Reportage

Wenig Verkehr auf dem Strichplatz

Am Strassenstrich in Altstetten schaffen bedeutend weniger Frauen an als zuvor am Sihlquai. Dafür gibt es bis jetzt keine Probleme – die Nachbarschaft fühlt sich nicht gestört.

Da Fotografieren am Strichplatz in Altstetten verboten ist, hat sich der TA-Gerichtszeichner selber ein Bild vor Ort gemacht.

Da Fotografieren am Strichplatz in Altstetten verboten ist, hat sich der TA-Gerichtszeichner selber ein Bild vor Ort gemacht. Bild: Robert Honegger

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Wo sind all die ungarischen Prostituierten hin? Nach der Schliessung des Strassenstrichs am Sihlquai Ende August ist nur noch ein Bruchteil der Frauen zu sehen, die sich vorher an der Zürcher Strichmeile präsentiert haben. Damals schafften pro Nacht zwischen 30 und 40 Frauen am Sihlquai an.

Zwar fahren am Freitagabend kurz vor Mitternacht die Autos im Minutentakt in den Strichplatz in Altstetten hinein, das «Angebot» ist aber rar, wie ein Augenschein zeigt. An den kleinen, mit weissem Neonlicht beleuchteten Holzunterständen entlang des 200 Meter langen Rundlaufs, präsentiert sich kaum ein Dutzend junger Frauen – stark geschminkt und sexy herausgeputzt, mit kurzem Mini oder Hotpants. Mit ungarischem Akzent wird das «Schätzchen» nach den Wünschen gefragt.

Fussgänger muss wieder gehen

Ein Grossteil der Besucher fährt offenbar bloss aus «Gwunder» durch die Anlage. In den rot, grün und blau beleuchteten Sexboxen, wo es «zum Geschäft geht», sind nur zwei Autos parkiert. Ein Freier, der zu Fuss ins Areal geht, kommt nach einer Minute ziemlich gefrustet wieder heraus. Er ist vom internen Sicherheitsdienst vom Gelände verwiesen worden: Fussgänger haben hier nichts zu suchen. Autos mit mehr als einem Insassen verlassen ebenfalls nach kurzer Zeit wieder den Ort – mehr als eine Person darf nicht im Wagen sein.

Roma-Zuhälter, wie sie am Sihlquai immer wieder in Autos sitzend oder beobachtend an der Strasse zu sehen waren, sind keine da. Auch die Gaffer und die Gruppen von jungen Männern, die jeweils am Sihlquai passierten, fehlen in der menschenleeren Aargauerstrasse.

Die Atmosphäre ist ruhig und unaufgeregt, alles ist sauber und aufgeräumt, der Platz wirkt etwas steril. Auch ausserhalb wird für Ordnung gesorgt: Innert einer halben Stunde fährt einmal langsam eine Patrouille der Stadtpolizei vorbei, später folgt ein Wagen des städtischen Sicherheitsdienstes SIP (Sicherheit, Intervention, Prävention).

Die Leute in der direkten Nachbarschaft merken vom Strichplatz kaum etwas. Auf der Seite stadtauswärts befindet sich ein Gewerbehaus, das um 17 Uhr schliesst – zwei Stunden bevor der Strichplatz geöffnet wird. Gegenüber liegt die Künstlersiedlung Basislager. Dort arbeiten in vier Ateliergebäuden rund 200 Personen aus dem Kunst- und Kulturbereich. Auch hier hat man mit dem Strichplatz keine negativen Erfahrungen gemacht, wie alle Angefragten sagen. Man sei auch nie von Freiern angemacht worden, sagt eine Designerin, alle Aktivitäten auf dem Platz würden äusserst diskret abgewickelt.

Keine Strichverlagerung

Gemäss Thomas Meier, Sprecher des städtischen Sozialdepartements, bewegt sich der Betrieb im Rahmen der bescheidenen Erwartungen, die man für die Anfangsphase hat. Zu konkreten Zahlen will sich Meier nicht äussern, man werde nach drei Monaten eine Zwischenbilanz ziehen und die Öffentlichkeit informieren. Meier rechnet damit, dass sich der Strichplatz in einem halben Jahr vollständig etabliert habe. Einerseits sei dann das Interesse der Öffentlichkeit nicht mehr so gross, andererseits brauche die Verschiebung vom Sihlquai nach Altstetten seine Zeit.

Eine Verlagerung der Strassenprostitution hat nicht stattgefunden. In der Brunau bei den Parkplätzen hinter dem Einkaufszentrum Sihlcity schafft an diesem Abend keine einzige Frau an. Der dritte Ort, an dem die Strassenprostitution in der Stadt Zürich zugelassen ist, ist die Zähringerstrasse im Niederdorf.

Hier stehen ein Dutzend Frauen und sprechen – ebenfalls mit ungarischem Akzent – die männlichen Passanten offensiv und sehr aufdringlich an. Laut einem Hotelbetreiber sind dies mehr oder weniger immer die gleichen Prostituierten, die ihre Absteige in der benachbarten Häringstrasse 17 und 19 haben. Im Volksmund werden diese Häuser wegen der vielen rot beleuchteten Fenster «Adventskalender» genannt.

Dass die Auflösung des Strassenstrichs auch nicht zu einer Verlagerung in die Querstrassen geführt hat, bestätigt Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei. Man habe seit dem offiziellen Ende des Sihlquais am 26. August keine grösseren Probleme mit Freiern oder Prostituierten in der Umgebung gehabt. Die Polizei sei aber auch immer mit einer hohen Präsenz vor Ort.

Erstellt: 29.09.2013, 20:09 Uhr

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