Hintergrund

Wegen «Hitlers Nachttopf» vor Gericht

Mit einem mysteriösen Goldfund wollte ein Geschäftsmann das grosse Geld machen. Nun muss er sich wegen Millionenbetrugs verantworten. Doch die Strahlkraft seines Schatzes bleibt ungebrochen.

Ferienbild mit Führer: Adolf Hitler bei einem Kurzurlaub am Chiemsee, April 1935.

Ferienbild mit Führer: Adolf Hitler bei einem Kurzurlaub am Chiemsee, April 1935. Bild: Heinrich Hoffmann (Bayrische Staatsbibliothek, BPK)

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«Der Spiegel» spottete, es sei «Hitlers Nachttopf», den zwei Sporttaucher 2001 aus dem bayerischen Chiemsee gefischt hatten. Der stattliche Kessel mit rund 50 Zentimeter Durchmesser war verziert mit keltischen Motiven: Köpfen von Kriegern, Tieren, gehörnten und geflügelten, und bestand aus purem Gold – fast 11 Kilogramm Nazigold, wie ein frühes Gutachten ergab.

Zum Spottpreis eingekauft

Forscher der Archäologischen Staatssammlung vermuteten, es handle sich um eine Fälschung aus den Dreissigerjahren, eine Nachbildung des Heiligen Grals, jenes Kelches also, der das Blut Christi aufgefangen haben soll. Man brachte ihn in Verbindung mit der «Hohen Schule» der NSDAP, einer Kaderschmiede, welche die Nazis unweit des Fundortes am Chiemsee geplant hatten. Und dann waren da natürlich jene, die behaupteten, der goldene Kessel sei tatsächlich der Gral und verhelfe seinem Besitzer zu ewigem Leben.

Gralsmythos hin oder her: Einem Geschäftsmann vom Zürichsee, Spross einer ehrwürdigen Goldküsten-Familie, schien der Topf auf jeden Fall ein Glücksbringer zu sein. Er kaufte den Kessel, der zur Hälfte dem Staat Bayern, zur anderen den beiden Findern gehörte, Anfang 2005 für den Spottpreis von 300'000 Euro, etwa das Doppelte des damaligen Goldwertes. Er lagerte den Schatz in einem Sicherheitstrakt für Kunstgegenstände in Kloten ein und machte sich an die Vermarktung des Sensationsfundes.

Statt Ruhm droht Gefängnis

Ein Team von Spezialisten richtete sich am Firmensitz des Geschäftsmannes in Jona ein, darunter Filmschaffende und Marketingfachleute. Geplant war sogar eine Roadshow, vergleichbar jener mit der Mumie des ägyptischen Pharaos Tutanchamun. Der Wert des Topfes betrug nun nach Ansicht eines Kunstexperten plötzlich sagenhafte 250 Millionen Euro. Einige der Anleger, die der Geschäftsmann von seinem Projekt überzeugen konnte, sollen sogar an einen Vermarktungswert von bis zu einer Milliarde Franken geglaubt haben.

Dann aber witterte eine Investorin aus Kasachstan Betrug, und der goldene Glücksbringer geriet dem Geschäftsmann zum Fluch: Die Zürcher Staatsanwaltschaft schaltete sich ein und beschlagnahmte den vermeintlichen Gral, der seither in einem Safe der Zürcher Kantonalbank an der Bahnhofstrasse vor sich hin schlummert.

Bis zu zehn Jahre Haft

Heute beginnt am Bezirksgericht Meilen der Prozess, der zwar das Geheimnis um das Kunstwerk nicht lüften wird, dafür aber Licht ins Geflecht der Unternehmen und Transaktionen des Geschäftsmannes bringen soll. Wenn die 90 Bundesordner Beweismaterial die Richter überzeugen, drohen diesem bis zu zehn Jahre Haft. Er wird des mehrfachen gewerblichen Betruges, der Veruntreuung und der Urkundenfälschung angeklagt. Er soll der Kasachin und weiteren Investoren aus dem nahen Ausland sowie aus Russland das Geld zur Vermarktung des Kessels mit falschen Versprechen abgenommen haben – und einen grossen Teil der rund 7 Millionen Franken nicht zur Vermarktung des Kessel eingesetzt haben, sondern zur Rettung zweier seiner vom Konkurs bedrohten Firmen.

«Gold, nicht von dieser Welt»

Auch wenn der mysteriöse Fund seit Jahren im Safe verwahrt liegt, bleibt der Geschäftsmann in seinem Bann – das zeigt sich bei einem Besuch in seinem Firmensitz, einer alten Villa mit parkähnlicher Gartenanlage am Hang über dem Zürichsee. «Gralslegende, Nazis, das ist doch alles esoterischer Mist», sagt er kurz vor Prozessbeginn, über einen Tisch aus Rosenholz gebeugt. Er will mit diesem «Hokuspokus» nichts mehr zu tun haben. «Das alles ist uns von Journalisten in den Mund gelegt worden», sagt er.

Einzig der exakten Wissenschaft vertraue er noch. Er legt Fotos des Schatzes auf den Tisch, die den Topf im blauen Laserlicht zeigen. Hunderte massenspektrometrische Untersuchungen der Legierung hätten Erstaunliches ergeben: «Das Gold des Chiemsee-Kessels ist von einer Reinheit, wie sie modernes Gold gar nicht aufweisen kann», sagt er. Der niedrige Cadmiumgehalt weise das Stück als Werk aus dem frühen 15. Jahrhundert aus. Eine Fälschung der Nazis könne es also nicht sein.

Mit Herdreiniger verhunzt

Einer der Spezialisten, die der Geschäftsmann beigezogen haben will, ein pensionierter Schmelzmeister der ehemaligen Deutschen Gold- und Silber-Scheide-Anstalt (Degussa), habe sich sogar zur Aussage hinreissen lassen – und da macht der Geschäftsmann eine Kunstpause – das Gold stamme nicht von dieser Welt. Und wenn doch, dann vermute man seinen Ursprung in einer geheimnisvollen Mine im Nildelta, wo Gold von ähnlicher Reinheit bereits aufgetaucht sei.

Noch ist der Prozess nicht ausgestanden, doch bereits rührt der Mann erneut die Werbetrommel um den Chiemsee-Kessel: In den kommenden drei Jahren, gibt er sich überzeugt, werde anhand von Vergleichen mit den Legierungen keltischer Fundstücke auf der ganzen Welt der wahre Ursprung des Kessels gefunden. Auf die teure Technik müsse man setzen, weil die beiden Entdecker, kaum hatten sie ihren Schatz an Land gehievt, diesen blitzblank scheuerten. «Die Spuren der Zeit, die eine herkömmliche archäologische Untersuchung ermöglicht hätten: weggekärchert und wegpoliert. Mit Herdreiniger von Sigolin.»

Nächster Käufer steht bereit

Der Geschäftsmann glaubt felsenfest an seine Unschuld. Was man ihm als Veruntreuung auslege, sei alles andere als illegal. Wenn am Donnerstagmittag um 11 Uhr das Konkursamt St. Gallen den goldenen Topf freigebe, werde sich alles in Wohlgefallen auflösen, ist der Geschäftsmann überzeugt. Einen Käufer für den Kessel gibt es schon. Geschäftstüchtig, wie er ist, hat der Angeklagte bereits einen neuen Investor vom Potenzial des Kessels überzeugen können. Über 7 Millionen Franken sei dieser gewillt einzuschiessen. «Noch bevor das Urteil in einigen Wochen rechtskräftig ist, werden alle Schulden meiner Firmen beglichen sein», prophezeit er. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.10.2010, 23:22 Uhr

Blank poliert: Der mysteriöse Kessel aus dem Chiemsee. (Bild: Keystone )

Vor Gericht

Ein Ausnahmefall
Der Prozess um den Millionenbetrug mit dem Chiemsee-Kessel sprengt den Rahmen des Gewöhnlichen für das Meilemer Bezirksgericht. Seit Juni ist eine extra dafür eingestellte Ersatzrichterin mit 50-Prozent-Pensum ausschliesslich mit diesem Fall beschäftigt. Wegen der grossen Menge Beweismittel und Geschädigter (37 listet die Anklageschrift auf) wird der Prozess auf zwei Verhandlungstage verteilt. Heute Mittwochmorgen befragt das Gericht den Angeklagten, dann folgt das Plädoyer des Staatsanwalts, und auch zwei der Geprellten haben laut Gerichtsschreiber Beat Kämpfen ein Plädoyer angekündigt. Drei weitere lassen sich juristisch vertreten. Am Donnerstagmorgen kommt die Verteidigung zu Wort. Sie hat ein bis zu sechstündiges Plädoyer angekündigt. Der Angeklagte sagt, er werde es wenn nötig durch seine eigene Rede ergänzen. Der Prozess ist öffentlich und verspricht aufgrund des Themas und der Redegewandtheit der Akteure einiges an Unterhaltung. (lop)

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