Warum sich Zürcher Jugendliche bewaffnen

Viele junge Männer besitzen verbotene Messer, Softairguns und Schlagringe, aber die wenigsten benutzen sie auch. Was sie an diesen Waffen reizt.

Die meisten Jugendlichen, die gegen das Waffengesetz verstossen, besitzen verbotene Messer. Symbolbild: Keystone

Die meisten Jugendlichen, die gegen das Waffengesetz verstossen, besitzen verbotene Messer. Symbolbild: Keystone

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Es ist ein Fall, der schockierte: Ein erst 16-Jähriger sticht mit einem Messer einen 18-jährigen Mann und eine 21-jährige Frau nieder. Beide Opfer müssen schwer verletzt ins Spital. Die Tat ereignete sich Mitte Oktober am Zürcher Utoquai.

Sollte sich der Tatverdacht erhärten, gehört der 16-Jährige zu den Ausnahmen. Denn dass ein Jugendlicher bewaffnet in den Ausgang geht, kommt zwar nicht selten vor. Ungewöhnlich aber ist, dass die Waffe auch tatsächlich eingesetzt wird. Dies hat eine Analyse sämtlicher Verstösse gegen das Waffengesetz von Jugendlichen im Kanton Zürich im Jahr 2018 ergeben.

«Mit em Mässer go hänge»

Nur in vier Fällen sei die Waffe auch eingesetzt worden, hat Sarah Reimann, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Oberjugendanwaltschaft, festgestellt. «Der Einsatz der Fäuste ist noch immer am beliebtesten», sagt Marcel Riesen-Kupper, leitender Oberjugendanwalt.

Im vergangenen Jahr wurden 154 Jugendliche verzeigt, weil sie gegen das Waffengesetz verstossen haben. Dies ist der tiefste Stand, seit dieses Delikt statistisch individuell erfasst werden kann. Im laufenden Jahr wird es jedoch eine deutliche Zunahme geben, denn per Ende September wurden bereits 156 Verstösse registriert.

Für die Zunahme in diesem Jahr gibt es keinen klar erkennbaren Grund. Die Entwicklung sei aber auch in Deutschland erkennbar, sagt Marcel Riesen-Kupper, leitender Oberjugendanwalt. «Mit em Mässer go hänge», wie es Jugendliche formulieren, hiess denn auch eine Medienveranstaltung der Zürcher Jugendstrafrechtspflege.

Zwei Drittel der Waffen entfielen auf verbotene Messer (19%), Softairguns (17%), Schlagringe (16%) und Schmetterlingsmesser (14%). Drei Viertel der Verzeigten waren zwischen 15 und 17 Jahre alt, und in 95 Prozent der Fälle waren es Knaben. 56 Prozent der Erwischten waren nicht vorbestraft. Von den Vorbestraften waren nur 8 Prozent wegen eines Gewaltdelikts aufgefallen.

Warum bewaffnen sich Jugendliche? Fast ein Viertel der Jugendlichen wollte der Jugendanwaltschaft die Frage nicht beantworten. Für jeden Siebten standen «Faszination/Coolness» im Vordergrund. Um sich allenfalls verteidigen zu können, sagte nur jeder Zehnte.

Praktisch gleich viele Jugendliche gaben an, die Waffen als Werkzeug zu benutzen. Der Besitzer eines Schmetterlingsmessers sagte, er streiche damit sein Butterbrot. Gerade Schmetterlingsmesser sind beliebt, weil sich damit Geschicklichkeitstricks machen lassen.

«Sie wollen auffallen, sich abheben, sich Respekt und Anerkennung verschaffen.»Manfred Affolter, leitender Jugendanwalt Unterland

Nur vier Prozent der Verzeigten hatten aus «Unwissen/Versehen» eine Waffe. Das Ergebnis erstaunt, denn das Waffengesetz ist kompliziert. So gilt ein Dolch mit symmetrischer Klinge als Waffe, ein Dolch mit asymmetrischer Klinge aber nicht. Ein einhändig bedienbares Klappmesser ist nur dann eine Waffe, wenn es einen automatischen Mechanismus aufweist, sonst gilt es nicht als Waffe.

«Die Jugendlichen wissen, dass Waffen grundsätzlich verboten sind», sagt Manfred Affolter, leitender Jugendanwalt bei der Jugendanwaltschaft Unterland. Dass sie sie dennoch besitzen, habe wohl damit zu tun, dass sie als Männlichkeits- und Statussymbol von Heranwachsenden taugen. «Sie wollen auffallen, sich abheben, sich Respekt und Anerkennung verschaffen.» Affolter hat vier Typen von jugendlichen Waffenbesitzern identifiziert:

DER POSER

Aussage eines Jugendlichen, der mit einem Springmesser erwischt wurde: «Ich trug das Messer auf mir, um bei meinen neuen Kollegen damit zu ‹bluffen›. Ich zeigte meinen Kollegen das Messer und fragte sie, ob sie etwas Cooles sehen wollten.»

DER ÄNGSTLICHE

Aussage eines Jugendlichen, der sich ein federunterstütztes Klappmesser anschaffte: «Ich fühlte mich unsicher. Dies hat sich auch bestätigt, ich bin ausgeraubt worden. Ich hätte das Messer nur in Notwehrsituationen gegen Menschen eingesetzt.»

DER NEUGIERIGE

Aussage eines Jugendlichen, der sich im Internet spontan einen Schlagring kaufte: «Ich habe einen Schlagring für zwei Franken bestellt. Er war billig, ich war neugierig. Ich wollte ihn zu Dekozwecken. Was die Faszination ausmacht? Man sieht es in Filmen oder Games.»

DER ANWENDER

Beispiel: Ein 15-Jähriger, verbeiständet, ohne Tagesstruktur, wegen Strassenverkehrsdelikten vorbestraft, behändigt ein Küchenmesser, vermummt sich und bricht in eine Wohnung ein. Als die Bewohnerin wegen des Lärms aufwacht, zeigt er ihr sein Messer. Im anschliessenden Gerangel wird die Bewohnerin durch das Messer verletzt.

Im vergangenen Jahr wurden 67 der Verzeigten bestraft, weil sie die Waffe in der Öffentlichkeit trugen. In 9 Prozent der Fälle wurden die Waffen in der Schule oder auf dem Schulareal getragen. In einem Drittel der Fälle wurden die Waffen tagsüber getragen, in einem Viertel der Fälle nachts ab 22 Uhr.

Nur einen Klick entfernt

Dass die Waffe von Jugendlichen nur in seltenen Fällen eingesetzt wird, wird zwar positiv registriert. Trotzdem bestehe bei bewaffneten Jugendlichen aber «ein erhöhtes Risiko, dass sie diese im Zweifelsfall auch einsetzen, insbesondere wenn noch zusätzlich Alkohol im Spiel ist», sagt Riesen-Kupper.

Problematisch findet der leitende Oberjugendanwalt die leichte Verfügbarkeit von Waffen im Internet. 31 Jugendliche wurden im vergangenen Jahr verzeigt, weil sie sich eine Waffe im Internet beschafften. Erstaunlich dabei: Jeder fünfte Käufer war erst 12- oder 13-jährig. Als Grund für den Kauf gab mehr als ein Drittel «Faszination/Coolness» an.

Erstellt: 05.11.2019, 12:31 Uhr

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