Wenn die Chefs per E-Mail führen

Dank Digitalisierung wird die Arbeit zwar leichter, nicht aber befriedigender. Trotzdem erlebt laut einer Studie die Mehrheit der Arbeitnehmenden die Digitalisierung als positiv.

Am Digitaltag im Hauptbahnhof stand die spielerische Komponente der Digitalisierung im Vordergrund. Foto: Sabina Bobst

Am Digitaltag im Hauptbahnhof stand die spielerische Komponente der Digitalisierung im Vordergrund. Foto: Sabina Bobst

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Es sind grosse Worte, welche dieser Tage im Zusammenhang mit der Digitalisierung gesprochen werden. Gestern fand der erste Digitaltag der Schweiz statt – und die Halle des Zürcher Hauptbahnhofs war sein Hauptschauplatz. Die Rede war von der vierten Industriellen Revolution, von schöner neuer Arbeitswelt, aber auch von einem Kahlschlag in manchen Branchen. Eine Oxford-Studie errechnete 2013, dass bei 47 Prozent der Arbeitsplätze das Risiko besteht, «weg-digitalisiert» zu werden. Eine dieses Jahr erschienene, an den Schweizer Arbeitsmarkt angepasste Berechnung kommt auf ähnliche Zahlen. Doch sagt Sarah Genner, Expertin für Digitalisierung der Arbeitswelt an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW): «In unserer Befragung gaben mehr als drei Viertel der Personen an, keine Angst davor zu haben, ihren Job an eine Maschine zu verlieren.»

Diese Umfrage wurde vor kurzem am Institut für Angewandte Psychologie (IAP) durchgeführt und fokussiert darauf, wie die Menschen sich in der digitalisierten Arbeitswelt zurechtfinden. Sie betritt damit in manchen Bereichen Neuland. «In den jüngsten Diskussionen über Digitalisierung zeigt sich nur schon, dass der Begriff sehr unterschiedlich genutzt wird», sagt Studienleiterin Genner. Für manche bedeute Digitalisierung lediglich das papierlose Büro, für andere hingegen Robotik und künstliche Intelligenz. Daher sei es bereits eine Herausforderung für Forschende, sicher­zustellen, dass alle vom Gleichen sprechen.

Die Fragen der IAP-Studie zielen in erster Linie auf die Befindlichkeit des Menschen in der neuen Arbeitswelt. Dazu gibt es gute und schlechte Nachrichten. 68 Prozent der Befragten empfinden die Digitalisierung grundsätzlich als positiv. Die Arbeit wird als vielfältiger empfunden, man fühlt sich besser informiert und autonomer. Der berufliche Alltag sei durch die Digitalisierung leichter oder eher leichter geworden, geben 57 Prozent der Befragten an. Die Unterschiede nach Alter oder Geschlecht sind marginal.

Arbeiten wann und wo man will

Als besonders positiv empfunden wird, dass die Arbeitszeit und der Arbeitsort flexibler geworden sind: 83 Prozent geben an, dass mobil-flexibles Arbeiten in ihrem Unternehmen möglich ist, drei Viertel nehmen das als positiv wahr. Achtzig Prozent der Befragten verfügen trotzdem noch über einen eigenen Arbeitsplatz, mehr als die Hälfte aber vermutet, dass das in fünf Jahren nicht mehr der Fall sein wird.

Doch hat die digitalisierte Arbeitswelt auch negative Auswirkungen auf die Menschen, insbesondere weil sich Berufs- und Privatleben immer mehr vermischen. 46 Prozent der Befragten sind auch ausserhalb der Arbeitszeit digital erreichbar. Jeder Vierte wird nervös, wenn er offline ist – 41 Prozent entspannt es. Fast die Hälfte der Befragten geben an, dass sich ihre Gesundheit ­dadurch verschlechtert habe; 46 ­Prozent können schlechter schlafen. «Diese hohen Werte haben mich überrascht», sagt Genner. Und schliesslich geben 42 Prozent an, dass sie sich nicht glücklicher in ihrer Arbeit fühlen, obwohl diese leichter und vielfältiger geworden ist.

Selbstführung wird wichtiger

Die Studie zeigt auch auf, dass die Digitalisierung sich auf das Verhältnis zwischen Chef und Untergebenen auswirkt. Knapp die Hälfte der Befragten gibt an, dass sich die Führung von Mitarbeitenden verändert hat: «Es wird mehr auf räumliche Distanz und mittels digitaler Kanäle geführt», erklärt Genner. «Selbstführung wird dabei zunehmend wichtig.» Dank digitaler Medien fühlen sich 51 Prozent der Arbeitnehmenden zwar besser informiert, doch nur ein Viertel gibt an, dass deshalb qualitativ bessere Entscheide gefällt würden.

Genner relativiert die Aussage ihrer Studie allerdings: «Diese Resultate sind nicht repräsentativ für die gesamte Schweizer Bevölkerung.» So haben mehr als zwei Drittel der rund 600 Befragten mindestens einen Fachhochschulabschluss, zwei Drittel arbeiten in einem Grossunternehmen. Und Experten gehen davon aus, dass vorab weniger gut Ausgebildete durch die Digitalisierung ihre Stelle verlieren. Allerdings müssen die hohen Zahlen von drohendem Jobverlust ebenfalls relativiert werden. Denn sie berücksichtigen nicht, dass durch die Digitalisierung auch neue Arbeitsplätze entstehen.

www.zhaw.ch/iap/studie (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2017, 21:39 Uhr

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