Was vor der Bluttat von Würenlingen geschah

Der Mann, der am Samstag in Würenlingen vier Menschen erschossen und sich dann selber gerichtet hat, ist vier Tage vor der Tat aus der fürsorgerischen Unterbringung entlassen worden.

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Nach der Bluttat im aargauischen Würenlingen gelangen weitere Informationen über den Mann an die Öffentlichkeit, der in der Nacht auf vergangenen Sonntag vier Menschen erschossen und danach sich selbst gerichtet hat. Fest steht, dass der Täter der Polizei bereits seit längerer Zeit bekannt war.

Der 36-jährige türkischstämmige Schweizer Semun A.* lebte mit seiner Frau, einer Supermarkt-Kassiererin, und den drei gemeinsamen Kindern seit 2012 in einem Mehrfamilienhaus in Reichenburg im Kanton Schwyz. Die moderne Eigentumswohnung gehört dem Bruder des mutmasslichen Täters.

Seine Familie wurde fürsorgerisch untergebracht

Am 2. April 2015 hat die Polizei Schwyz eine Hausdurchsuchung bei Semun A. durchgeführt. Damals hätten laut Augenzeugen schwer bewaffnete Polizisten die Wohnung gestürmt. Waffen konnten die Beamten bei der Durchsuchung nicht sicherstellen. Die Tatwaffe, eine nicht registrierte Pistole, musste sich der Mann offenbar erst kurz vor der Tat beschafft haben. Einen Waffentragschein besass er nicht.

Semun A. wurde im Zuge der Hausdurchsuchung abgeführt und fürsorgerisch untergebracht (siehe Box). In welcher Art von Heim oder Institution er war, ist nicht bekannt. Gleichzeitig seien auch seine drei Kinder in die Obhut der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (KESB) gegeben worden. Die Ehefrau des Täters ist derzeit ebenfalls im Kanton Schwyz in einer fürsorgerischen Einrichtung untergebracht, heisst es von offizieller Seite. Frau und Kinder seien wohlauf.

Am vergangenen Mittwoch, also vier Tage vor der Tat, sei Semun A. wieder in seiner Wohnung gewesen, sagt der Hauswart. Ob die Rückkehr in die verlassene Wohnung der Auslöser für die Bluttat gewesen war, ist nicht bekannt.

Gemeinde schlug nicht Alarm

Semun A. ist bereits 2007 wegen Körperverletzung und 2012 wegen Drohung aufgefallen. Auch seine Nachbarn habe er wiederholt bedroht und regelmässig beschimpft, wie Anwohner gegenüber dem «Blick» und «20 Minuten» sagen.

Gearbeitet habe er nicht, weil er angeblich an einem Burn-out gelitten habe und Medikamente nehmen musste, so ein Anwohner. Auch der Bruder erklärte das aggressive Verhalten von Semun A. gegenüber den anderen Bewohnern des Hauses damit, dass dieser unter Depressionen litt.

Gemeindepräsident Armin Kistler-Bellanger sagt auf Anfrage, der Mann sei bei Besuchen im Gemeindehaus jeweils «resolut» aufgetreten, «aber nicht resoluter als andere Anwohner auch». Es habe nach Kenntnis der Gemeindeverwaltung keinen Grund gegeben, seinetwegen Alarm zu schlagen. Die Gefährdungsmeldung, die zur fürsorgerischen Unterbringung der Familie führte, sei deshalb nicht von der Gemeinde Reichenburg ausgegangen.

Erbschaftsstreit als Tatmotiv?

Bei der Staatsanwaltschaft läuft nun ein Verfahren wegen mehrfacher Tötung. Über die Hintergründe der Tat ist noch sehr wenig bekannt. Zur genaueren Klärung der Umstände müssen laut Kantonspolizei Aargau zunächst Akten aus dem Kanton Schwyz angefordert und gesichtet werden. Für die Polizei steht ein Beziehungsdelikt im Vordergrund.

Wie TeleZüri berichtete, soll aus dem familiären Umfeld von einem Erbschaftsstreit um ein Chalet in Ennenda im Kanton Glarus berichtet worden sein. Der Schwiegersohn sei dabei leer ausgegangen. Die Ermittlungsbehörden nahmen zu diesen Vermutungen gegenüber der SDA keine Stellung. KESB und Kapo Schwyz wollen morgen Dienstag weitere Informationen zu den Hintergründen der Tat öffentlich machen.

*Name der Red. bekannt

Erstellt: 11.05.2015, 11:32 Uhr

Wirrwarr um Täternamen

In den Medien wird der Name des mutmasslichen Täters verschieden geschrieben: Semun A. und Simon B. Beide Namen stimmen. Der türkischstämmige Schweizer gehörte laut «20 Minuten» zur christlichen Minderheit der Aramäer. Früher lautete der Vorname des Mannes Semun, die aramäische Version von Simon. Zuletzt war Simon sein offizieller Vorname. Warum der Nachname geändert wurde, ist nicht bekannt. (hoh)

Fürsorgerische Unterbringung

Fürsorgerische Unterbringung – kurz FU – bedeutet, dass eine Person in eine geeignete Institution gebracht wird, zum Beispiel in eine geschlossene psychiatrische Klinik. Die KESB oder auch Ärzte können eine FU anordnen. Voraussetzung dafür ist erstens, dass eine Person unter einer psychischen Störung oder einer geistigen Behinderung leidet oder schwer verwahrlost ist. Zweitens muss der Freiheitsentzug unbedingt notwendig sein, das heisst, es darf keine milderen Mittel geben, welche das Problem ebenfalls lösen könnten - zum Beispiel eine ambulante Therapie. (hoh)

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