Warum liess Alexandra Sprüngli ihr Haus auf der Forch abreissen?

Seit rund einem Jahr herrscht auf der Baustelle des Sprüngli-Anwesens auf der Forch Funkstille. Bauherrin ist eine im Kanton Zug domizilierte Firma. Dort ist niemand erreichbar.

«Eine höhere Intelligenz habe sie am 6. Januar zu sich berufen»: Alexandra Sprüngli alias Heidi Gantenbein. (Bild: Screenshot «10vor10»)

«Eine höhere Intelligenz habe sie am 6. Januar zu sich berufen»: Alexandra Sprüngli alias Heidi Gantenbein. (Bild: Screenshot «10vor10»)

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Rund 400 bis 500 Personen haben am Abschiedsgottesdienst in der Pfarr- und Wallfahrtskirche in Sachseln OW am 21. Januar 2012 teilgenommen – trotzdem ging es fast ein halbes Jahr, bis der Tod von Alexandra Sprüngli öffentlich wurde. Erst Recherchen der «Glückspost» und von «10 vor 10» von SF machten den Tod der 63-Jährigen publik. Viele Trauergäste waren Klienten ihrer Praxis für Beratung und Heilung. Die Praxis befand sich in ihrem Haus zur Quelle an der Guldenenstrasse auf der Forch (Gemeinde Maur).

Laut dem Luzerner Pfarrer Leopold Kaiser, der die Abdankung durchführte, hatten Angehörige von Sprüngli die Wallfahrtskirche gewünscht. Sprüngli war eine Anhängerin von Bruder Klaus, dem die Kirche gewidmet ist. Auch auf ihrer Website ist ein Gebet von Bruder Klaus aufgeführt. Alexandra Sprüngli war im Alter offenbar immer religiöser geworden. Aber auch Esoterik spielte bei ihr eine grosse Rolle. Ihr Tod wird auf ihrer Website mit folgenden Worten beschrieben: Eine höhere Intelligenz habe sie am 6. Januar zu sich berufen. Die Beerdigung hatte im engsten Familienkreis stattgefunden, ihre Asche wurde in freier Natur beigesetzt.

Kaum Kontakt mit Nachbarn

Das Haus zur Quelle an der Guldenenstrasse auf der Forch ist im letzten August abgerissen worden. Seitdem herrscht auf der Baustelle Funkstille. Nur das Fundament ist gebaut, sonst nichts. Bauherrin ist eine im Kanton Zug domizilierte Firma. Dort ist niemand erreichbar.

Die Anwohner an der Guldenenstrasse wissen nicht, was Sprüngli dort geplant hatte: Hat sie das Grundstück verkauft? Oder wollte sie dort ein grösseres Zentrum bauen? Sie lebte sehr zurückgezogen und hatte mit den Nachbarn kaum Kontakt. Während der Bauzeit habe sie in der Nähe gewohnt, sei aber viel in der Ferienwohnung in Arosa gewesen, heisst es. Dort wurde sie dann auch tot in der Badewanne aufgefunden. Die Polizei schliesst ein Verbrechen, Drogen oder Alkohol als Ursache aus. Noch fünf Tage zuvor hatte sie unter der Rubrik «Wöchentlich neu» auf ihrer Website geschrieben: «Jeder Moment ist ein Neubeginn. In jedem Moment wirst du neu geboren.»

Es sollten bald die Köpfe rollen

Wer ihr Vermögen erhält, ist nicht bekannt. Gemäss einer Verlautbarung des Bezirksgerichts Uster hatte Sprüngli in ihrem Testament Erben eingesetzt, die nicht zur Familie gehören. Als gesetzliche Erben kamen Angehörige der grosselterlichen Verwandtschaft in Betracht. Diese hatten nach der Veröffentlichung im kantonalen Amtsblatt einen Monat Zeit, Einsprache zu erheben. Die Frist läuft in diesen Tagen ab.

In jungen Jahren, als Alexandra Sprüngli noch Heidi Gantenbein hiess, schlug sich die Bauerntochter aus dem st.-gallischen Hemberg in der Ostschweiz als Serviererin und Sekretärin durch. Boulevardmedien sagten ihr nach, mitunter auch als Callgirl gearbeitet zu haben. Mitte der 70er-Jahre gab sie ihrem Leben eine abrupte Wende. Heidi nannte sich fortan Alexandra und entdeckte ihre spirituellen Kräfte. Sie wandte sich der theosophisch-spirituellen Gemeinschaft «I Am» (Ich bin) zu und versuchte sich als Heilerin und Lebensberaterin.

1986 heiratete sie den Industriellen Max Burri. Mit 77 Jahren war er fast 40 Jahre älter als sie. 16 Monate nach der Hochzeit starb ihr Mann, das Erbe von angeblich 4,5 Millionen Franken machte sie zur reichen Frau. In Zürcher Nobelhotels – vor allem im Atlantis-Sheraton – organisierte sie esoterische Seminare und trat als spirituelle Meisterin auf. Sie diente sich dem Schokoladenkönig Rudolph R. Sprüngli an und wurde seine Personalberaterin. Mit dem spirituellen Schmusekurs war es vorbei, bald rollten in der Schokoladenfabrik Köpfe.

«Seiten-Sprüngli» genannt

Rudolph Sprüngli liess sich nach 45 Ehejahren scheiden und verlobte sich mit seiner geistigen Beraterin, die 28 Jahre jünger war als er. Im Sprüngli-Verwaltungsrat schrillten die Alarmglocken. Das Gremium versuchte alles, um ihrem Präsidenten den Kopf wieder zurechtzurücken. Tatsächlich löste Sprüngli die Verlobung wieder auf, doch kurz darauf heiratete er seine Alexandra im Sommer 1992 doch. Sie wurde als Erbschleicherin bezeichnet, er bekam den Übernamen «Seiten-Sprüngli».

Doch die Befürchtungen, Alexandra Sprüngli greife nach dem Schokoladenimperium, bewahrheiteten sich nicht. Sie entführte ihren Rudolph in übersinnliche Sphären und richtete in ihrem Haus auf der Forch einen Kultraum ein. Hierher wurde anfänglich auch das Sprüngli-Kader beordert. In diesem Reich blühte Alexandra Sprüngli mit ihrer Engelsstimme und den salbungsvollen Weisheiten auf.

Ein Kontrast dazu waren die rigide Hausordnung, die sie durchsetzte, ihr asketischer Körper, das kantige Gesicht und die streng nach hinten gekämmten Haare. Sie zog sich nach dem Tod ihres Mannes immer mehr zurück. Ihren eigenen Tod hat sich die spirituelle Meisterin wohl sanfter vorgestellt. Geahnt hat sie ihn ohnehin nicht, denn am 15. September 2012 hätte der nächste Vortrag mit dem Titel «Verlust – Dankbarkeit – Erfüllung» stattfinden sollen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.07.2012, 07:29 Uhr

Die Bauarbeiten wurden eingestellt: Alexandra Sprünglis Hausfundament auf der Forch. (Bild: Stefan Hohler)

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