Wenn der Tod noch vor dem Anfang des Lebens eintritt

Bei Früh- oder Totgeburten waren Eltern lange sich alleine überlassen – die toten Frühchen wurden als Humanabfall behandelt. Mittlerweile hat sich die Situation in Spitälern und auf Friedhöfen verbessert.

Emotionaler Abschied: Abdankung auf dem Grabfeld für die ganz Kleinen im Friedhof Nordheim. Foto: Sophie Stieger

Emotionaler Abschied: Abdankung auf dem Grabfeld für die ganz Kleinen im Friedhof Nordheim. Foto: Sophie Stieger

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Zürich – Besonders schwierig ist der Tod zu verkraften, wenn er sich ein he­ranwachsendes Leben nimmt. Für werdende Eltern bricht bei einer Fehl- oder Totgeburt eine Welt zusammen. Antje Lang und ihr Mann durchlitten im ­Frühjahr ein solches Schicksal.

Im Dezember 2012 heiratet das Paar. Der Himmel hängt voller Geigen – Antje Lang ist bereits im zweiten Monat schwanger. «Unser Traum- und Wunschkind, wir waren überglücklich», sagt die 39-Jährige rückblickend. Im 5. Monat schwanger spürt sie ein Ziehen im Unterleib. «Der Schmerz wurde immer stärker.» Sie lässt sich im Unispital unter­suchen. Die Ärzte machen ein Septum in der Gebärmutter als Ursache aus. Diese Muskel- oder Faserwand teilt die Gebärmutter in zwei Hälften. Antje Lang wusste von dieser Fehlbildung. «Kein Arzt sagte mir vor der Schwangerschaft, dass das zu Problemen führen könnte.»

Nach dem Besuch im Unispital schöpft sie neue Hoffnung. Doch die Schmerzen bleiben und intensivieren sich noch. Erneut geht sie in Spital. Diesmal muss sie bleiben. Der Fötus hat zu wenig Platz in der Gebärmutter und kann die Trennwand nicht aus eigener Kraft durchbrechen. Lang verspürt ­Wehen. «Die Ärzte sagten mir, dass das Baby es nicht schaffen werde.» Es stirbt noch im Bauch der Mutter. Die Eltern sind schockiert, und Lang ist am Ende ihrer Kräfte. Chirurgen müssen den ­toten Winzling aus ihrem Körper holen. «Wir haben keine Sekunde darüber nachgedacht, dass uns so etwas passieren könnte.»

Eine sehr grosse Stütze sei die Hebamme gewesen. Sie bettet Pepe – so der Name das Frühchens – liebevoll in ein Körbchen und legt ihm Plüschtierchen zur Seite. In einem speziellen Raum des Spitals können die Eltern von ihrem Kind in aller Ruhe Abschied nehmen. Zuerst habe sie das tote Baby gar nicht sehen wollen, sagt Antje Lang. «Doch die Hebamme hat mich davon überzeugt, dass ich das später bitter bereuen würde.» Eine US-Studie aus dem Jahr 2008 belegt: Beinahe 80 Prozent aller Eltern, die ihr noch vor der Geburt verstorbenes Kind weder anschauten noch berührten, bedauerten dies im Nachhinein.

Windräder als letzter Gruss

Pepe gilt nach dem Gesetz als Fehl­geburt. Diese tauchen im Gegensatz zu Totgeburten in keiner Statistik auf. Vor der 22. Schwangerschaftswoche verstorbene Frühchen sind Fehlgeburten und haben offiziell nie existiert. Von Tot­geburten spricht man bei Kindern, die zwischen der 23. Schwangerschafts­woche und der Geburt tot zur Welt kommen oder mindestens 500 Gramm wiegen. Sie sind meldepflichtig und haben – im Gegensatz zu Fehlgeburten – ein Anrecht auf eine Bestattung.

Bis vor wenigen Jahren war der Umgang mit Fehlgeburten herzlos. Spitäler behandelten die verstorbenen Frühchen als Humanabfall. Die mit der Situation vollständig überforderten Eltern waren sich selber überlassen. Doch die Ärzte und das Pflegepersonal der Krankenhäuser haben dazugelernt.

«Wir haben keine Sekunde darüber nachgedacht, dass uns so etwas passieren könnte», sagt Antje Lang, die Söhnchen Pepe verlor

Der kleine Pepe wog 490 Gramm und starb nur Tage vor dem Beginn der 23. Schwangerschaftswoche. Ein wür­diger Abschied auf dem Friedhof Nordheim blieb ihm aber nicht verwehrt. Die Stadt Zürich bietet wie ein paar andere Gemeinden seit ein paar Jahren spezielle Gemeinschaftsgräber für die Kleinsten an. Antje Lang entdeckte in ihrer Trauer das Gedichteschreiben, und das gemeinsame Schicksal hat sie und ihren Mann noch näher zusammenrücken lassen. «Wir möchten nach wie vor Kinder. Falls es aber nicht klappen sollte, akzeptieren wir das. Dann ist Eltern sein einfach nicht unsere Lebensaufgabe.»

Ende September nahmen einige Eltern auf dem Friedhof Nordheim von ihren verstorbenen Babys Abschied. Dabei legten sie Spielsachen auf den weissen Marmorstein des Gemeinschafts­grabes mit den eingravierten Namen der Kleinen oder steckten farbige Windräder in die Erde. Ein Trompetenspieler intonierte «Somewhere Over the Rainbow».

Kampf um die Tochter

Für die Eltern sei es wichtig, dass sie einen Platz für ihr verstorbenes Kind hätten, sagt Franziska Maurer, Leiterin der Fachstelle Fehlgeburt und perinataler Kindstod. «Viele entscheiden sich dabei für ein Sammelgrab, damit ihr Kind nicht allein ist, obwohl sie Anrecht auf ein normales Kindergrab haben.» Mar­grit Maurer hat sich als Hebamme auf Trauer­begleitung bei Früh- und Tot­geburten spezialisiert. Ein Grab sei für die trauernden Eltern auch wichtig, weil das Kind noch keine Spuren hinter­lassen habe und sie damit ein Zeichen setzen, dass es existiert hat.

Silvia Brunner* strahlt im Oktober 2012 vor Glück. Sie hat erfahren, dass sie schwanger ist. Doch die Freude währt nicht lange. Das Kind senkt sich bereits in der 16. Schwangerschaftswoche ins Becken. Viel zu früh. Der Abort lässt sich nicht verhindern, sie muss das Kind gebären. «Die Ärzte wussten nicht genau, warum es dazu kam», sagt Brunner. Sie vermuten eine Blutgerinnungsstörung. Brunner setzt den kleinen Simon* im Gemeinschaftsgrab in Zollikerberg bei. Dieses Ritual sei wichtig gewesen und habe geholfen, die Trauer zu verarbeiten.

Der Tod des Kindes wirft Brunners Mann aus der Bahn, das Paar trennt sich vorübergehend. Im letzten November schöpft die 40-Jährige wieder Hoffnung. Sie ist erneut schwanger. In die Freude mischen sich aber auch Bedenken. «Wir waren unsicher, dachten aber, dass ein solches Unglück kein zweites Mal pas­sieren kann.» Die ersten Monate ver­laufen normal. Doch ab der 13. Schwangerschaftswoche treten erneut die gleichen Probleme auf. Brunner kann nicht mehr arbeiten und muss liegen. Sie nimmt Blutgerinnungsmittel ein.

«Ich hatte ein sehr starke Beziehung zu meinem Kind aufgebaut und kämpfte zwölf Wochen um das Leben meiner Tochter», sagt Silvia Brunner. Sie wird ins Spital eingeliefert, wo es während sieben Wochen gelingt, mittels Wehenhemmer und Bettruhe eine zu frühe Geburt zu verhindern. In der 25. Schwangerschaftswoche kommt Emma* zur Welt. Die Hebamme legt sie der Mutter in die Arme; nach einer Stunde ist Emma tot.

Die Pfarrerin segnet das Kind, das bis in den Morgen neben dem Bett der Mutter liegt. Das Paar trennt sich nach der erneuten Frühgeburt definitiv. In der Post bekommt sie am gleichen Tag eine Geburts- und eine Todesurkunde zugestellt. Wenig später erhält sie einen Brief der Mütterberatung, die zur Geburt ihrer Tochter gratulieren. «Das war ein Missverständnis, ein sehr schmerzhaftes.»

20'000 Fehlgeburten jährlich

Über die Zahl der Fehlgeburten – der Volksmund nennt sie Engels- oder Sternenkinder – gibt es nur Schätzungen. Et­wa 15 Prozent aller Schwangerschaften enden mit einer Fehlgeburt. Laut Franziska Maurer sind es landesweit rund 20'000 Fehlgeburten. Sie hat die Fachstelle vor zehn Jahren ins Leben gerufen. Die Gründe für eine Fehlgeburt sind vielfältig. Entwicklungsstörungen beim Kind, hormonelle Störungen oder anatomische Probleme bei der Mutter sind relativ häufige Ursachen. Unterschiede bestehen bei Tot- und Fehlgeburten bezüglich des Anspruchs auf den Mutterschaftsur­laub. Eine Frau hat bei einer Totgeburt das Anrecht auf einen vollen Mutterschaftsurlaub, bei einer Fehlgeburt nicht.


*Namen geändert

Infos: www.fpk.ch, Fachstelle Fehlgeburt und perinataler Kindstod

Erstellt: 12.10.2013, 06:27 Uhr

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