Was ist nur mit Mama los?

Wenn Eltern psychisch erkranken, leiden die Kinder mit. Das Risiko, selbst krank zu werden, ist drei- bis siebenfach erhöht. Ein neues Beratungsangebot soll die Situation verbessern.

Den Kindern setzen die psychischen Probleme zu – aber oft werden sie mit ihren Fragen alleingelassen. Foto: Getty Images

Den Kindern setzen die psychischen Probleme zu – aber oft werden sie mit ihren Fragen alleingelassen. Foto: Getty Images

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Der Zusammenbruch kam scheinbar aus heiterem Himmel. Sicher, Sandra Leu* hatte eine äusserst schwere Kindheit hinter sich. Die Mutter war depressiv, doch darüber sprach man in der Familie nicht. Das Einzige, was Sandra und ihr Bruder wussten, war, dass sie auf die Mutter Rücksicht nehmen mussten. Sie nicht mit ihren Sorgen belasten durften.

Dabei hätte Sandra nichts dringender gebraucht als eine starke Mutter. Der Vater war Alkoholiker. Wenn er wütend war, brüllte er die Mutter an, manchmal schlug er sie. «Ich hatte oft Angst, dass er sie umbringt», erzählt Sandra Leu. Auch darüber sprach man nicht, nicht in der Familie und schon gar nicht mit Aussenstehenden. Und noch viel weniger sprach Sandra über das, was der Vater mit ihr machte, wenn er sie ins Bett brachte. «Es gefällt dir doch auch», redete er ihr ein. Sagte sie «Nein!», machte er weiter. Jahrelang missbrauchte er seine Tochter. Nach aussen wahrte die Familie den Schein. Der Vater war ein angesehener Mann. «Die Fassade war perfekt», sagt Sandra Leu.

4000 Betroffene im Kanton

Doch das war damals, 2007, als sich Sandra Leu im Alter von 30 Jahren von einem Tag auf den anderen in einer schweren Depression wiederfand, schon lange Vergangenheit. Der Vater war einige Jahre zuvor verstorben. Sie war, so glaubte sie, allem entronnen. War sie nicht glücklich verheiratet? Hatte sie nicht drei gesunde Kinder? War sie nicht die Tochter, Mutter und Ehefrau, die für alle sorgte? Hatte sie je Hilfe gebraucht?

Die Frage, das weiss sie heute, ist falsch gestellt. Natürlich hätte sie Hilfe gebraucht. Damals schon, als Kind. Einmal war sie nahe dran, als sie an einem Stand vorbeiging, an dem über Vergewaltigungen informiert wurde. Sie sah sich das an, dann dachte sie: «Das hat mit mir nichts zu tun. Mein Vater ist doch lieb mit mir.» Und da war auch dieses Schuldgefühl, das ihr sagte: Wenn du redest, zerstörst du die Familie.

Auch wenn die Geschichte von Sandra Leu in dieser Intensität wohl nicht oft vorkommt – so oder ähnlich wie der heute 41-Jährigen geht es Tausenden von Kindern: Sie leiden still mit, wenn ihre Eltern psychisch krank sind. Eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften schätzt die Zahl der betroffenen Kinder allein für den Kanton Zürich auf mehr als 4000. Hilfe erhalten die wenigsten, hält die 2006 unter dem Titel «Vergessene Kinder?» erschienene und bisher aktuellste Studie fest.

«Ich muss als Arzt oder Pflegefachperson nicht alles machen. Es braucht oft nur einen Anstoss, und das System greift.»Kurt Albermann, Psychiater

Das Erschütternde daran: Viele Fachleute, die mit psychisch kranken Erwachsenen arbeiten, wissen zwar, ob Kinder da sind. Aber sie wissen nicht, wie es diesen Kindern geht. Und sie fragen auch kaum danach. «Das hat langfristig verheerende Auswirkungen», sagt Kurt Albermann. Der Kinder- und Jugendpsychiater ist Chefarzt des Sozialpädiatrischen Zentrums des Kantonsspitals Winterthur. «Das Risiko, selbst psychisch zu erkranken, ist für diese Kinder drei- bis siebenfach erhöht», sagt er.

Daran etwas zu ändern, das ist das Ziel der Stiftung Kinderseele Schweiz, die Albermann 2014 zusammen mit Christine Gäumann, Bereichsleiterin der Integrierten Psychiatrie Winterthur (IPW), ins Leben rief. Inzwischen ist die Psychiatrieregion Winterthur führend im Umgang mit Kindern psychisch kranker Eltern. In der IPW ist das Patientenerfassungssystem zum Beispiel so programmiert, dass keine Fachperson mehr an der Frage vorbeikommt, ob ein Patient, eine Patientin Kinder hat, wie es diesen geht und wie sie versorgt werden. «Ohne Antwort auf diese Frage kann ein Fall nicht abgeschlossen werden», sagt Albermann.

In Norwegen ist dieses Vorgehen schon seit längerem Pflicht. Wenn Albermann aber in der Schweiz dafür Werbung macht, ist die Skepsis gross. Ärzte und Pflegende befürchten, sich mit der Frage nach den Kindern eine Verantwortung aufzuladen, die sie nicht tragen können. Alessandra Weber, Geschäftsleiterin von Kinderseele Schweiz, sagt: «Wir hören immer wieder von Fachleuten: Ich kann dem Kind doch die Störung nicht erklären, die seine Mutter oder sein Vater hat.» Oder: «Ich kann mich nicht auch noch mit dem Kind befassen. Es ist doch gesund.»

Information per Kurzfilm

Dabei gehe es gar nicht darum, den Ärzten und Pflegenden mehr Aufgaben aufzubürden, sagen Albermann und Weber. Sondern darum, die betroffenen Familien darauf aufmerksam zu machen, dass sie Hilfe in Anspruch nehmen sollen und dürfen. Und ihnen mögliche Anlaufstellen zu nennen. «Ich muss als Arzt oder Pflegefachperson nicht alles machen. Es braucht oft nur einen ersten Anstoss, und das System greift», sagt Albermann. Sein Ziel ist es, dass die Frage nach den Kindern bei allen psychiatrischen Angeboten ein fixer Bestandteil wird. Nicht nur in den Kliniken, sondern auch in den Praxen. Und zwar bevor die Lage derart eskaliert, dass schlimmstenfalls die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) eingreifen müssen.

Kinderseele Schweiz will aber nicht nur die Fachwelt sensibilisieren und die Öffentlichkeit informieren. Die Stiftung ist auch daran, spezifische Hilfsangebote für Eltern und Kinder auf die Beine zu stellen. Auf ihrer Website finden sich Kurzfilme, die sich an Jugendliche richten und in denen zwei Teenager die gängigsten psychischen Erkrankungen erklären. In weiteren Beiträgen berichten zwei Teenager, zwei Eltern und ein Lehrer über ihre Erfahrungen und ihren Umgang mit der Erkrankung eines Elternteils. Es sind Filme, die informieren, ohne zu dramatisieren, die Tipps geben und Schuldgefühle nehmen. Der Informationsbedarf ist offensichtlich hoch.

Die Kurzfilme von Kinderseele Schweiz wurden im Sommer aufgeschaltet und seither bereits mehr als 10'000-mal angeklickt. Wer will, kann sich auch kostenlos online beraten lassen – auf Wunsch anonym. Dieser niederschwellige Zugang ist bewusst gewählt, wie Alessandra Weber erklärt: «Für Kinder und Jugendliche ist nur schon der Schritt, sich an eine Fachstelle zu wenden, häufig zu gross.» Viele fühlen sich mitschuldig an der Situation. Hilfe zu suchen, erscheint als Verrat. Den Eltern wiederum fehlt schlicht die Kapazität, sich auch noch um die Nöte der Kinder zu kümmern – vor allem, wenn diese nicht offensichtlich leiden oder rebel­lieren, sondern brav, hilfsbereit und verständig wirken.

Was Betroffenen ebenfalls hilft: zu wissen, dass man nicht allein ist.

So erging es auch Sandra Leu. «In meinen Augen lag alles an mir», erzählt sie. «Ständig hatte ich das Gefühl, meine Mutter schützen zu müssen. Einfach mal für mich etwas zu unternehmen, es einfach nur für mich gut zu haben, das gab es für mich nicht.»

Dass sie keine Worte hatte für das, was daheim passierte, dass sie nicht verstand, was mit Mutter und Vater los war, machte es nicht besser. «Wenn Kinder spüren, dass etwas nicht in Ordnung ist, sie aber keine Informationen bekommen, dann beginnen sie, eigene Fantasien zu entwickeln», erklärt Alessandra Weber. «Und diese Fantasien sind oft viel schlimmer als die Realität.»

Was Betroffenen ebenfalls hilft: zu wissen, dass man nicht allein ist. Dafür setzt Kinderseele Schweiz auf das Konzept der Peer-Beratung: Speziell geschulte Betroffene unterstützen andere. Ende Februar starten die ersten Beratungen. Vorerst sind es drei Frauen, die als Mütter selbst eine psychische Erkrankung durchmachten, die betroffene Eltern beraten. Im Verlauf des Jahres soll dann auch eine Peer-Beratung von und für Jugendliche dazukommen.

Bezahlt wird das Angebot von Stiftungen, aber auch aus Zuschüssen von Bund und Kanton. Langfristig sei das allerdings fragwürdig, sagt Alessandra Weber: «Eigentlich brauchte es für unser Angebot einen öffentlichen Leistungsauftrag und eine geregelte Finanzierung – so wie es zum Beispiel bei der Fachstelle Kinderschutz schon länger der Fall ist.» Denn ohne frühe, gezielte Hilfe seien die Folgekosten deutlich höher – wenn Kinder schliesslich doch fremdplatziert werden müssen oder wenn sie als Erwachsene selbst erkranken.

Hoffnung geben

Sandra Leu geht es heute gut. Aber sie sagt: «Hätte ich nicht von Natur aus ein sonniges Gemüt und eine grosse Portion Resilienz, ich weiss nicht, wie das alles ausgegangen wäre.» Sicher ist sie sich allerdings in einem Punkt: Angebote wie jenes der Stiftung Kinderseele Schweiz hätten auch ihr viel gebracht. Nun überlegt sie sich, ihr Wissen weiterzugeben und vielleicht eine Ausbildung als Peer-Beraterin zu absolvieren. «Es hilft nicht nur, zu wissen, dass man nicht allein ist. Wichtig ist auch, dass einem jemand Hoffnung gibt, der weiss, wie es einem geht. Und der es geschafft hat, gesund zu werden.»


* Name und einzelne biografische Angaben geändert.
Informationen unter www.iks-ies.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.02.2018, 23:36 Uhr

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