«Was, du bist Albanerin?»

Von wegen Raser und Machos: Burim Lusha, Vjosa Ismaili und Arbnora Aliu studieren an der Universität Zürich und an der ZHAW. Sie sind beste Beispiele dafür, wie falsch die Vorurteile über Albaner sind.

«Es wird ein ganzes Volk diffamiert»: Arbnora Aliu, Burim Lusha und Vjosa Ismaili (v. l. n. r.). Foto: Urs Jaudas

«Es wird ein ganzes Volk diffamiert»: Arbnora Aliu, Burim Lusha und Vjosa Ismaili (v. l. n. r.). Foto: Urs Jaudas

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Fühlen Sie sich in der Schweiz mehr albanisch oder mehr ­schweizerisch?
Burim Lusha: Die Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten. Für mich ist es eine Bereicherung, in zwei Ländern aufgewachsen zu sein.

Es gibt immer wieder Diskussionen, ob die albanischstämmigen ­Fussballer in der Nati «richtige Schweizer» seien.
Lusha: In der öffentlichen Wahrnehmung sind Albaner primär nur im Sport sehr begabt. Dass es inzwischen auch an der Uni, der ETH und der ZHAW viele albanische Studenten und Doktoranden hat, wird nicht wahrgenommen. Da es keinen expliziten Wertekodex gibt, was einen «richtigen Schweizer» ausmacht, scheint mir dieser Vorwurf eher diffus.

Albaner sind entweder Fussballer, Kampfsportler oder Türsteher. Stimmt das?
Vjosa Ismaili: Leider nehmen es viele so wahr. Schon im Gymi wurde ich immer wieder gefragt: Was, du bist Albanerin? Nach dem Motto: Wenn du Albanerin bist, kannst du gar nicht studieren.

Arbnora Aliu: Solchen Situationen bin ich heute noch an der Uni ausgesetzt. Weil ich diese Kommentare und Fragen total unangebracht finde, sage ich jeweils ironisch, dass ich zwangsverheiratet sei und heimlich an der Uni studiere. Dann wird auch nicht weiterdiskutiert. Dabei haben meine Eltern in Ex-Jugoslawien studiert. Ein Studium ist in meiner Familie selbstverständlich.

Wie ist es mit den «Balkan-Machos»? Gibt es sie nun oder nicht?
Ismaili: Ich lese solche Zeitungs­berichte nicht mehr, da sie nicht der Realität entsprechen.

Aliu: Was über die «Balkan-Machos» geschrieben wird, kenne ich nicht, weder zu Hause noch in meinem Umfeld. Es geht doch nicht, dass man ein ganzes Volk so diffamiert.

Wenn ein Teenager auf einem ­Pausenplatz in Pristina sagte: «Figg dini Mueter.» Was würde dann passieren?
Aliu: Das würde nicht gut ausgehen. Dieses Verhalten hat nichts mit Albanien zu tun. Es stammt aus der Gangsta-Rap-Kultur und beeinflusst via Youtube, Instagram und Twitter die jungen Männer, auch die Schweizer.

Lusha: Wenn ich lese, dass ein Schulleiter sagt: «Die Kinder lernen daheim, dass die Mutter nichts wert ist», dann muss ich die Seriosität dieser Person infrage stellen. In der albanischen Kultur haben Frauen und vor allem Mütter einen hohen Stellenwert.

Es gibt die «Balkan-Raser», die «Balkan-Machos». Aber gibt es den Balkan-Typ an sich?
Aliu: Mich ärgert es, wenn wir alle immer in einen Topf geschmissen werden. Auch der Begriff Jugo wird als Diffamierung verwendet.

Aber Kroaten, Serben und Albaner haben doch Konflikte untereinander?
Ismaili: Wir begegnen zuerst einmal Menschen, die Ethnie ist zweitrangig.

Aliu: Uns verbindet, dass wir alle als Immigranten in der Schweiz sind.

Wie steht es um die Gleichberechtigung bei Albanern?
Ismaili: Mein Vater hilft im Haushalt mit, das Geschlecht spielt keine Rolle.

Aliu: Wir sind zu Hause vier Frauen. Glauben Sie mir: Mein Vater hat einen schweren Stand.

Lusha: Und ich koche gerne.

Albaner kommen aus konservativen ländlichen Gesellschaften, in denen Frauen unterdrückt werden. Oder nicht?
Aliu: Gehen Sie mal nach Skopje, Pristina oder Tirana. Es ist ein Witz, zu glauben, albanische Frauen würden unterdrückt. Im Gegenteil: Sie sind offen und selbstbewusst.

Keine Burkas und so?
Alle drei: Uns sind keine Burkaträgerinnen im albanischen Raum bekannt.

Und die Chancengleichheit?
Lusha: Ich selbst habe keine Diskriminierung erlebt. Meinen besten Kollegen wollten die Lehrer zunächst nicht ans Gymi schicken, weil er scheinbar nicht geeignet sei. Jetzt schreibt er als 23-Jähriger an seiner Doktorarbeit an der Uni St. Gallen.

Aliu: Ich hatte im Gymi eine Deutschlehrerin, die mir stets bloss eine knappe Vier in den Aufsätzen gab. Als ich nach dem Grund fragte, wollte sie wissen: ­Lesen deine Eltern die NZZ? Das war ­absurd. Später erhielt ich eine andere Deutschlehrerin – und glänzende Noten.

Ismaili: Ich war eine von den wenigen Ausländerinnen in der Klasse, die den Sprung ins Gymi geschafft haben, und ich bin der Meinung, dass mit mehr Förderung wesentlich mehr diesen Sprung fertiggebracht hätten.

Aliu: In der Primarschule war ich in einer Klasse mit 80 Prozent Ausländern. Ich war die Einzige, die es ins Gymi geschafft hat. Pro Jahrgang schafften es höchstens zwei, ohne zusätzliche Gymi-Vorbereitung in der Schule, die gab es nicht. Deshalb gebe ich heute den Kindern aus meinem Quartier Vorbereitungskurse.

Wie wichtig ist der Islam für Sie?
Aliu: In meiner Familie ist Religion wichtig und Teil des Alltags. Wir praktizieren den Islam so, dass es für uns stimmt. Dazu gehört, sich mit dem Islam auseinanderzusetzen, damit man weiss und versteht, worum es in dieser Religion geht, und natürlich Feiertage gemeinsam mit der Familie zu feiern.

Ismaili: Religion ist etwa Persönliches. Wenn es für mich stimmt, ist es okay.

Lusha: Mir ist die Religion sehr wichtig, nicht wegen der Tradition, sondern wegen der Überzeugung. Aufgrund historischer Ereignisse würde ich behaupten, dass Albanien eher weniger religiös geprägt ist als zum Beispiel Mazedonien und Kosovo, wobei man hier zwischen der ersten und der zweiten Generation differenzieren muss. Fakt ist, dass innerhalb der albanischen Gesellschaft keine religiösen Konflikte schwelen und die Vielfältigkeit allgegenwärtig ist.

Würden Sie einen Schweizer, eine Schweizerin heiraten?
Aliu: Mein Freund ist Albaner, ich habe ihn in den Ferien getroffen. Mein Vater sagte mir aber auch, er würde mir in dieser Frage nicht dreinreden, schliesslich sei es meine Entscheidung, mit wem ich mein Leben verbringen wolle. Er sagte mir aber klar, falls ich mich in einen Schweizer verliebt hätte, müsste ich in Erziehungs- und religiösen Fragen selbst klarkommen.

Lusha: Für mich ist die Nationalität unwichtig.

Wie sehen Sie Ihre Zukunft? Bleiben Sie in der Schweiz?
Ismaili: Ich weiss es nicht. Wir kennen beide Perspektiven. Das ist bereichernd und ein grosser Vorteil fürs Leben.

Lusha: Ich werde auf jeden Fall in der Schweiz bleiben. Wir können von den Italienern einiges lernen. Sie sind heute integriert. Ich hoffe, dass der italienische Professor einen albanischstämmigen Kollegen bekommt. An der ETH, der Universität und anderen Hochschulen gibt es sehr viele Talente. Spätestens in der dritten Generation werden die Albaner aufsteigen.

Aliu: Ich kann es nicht sagen, ob ich hierbleibe oder nicht. Was ich aber über die Zukunft sagen kann, ist, dass es eine Verschiebung in der Bildung gibt, die schon jetzt im Gange ist. Die nächste ­Generation wird noch mehr Chancen haben und die auch nutzen. Dann wird nicht mehr über uns gesprochen, sondern von uns gesprochen.

* Arbnora Aliu (24) studiert Erziehungswissenschaften, Vjosa Ismaili (23) Betriebswirtschaft, Burim Lusha (25) Wirtschaft und Ingenieurwesen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2015, 23:15 Uhr

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