Wegen China-Raupe: «Der Buchsbaumbestand wird dramatisch zurückgehen»

Eine grüne Raupe sorgt für Verzweiflung bei den Gartenliebhabern. Der Buchsbaumzünsler hat den ganzen Kanton befallen. Und: Er wird bleiben. Dennoch bereitet den Spezialisten ein anderer Eindringling mehr Sorgen.

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Matt Braunwalder ist ganz aufgewühlt. Im Mai hatte er festgestellt, dass sich der untere Teil seiner 30-jährigen und gut vier Meter hohen Buchsbaumhecke lichtet. Als Ursache vermutete er damals den harten Winter. Am vergangenen Wochenende prüfte er die Hecke genauer und stellte fest, dass grüne Raupen die Blätter gefressen hatten. Sein Buchsbaum war nicht mehr zu retten. «Das tut weh», sagt Braunwalder.

Der Senior, der sich als «Tätschmeister» einer Einfamilienhaussiedlung beim Albisgüetli bezeichnet, machte sich an eine mühevolle Arbeit. Er sammelte insgesamt rund 600 Raupen und Puppen und ertränkte sie in 70-prozentigem Alkohol. Die ganze Hecke zerkleinerte er und entsorgte sie in Züri-Säcken. Nun hat er keinen Sichtschutz mehr zu seinem Nachbarn. Seine Vorgehensweise fasste Braunwalder auf einem Flyer zusammen und verteilte ihn in der Siedlung. Derartige Informationsblätter kursieren auch in zahlreichen Genossenschaften und anderen Siedlungen.

Schnelle Verbreitung und starker Befall

Wie Braunwalder geht es vielen Gartenliebhabern. Der sogenannte Buchsbaumzünsler wütet im ganzen Kanton, ja im ganzen Mittelland, wie Jsabelle Buckelmüller von der Sektion Biosicherheit des kantonalen Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel) weiss. Die jüngsten Meldungen stammen aus Schaffhausen und der Innerschweiz. Buckelmüller spricht von einem starken Befall der Buchsbäume. Die Raupe habe bisher einen «mittelgrossen Schaden» angerichtet.

Der Buchsbaumzünsler ist kein Neuling. 2007 wurde er erstmals im deutschen Weil am Rhein entdeckt. Heimisch ist das gelb-grüne, bis zu 5 Zentimeter grosse Tier in Ostasien. Vermutlich ist es als «blinder Passagier» in Containern mit Granitplatten- oder Buchsbaumlieferungen von China eingeführt worden. Schnell breitete es sich via Pflanzenhandel und in der Form des Schmetterlings aus. Im Raum Basel landete der Buchsbaumzünsler schon kurz nach dem ersten Auftreten in Baden-Württemberg. Bald raffte er ganze Buchsbaumwälder dahin.

Wuchtiges Comeback in diesem Jahr

In Zürich wurde die Raupe erstmals 2010 nachgewiesen. Noch hielt sich der Schaden aber in Grenzen. 2011 ging der Befall durch das Tier an einzelnen Stellen sogar zurück – der Grund dafür ist unklar. Das Comeback in diesem Jahr war dafür umso wuchtiger. Grün Stadt Zürich (GSZ) hat Ende April eine Warnmeldung gemacht und Tipps zur Bekämpfung abgegeben. Die Gärtner wurden aufgerufen, sich bei Sichtung der Raupe zu melden, damit man die Ausbreitung verfolgen kann.

Max Ruckstuhl von GSZ hat für Tagesanzeiger.ch/Newsnet eine Karte angefertigt mit den befallenen Quartieren. Diese zeigt: Die halbe Stadt ist betroffen. Doch sind nur die Gebiete mit Rückmeldungen verzeichnet. Ruckstuhl geht davon aus, dass der Buchsbaumzünsler in der ganzen Stadt verbreitet ist. «Es ist wirklich schlimm», meint er. «Der Buchsbaumbestand wird dramatisch zurückgehen», lautet denn auch Ruckstuhls ernüchterndes Fazit.

Mittlerweile ist bereits die zweite Generation des Schädlings am Werk. Die erste Generation frass sich im April und Mai durch die Buchsbäume. Im Juni war es relativ ruhig, weil sich die Raupen verpuppt haben, bevor sie als Falter schlüpften. Wenn das Wetter mitspielt, es also einigermassen warm bleibt, könnte noch dieses Jahr die dritte Generation wüten. Ansonsten überwintern sie als Puppen und kommen im Frühling wieder.

«Wir werden mit ihm leben müssen»

Wie Buckelmüller von der kantonalen Biosicherheit ist auch Ruckstuhl sicher: «Den Buchsbaumzünsler werden wir nicht mehr los. Wir werden mit ihm leben müssen.» Seine Hoffnung beruht darauf, dass sich Gegenspieler des Schädlings finden. Im Frühling hiess es noch, dass potenzielle natürliche Feinde wie Vögel die Raupe in Ruhe lassen, weil der Buchsbaum für sie giftig ist.

Inzwischen hat Ruckstuhl beobachtet, dass Spatzen und Meisen das neue Mahl entdeckt haben. Er hofft auch auf Fledermäuse, die Jagd auf die ebenfalls nachtaktiven Falter machen. Dann könnte sich mittelfristig wieder ein gewisses Gleichgewicht ergeben. Trotzdem prognostiziert Ruckstuhl, dass der in der Schweiz als Sichtschutz so beliebte Buchsbaum bei Gärtnern ins Hintertreffen geraten wird und Hagenbuchen, Liguster und Schwarzdorne (noch) populärer werden.

Tipps von den Spezialisten

Was können die Gärtner, die weiterhin auf Buchsbaumhecken setzen, tun? Die Spezialisten geben folgende Anweisungen: Die Buchsbäume immer wieder kontrollieren. Bei schwachem Befall sollen die Raupen von den Ästen abgeschüttelt und aufgelesen, die Tiere in Plastiksäcken verpackt und im gut verschlossenen Hauskehricht entsorgt werden. Abgesagte Äste dürfen nicht der Grüngutabfuhr übergeben werden.

Ist die Hecke bereits stärker befallen, wird das auf Bakterien basierende und umweltschonende Insektizid Delfin von Andermatt Biocontrol empfohlen. Dieses wirkt spezifisch gegen junge, kaum einen Zentimeter lange Räuplein und schont die anderen Insekten. Das sorgfältige Bespritzen aller Äste muss nach zwölf Tagen wiederholt werden. Da es sich um ein Frassgift handelt, sollte nicht an kalten Tagen gesprüht werden, da die Raupen dann weniger bis nichts essen.

Nützt Delfin nichts mehr oder sind die Tiere grösser, empfiehlt der Kanton das Insektizid Kendo von Syngenta. Dieses ist allerdings ein Bienengift, weshalb verboten ist, Kendo während des Bienenflugs zu verwenden. Es sollte also nur abends, frühmorgens oder an kühlen und bewölkten Tagen gespritzt werden.

Der Laubholzbockkäfer ist noch gefährlicher

Dass auswärtige Insekten einheimische Arten bedrohen, kommt in Zeiten des Massentourismus und der globalisierten Wirtschaft immer wieder vor. Für Aufsehen sorgte jüngst auch der asiatische Laubholzbockkäfer. Er wurde mit Verpackungsholz von China zuerst in die USA und Kanada und dann nach Österreich, Frankreich und Italien eingeschleppt. Im Juli 2011 wurde er in Deutschland nahe der Schweizer Grenze entdeckt und kurz darauf auch in den Kantonen Basel, Freiburg und Thurgau. Vor wenigen Wochen mussten in Winterthur 64 Alleebäume gefällt werden, weil sie vom Laubholzbockkäfer befallen waren. Diese Woche wurde er auch im Kanton Luzern gesichtet.

Der Laubholzbockkäfer bereitet den Spezialisten gar mehr Sorgen als der Buchsbaumzünsler, obwohl sich dieser schneller verbreitet. Der Käfer befällt laut Jsabelle Buckelmüller praktisch alle Laubbäume und kann sie innert weniger Jahre zum Absterben bringen. Der Käfer ist denn auch meldepflichtig, Spürhunde sind auf ihn abgerichtet. Auf die Meldepflicht wurde beim Buchsbaumzünsler verzichtet, weil er besser eingrenzbar ist und nur eine Pflanzenart befällt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.08.2012, 15:56 Uhr

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