Wenn der Vermieter zum Verkäufer wird

In Zürich werden immer mehr Mietwohnungen in Stockwerkeigentum umgewandelt. Mieter können sich gegen eine Kündigung zur Wehr setzen – und bis zu vier Jahre länger bleiben.

Wohnungswechsel wider Willen: Wird aus der Mietwohnung Stockwerkeigentum, bleibt für die meisten Mieter nur der wegzug.

Wohnungswechsel wider Willen: Wird aus der Mietwohnung Stockwerkeigentum, bleibt für die meisten Mieter nur der wegzug. Bild: Keystone

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Fredy Reimann arbeitet seit 13 Jahren als Immobilienverkäufer für die Mobimo. Seine Aufgabe liegt unter anderem darin, beim Wandel von Mietwohnungen in Stockwerkeigentum Käufer zu finden und die Mieter bei der Wohnungsaufgabe zu betreuen. «Ich habe den gegen 200 Mietern, die nicht bleiben konnten oder wollten, immer eine Ersatzwohnung organisiert», sagt Reimann gegenüber dem «Tages-Anzeiger».

Reimanns Vorgehen ist unter Eigentümern oder Verwaltern von Liegenschaften keine Seltenheit. «Sie sind oft bereit, den Mietern bei der Suche nach einem neuen Zuhause zu helfen. Meist steckt aber mindestens so viel Eigeninteresse wie Menschenfreundlichkeit dahinter», sagt Walter Angst, Pressesprecher des Zürcher Mieterverbands. «Es liegt nämlich im Sinne des Eigentümers, rasch eine Lösung für die Bewohner der Liegenschaften zu finden. So kann der Verkauf schnell vollzogen werden, und es kommt zu keinen teuren Gerichtsverfahren.»

Wohneigentum ist «nichts Erstrebenswertes»

Die Arbeit wird Fredy Reimann und seinen Kollegen nicht ausgehen. Die Zahl der Wohnungen im Stockwerkeigentum nimmt in Zürich kontinuierlich zu. Zwischen 2000 und 2009 ist sie um 36 Prozent angestiegen. «Die Zahlen für die Zeit nach 2009 liegen noch nicht vor, aber diese Entwicklung hat sich seither sicher noch verschärft», so Angst. Hinzu komme, dass viele dieser Wohnungen nicht von den Besitzern selbst genutzt werden, sondern Anlageobjekte seien.

Für die Stadtentwicklung sei Wohneigentum nichts Erstrebenswertes. «Die Zahl der bezahlbaren Mietwohnungen wird noch mehr verringert, und wenn eine Sanierung ansteht, dann wird sie durch die Streuung des Eigentums und die verschiedenen Interessen der Bewohner verhindert», betont Angst.

Betroffene müssen rasch handeln

Sollte man selbst in die Situation geraten, von einer Umwandlung einer Miet- in eine Eigentumswohnung betroffen zu werden, rät Angst zum raschen Handeln. «Wenn man merkt, dass etwas passiert – wenn beispielsweise jemand die Wohnung schätzen will –, sollte man sofort für den nötigen Rechtsschutz sorgen. Eine Rechtsvertretung kann die Vergleichsbereitschaft der Gegenseite erhöhen, und die Mieter sind dem Vorhaben der Eigentümer nicht ausgeliefert.»

Missbräuchlich wäre eine Kündigung laut Angst nach der Aufforderung zum Kauf der Wohnung. «Natürlich kann man auch prüfen, ob man das Objekt kaufen oder eine Hausgenossenschaft gründen soll. Die Preisvorstellungen liegen aber meist viel zu weit auseinander.» Mit Wohneigentum könne man momentan an guten Lagen eine doppelt so hohe Rendite erzielen wie mit Mietwohnungen. «Daher übersteigen die Forderungen der Eigentümer meist die finanziellen Kapazitäten der Mieter.»

Abgesehen davon sollte man innerhalb der Kündigungsfrist die Kündigung anfechten und eine Mieterstreckung verlangen. «Das ist matchentscheidend, denn innerhalb der regulären Kündigungsfrist von drei Monaten findet man in der Stadt Zürich kaum eine neue Wohnung», sagt Angst. Das Mietverhältnis könne um maximal vier Jahre verlängert werden. Ein bis zwei Jahre seien realistisch, und die Chancen auf eine solche Erstreckung seien relativ hoch.

Preisvorstellungen liegen weit auseinander

Für die Eigentümer ist die maximale Mieterstreckung der sogenannten Wandlungsobjekten zwar relativ lang, «aber damit wird heute von Anfang an kalkuliert», sagt Albert Leiser, Direktor des Hauseigentümerverbands von Stadt und Kanton Zürich. Der Verkauf der Wohnung werde auf ein entsprechendes Datum terminiert. «In Zürich ist es kein Problem. Jeder Hauseigentümer weiss, was auf ihn zukommt», so Leiser.

Häufig gehe der Impuls für eine Umwandlung sogar von den Mietern selbst aus. «Wohneigentum ist die beste Vorsorge für sich selbst. Der Hypothekarzins ist so tief, dass die Bewohner ihre vier Wände lieber kaufen als mieten», so Leiser. Er bezweifelt jedoch, dass sich mit Wohneigentum eine besonders hohe Rendite erzielen lässt. «Es liegt nicht nur ein Gewinn drin, man muss auch investieren und die Wohnungen sanieren.»

Erstellt: 20.06.2011, 16:05 Uhr

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