, wo am Samstagmorgen über 100 Extrazüge Raver von überall her abladen. Die SBB sehen darin keinen Grund zur Besorgnis: Der HB sei kein geschlossener Raum, die Züge kämen gestaffelt an, und der Bahnhof verfüge am Wochenende im Vergleich zu Werktagen über freie Kapazitäten.

«Eine Massenpanik kann überall vorkommen, wo sich mehrere Hundert Leute treffen»

Seit der ersten Durchführung 1992 sind um die Street-Parade immer wieder Probleme aufgetreten: Es gab Messerstechereien, Drogenopfer, Hitzekollapse, eine Störaktion von Neonazis. 2008 drohte die damalige Polizeivorsteherin Esther Maurer (SP), den Anlass zu verbieten. Stattdessen schränkte sie den Alkoholausschank in der Innenstadt ein. Zu einer Massenpanik sei es in all den Jahren nie gekommen, so Epli. Die Stadtpolizei bestätigt dies. «Das Sicherheitskonzept hat sich über Jahre hinweg bewährt», sagt Sprecherin Susann Birrer.

Alle Verantwortlichen betonen, dass sich ein Unglück trotz bester Vorkehrungen nie ausschliessen lässt. «Eine Massenpanik kann überall vorkommen, wo sich mehrere Hundert Leute treffen», sagt Roland Portmann, Sprecher von Schutz und Rettung. Nicht nur Druck könne eine solche auslösen. «Es reicht, wenn jemand in der Menge schreit, dass er eine Bombe trage.» Er appelliert deshalb an die «Eigenverantwortung». Man solle die neuralgischen Punkte meiden und möglichst keine Kinder mit ins Getümmel nehmen.

Besucher kommen trotzdem

Die Street-Parade-Veranstalter haben seit Samstag zahlreiche E-Mails mit Verbesserungsvorschlägen bekommen. Unterschwellig war auch der Vorwurf zu hören, dass die Organisatoren möglichst hohe Besucherzahlen anstrebten. Und so das Risiko einer Massenpanik zumindest duldeten. «Das ist Blödsinn», sagt Stefan Epli. «Uns geht es vor allem um die Qualität. Wir wollen nicht die Grössten sein. Ob 1 Million oder 600 000 kommen, ist nicht entscheidend.»

Dass das Unglück die Besuchermenge schrumpfen lässt, dafür gibt es bisher keine Anzeichen. Hotelzimmer wurden keine abbestellt. Die Parade-Besucher reservierten aber relativ kurzfristig, sagt Frank Bumann von Zürich Tourismus. Auch bei der Stuttgarter Schienenverkehrsgesellschaft, die Partyzüge aus Deutschland organisiert, kann man noch nicht abschätzen, wie sich das Duisburger Unglück auf die Verkäufe auswirkt.

Sicherheitschef Remo Michel hofft, dass sein Handy bald seltener klingelt. «Am 14. August ist es so weit. Ich habe Wichtigeres zu tun, als zu plaudern.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2010, 07:47 Uhr

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