«Wegen mir muss das Gebäude weg»

Die grösste Hausverschiebung Europas zog nicht nur Schaulustige an. Neben Passanten und Technik-Interessierten haben zwei Männer und zwei Frauen eine besondere Beziehung zum 6200-Tonnen-Gebäude.

Erleben eine einmalige Aktion: Zuschauer der grössten Hausverschiebung der Schweizer Geschichte. (Video: Chantal Hebeisen, Pia Wertheimer)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Rande der spektakulären Aktion fachsimpeln viele Leute, die direkt am Projekt beteiligt sind. Einer bekennt sich lachend «schuldig»: Beat Bürgin. Er ist der SBB-Projektleiter des Ausbaus des Bahnhofs Oerlikon. «Wegen mir muss das Gebäude weg», sagt er. Es steht den geplanten zwei neuen Gleisen im Weg.

In der Baubewilligung der Stadt Zürich war der Abbruch des MFO-Gebäudes noch drin, berichtet Bürgin. Die SBB hätten sich in der Folge dennoch stark dafür eingesetzt, eine Lösung zu finden. Nun ist er glücklich, dass er sowohl seine neuen Gleise erhält als auch das ABB-Haus erhalten bleibt.

Neben ihm steht René Schütz von der Zürcher Firma Henauer Gugler AG. Der Ingenieur ist der eigentliche Projektverfasser. Er hat im Auftrag der Stadt Zürich 2008 erstmals alles durchgerechnet und festgestellt: «Es geht.» Die zweite Studie hat Schütz 2009 für die Swiss Prime Site gemacht und 2010 schliesslich den Planungsauftrag von der SPS erhalten.

Sechzig Zentimeter in 40 Sekunden: Zeitraffer der Verschiebung. (Video: Chantal Hebeisen)

Politik und Medien

Ebenfalls eine massgebliche Figur ist SP-Politikerin Jacqueline Badran. Die heutige Nationalrätin hat grossen Anteil daran, dass das MFO-Gebäue nicht abgebrochen wurde. Sie hat im Frühling 2010 alle Fraktionspräsidenten des Gemeinderats zusammengetrommelt, um der ABB in extremis einen Brief zu schicken mit der Bitte um Erhalt des geschichtsträchtigen Hauses.

Das Papier hat Badran gleichentags der NZZ-Journalistin Irène Troxler geschickt, die beim Weltkonzern nachgehakt hat. Der Druck stieg. Bald darauf fanden alle Involvierten einen Weg, das Backsteingebäude, in dem sich die BBC-Gründer Charles Brown und Walter Boveri kennengelernt haben, zu erhalten. «Wenn die Politik und die Medien zusammenspannen, kann ein kleiner Brief ein grosses Gebäude verschieben», lautet deshalb das Fazit von Badran. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.05.2012, 15:41 Uhr

Massgeblich beteiligt: Beat Bürgin von den SBB (links) und René Schütz von Henauer Gugler. (Bild: Boris Müller)

Machten Druck: Journalistin Irène Troxler (NZZ) und Politikerin Jacqueline Badran (SP). (Bild: Pascal Unternährer)

Direktionssitz von 1889

Das Direktionsgebäude der alten Maschinenfabrik Oerlikon gilt als letzter Zeuge der Industrie des 19. Jahrhunderts in Oerlikon. Es wurde 1889 als Verwaltungssitz der MFO gebaut. Das Unternehmen produzierte ab 1876 vor allem Werkzeuge, Maschinen, Waffen und Elektrolokomotiven. 1967 wurde die MFO von der BBC, der heutigen ABB, übernommen. (sda)

Artikel zum Thema

Das Haus schaffte nicht den ganzen Weg

Beim Bahnhof Oerlikon startete heute die grösste Hausverschiebung Europas. Das 123 Jahre alte Gebäude sollte heute mehr als die Hälfte des Weges zurücklegen. Dabei bewegte es sich nicht nur vorwärts. Mehr...

Notfalls hätte sie sich angekettet

SP-Politikerin Jacqueline Badran setzte alles daran, das MFO-Gebäude vor dem Abbruch zu bewahren. Sie erhob den Bau bei der ABB zur Chefsache – und machte damit die Hausverschiebung erst möglich. Mehr...

Die Hausverschiebung in letzter Minute

Morgen wird in Oerlikon ein 6200 Tonnen schweres Gebäude verschoben. Beinahe scheiterte die Rettung des Industriebaus an der ABB – und der knappen Zeit. Mehr...

Bildstrecke

Das MFO-Gebäude auf Reisen

Das MFO-Gebäude auf Reisen Es ist die grösste Hausverschiebung der Schweiz: Das 6200 Tonnen schwere MFO-Gebäude beim Bahnhof Oerlikon wird um 60 Meter versetzt.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Kommentare

Die Welt in Bildern

Polizei in Rosa: Demonstranten bewarfen die Ordnungshüter in Nantes (Frankreich) mit Farbe. (16. November 2017)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...