Wenn das Kind plötzlich von Fieber geschüttelt wird

In medizinischen Notfällen sind Hilfsangebote für Eltern Mangelware. Das ändert sich nun zumindest in Winterthur.

Wegen Ärztemangel müssen Winterthurer Kinderärzte Neugeborene abweisen. Sie finden in der Kinder-Permanence Unterschlupf.

Wegen Ärztemangel müssen Winterthurer Kinderärzte Neugeborene abweisen. Sie finden in der Kinder-Permanence Unterschlupf. Bild: Sabina Bobst

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Am 23. August eröffnet in Winterthur die Kinder-Permanence im Einkaufszentrum Archhöfe unweit des Bahnhofs. Als medizinische und chirurgische Notfallstation, die täglich von 12 bis 20 Uhr geöffnet ist, soll die Permanence sowohl für Eltern eine zusätzliche Anlaufstelle sein als auch die Kinderärzte in der Umgebung entlasten.

Katja Berlinger, CEO von der Betreiberin Swiss Medi Kids Zürich AG, sagt, dass sie im Vorfeld das Gespräch mit verschiedenen Kinder- und Hausärzten gesucht habe. «Sie waren gegenüber einer Permanence sehr offen», so Berlinger.

In und um Winterthur mangelt es an Kinderärzten. Gemäss der Geschäftsführerin der Vereinigung Zürcher Kinder- und Jugendärzte (VZK), Noëlle Müller-Tscherrig, sind in der Stadt Winterthur rund 15 niedergelassene Pädiater ansässig. Im Schnitt behandeln sie täglich 25 Kinder, im Winter bis zu 50. Damit seien sie derart ausgelastet, dass sie Neugeborene abweisen müssten und ein Kinderarztwechsel nicht mehr möglich sei. «Würden zwei bis drei Pädiater neu eine Praxis eröffnen und hundert Prozent arbeiten, würde das eine deutliche Erleichterung bringen», sagt Müller-Tscherrig.

Entlastung nur bei kleineren Notfällen

Die Winterthurer Pädiaterin Karin Peier Harbauer sieht in der Kinder-Permanence insofern einen Gewinn, als diese die Praxisärzte bei Notfalldiensten entlasten könne. In Bezug auf die Langzeitbetreuung der Kinder und Familien, bei der durch die fehlenden Haus- und Kinderärzte ein Mangel bestehe, ändere sich aber wenig: Die Permanence ist nur für dringliche Anliegen wie Infekte, Durchfall, Fieber, Bauch- und Kopfschmerzen gedacht, die leicht ambulant behandelt werden können.

Das Kerngeschäft der Permanence seien kleinere Notfälle, sagt auch Berlinger. Die Ärzte dort führen dann Routineuntersuchungen durch, wenn die Eltern keinen Kinderarzt finden oder dies ausdrücklich wünschen. «Wir sind ein Überlaufventil, da die Arztpraxen häufig so voll sind, dass die Patienten mit langen Wartezeiten rechnen müssen oder gar nicht erst aufgenommen werden», so Berlinger. Dabei werde jede Konsultation dokumentiert und den entsprechenden Kinderärzten weitergeleitet.

Kispi: Zusatzangebot ändert wenig

Beim Kantonsspital Winterthur (KSW) begrüsst man die Kinder-Permanence als Zusatzangebot. Traudel Saurenmann, Direktorin des Departements Kinder- und Jugendmedizin, sagt, die Kindernotfallstation des KSW verzeichne von Jahr zu Jahr einen stetigen Anstieg der Konsultationen: 2014 waren es rund 12'400 Patienten. Das Spital sei für Eltern oftmals die erste Anlaufstelle, weil sie häufig keinen Kinderarzt hätten und auch bei kleineren Leiden eine ärztliche Begutachtung wünschten.

In Zürich, wo die Swiss Medi Kids Zürich AG seit November 2011 die Kinder-Permanence im Hauptbahnhof betreibt, werden pro Jahr durchschnittlich über 10'000 Kinder behandelt. Der Effekt auf das Kinderspital Zürich (Kispi) ist jedoch gering: Trotz der zusätzlichen Notfallstelle suchen noch immer viele Eltern die Notaufnahme des Kispi auf. Laut Direktor Markus Malagoli wurden im letzten Jahr 34'000 Patienten behandelt, Tendenz steigend.

Wie im Kantonsspital Winterthur handelt es sich auch hier zu einem erheblichen Teil um Bagatellfälle, welche die Eltern wegen des Kinderärztemangels, aus Bequemlichkeit – oder weil sie gar keinen Kinderarzt haben – in die Notfallstationen der Spitäler treiben.

Permanence sollte länger geöffnet sein

Obwohl Saurenmann die neue Kinder-Permanence in Winterthur als sinnvoll erachtet, stellt sie deren Öffnungszeiten infrage: «Eine wirkliche Entlastung für uns wäre die Permanence, wenn sie nicht schon um 20 Uhr schliessen würde, sondern bis Mitternacht geöffnet hätte.» Gerade am Feierabend sei der Andrang gross, da die Eltern häufig berufstätig seien und mit ihrem Kind erst nach der Arbeit zu einem Arzt gehen würden.

Berlinger beruft sich punkto Öffnungszeiten auf die Erfahrungswerte der Kinder-Permanence in Zürich. Es stimme, dass viele Eltern erst nach 18 Uhr in die Notfallstation kämen, sagt sie. Dass die Permanence um 20 Uhr den letzten Patienten einlasse, habe aber noch nie zu Problemen geführt. Im Gegenteil: Es werde sehr geschätzt, dass man so spät noch Kinder behandle, zumal die Arztpraxen bereits um 17 Uhr schliessen würden. «Wenn wir in Winterthur sehen, dass die Nachfrage auch spätabends noch besteht, werden wir die Öffnungszeiten überprüfen.» Allerdings brauche man dafür Personal, das diese Zusatzstunden bewältigen könne, so Berlinger. Der Winterthurer Standort startet mit drei Ärzten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.07.2015, 12:43 Uhr

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