Wenn die Partnerschaft einen Neustart braucht

2000 Paare suchen jährlich Rat bei den öffentlichen Beratungsstellen. An einem «Impulstag» haben weitere Paare an der Therapie geschnuppert – und sich prächtig amüsiert.

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«Ich erwarte, dass wir gegenseitig unser sexuelles Bedürfnis abdecken», sagt der Mann. «Ich weiss, das war von Anfang an wichtig. Und wenn wir nach unseren Diskussionen jeweils wieder zu uns finden, dann ist das immer sehr schön», antwortet die Frau. Sie sind beide ältere Semester, haben graue Haare. Seit vier Jahren sind sie zusammen, ihre Beziehung ist – das sieht man auf den ersten Blick – herausfordernd. Sie sind so etwas wie intellektuelle Chifler. Später wird er sagen: «Mir ist egal, was Du hören willst, ich antworte jetzt auf die Frage.»

Bei einem anderen Paar dreht sich die Diskussion ums Diskutieren. «Warum soll ich aktiv werden, wenn alles gut läuft?», fragt er. «Wenn Ruhe herrscht, ist doch alles gut.» Die Frau sieht das entschieden anders. Vor sich haben die beiden Paare einen Fragebogen, den ihnen der Paarberater abgegeben hat. Ihnen und weiteren sieben Paaren. Sie sollen ihre Erwartungen an die Partnerschaft kommentieren. Das ist ein Teil des Workshops. Das Paar hat sich für jenen mit dem Titel «Konstruktiver Umgang mit Unterschieden» entschieden. Andere Workshops liefen unter «Als Eltern in der Paarbeziehung wachsen» oder «Beziehungsfreundliche Kommunikation – die Sprache des Herzens».

Am Ende des Workshops werden einige Paare feststellen, dass vor allem der Begriff Respekt unterschiedlich interpretiert wird. Der Paarberater nimmt dies sogleich auf: «Wenn ich Ihnen heute etwas mit auf den Weg geben darf, dann dies: Worte bedeuten Emotionen.» Er fordert die Paare auf nachzufragen, wenn sie unsicher sind. «Was bedeutet dieses Wort für Dich?» Der Mann ziele mit seiner verkopften Kommunikation oft auf den Kopf, erklärt der Berater, während die Frau quasi mit ihrem Herzen das andere Herz anspricht. «Er will erklären, trifft aber ihr Herz, ohne es zu wollen.» Also: Lieber nachfragen, so der Rat. Und: «Die Welt ist so, wie sie ist. Wir sind es, die ihr die Bedeutung geben.»

Ziel: weniger Scheidungen

Sechs Workshops wurden angeboten am diesjährigen «Paar-Impulstag», der am Samstag in wunderschönen Räumlichkeiten der reformierten Kirche am Hirschengraben in Zürich stattgefunden hat. Paarberatung von öffentlicher Seite ist im Kanton Zürich seit jeher kirchlich organisiert. Der historische Hintergrund ist klar: Scheidungen sollten verhindert werden. Pionierin war die reformierte Landeskirche mit einer ersten Beratungsstelle in Winterthur, in den 1980er-Jahren hat sich die katholische Kirche angeschlossen. Als ökumenische Gemeinschaft finanzieren die beiden Körperschaften den Löwenanteil der neun regionalen Beratungsstellen im Kanton. Während die Kirchen je 800'000 Franken einschiessen, bringt sich der Kanton mit rund 300'000 Franken ein. Seit Anfang Jahr sind die neun Beratungsstellen unter einem Dach vereint.

Mit dem Geld werden Beratungsstunden subventioniert, die 250 Franken kosten. Die Paare zahlen je nach finanziellem Vermögen 60 bis 200 Franken selbst. Die Beratungsstellen kommen jährlich auf rund 10'000 Beratungssitzungen, welche von 2000 Paaren aufgesucht werden. Das Angebot boomt. «Vor allem in der Stadt Zürich können wir die Nachfrage nicht befriedigen», sagt Andreas Jakob, Geschäftsleiter von Paarberatung und Mediation des Kantons Zürich. Insgesamt teilen sich 18 Berater und Therapeutinnen 12 Vollzeitstellen.

Die Männer haben sich verändert

Auf die Frage, was sich in den vergangenen Jahren verändert hat, antworten alle drei der angefragten Spezialisten dasselbe: «Die Männer sind aufgeschlossener geworden.» Früher wurden fast nur Frauen aktiv und schleppten ihre Ehemänner mit. Wenn ein Mann für eine Paarberatung anfragte, konnte man davon ausgehen, dass die Beziehung kurz vor dem Ende steht, sagt ein erfahrener Berater.

Am Impulstag haben sich rund 100 Personen zwischen ungefähr 25 und 75 Jahren eingefunden. Die Mehrheit bewegt sich wohl in den 50ern. Simone und Stefan etwa betonen gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet, ihre Beziehung sei nicht kurz vor dem Scheitern. Sie seien aus Neugierde hier. Und um neue Inputs zu erhalten. Christine und Claudio sagen, sie hätten ab und zu einen «bunten Abend». Hier wollten sie Tipps holen, um Verletzungen zu vermeiden.

Auch Ruth Näf Bernhard, Pfarrerin der Winterthurer Stadtkirche und selber Paarberaterin, will mit ihrem Mann Martin neue Fragestellungen erörtern und Impulse für ihre Ehe empfangen. Es wurde viel geschmunzelt und gelacht – auffallend oft. Als wäre die Ironie die Ursache für Eheprobleme und der Humor die Lösung. Eine ältere Frau sagte, ihre Ehe dauere seit 45 Jahren – «mit Unterbrüchen». Der Ehemann replizierte: «Das Recycling unserer Ehe wurde immer anstrengender. Zum Glück gibts heute solche Workshops.»

«Verzichtet auf das Glück!»

Vielleicht kam die Heiterkeit von Arnold Retzer. Der Heidelberger Arzt und Paartherapeut gilt als Grösse seiner Gilde und hielt das rund einstündige Eingangsreferat. In diesem hangelte er sich – ähnlich einem Stand-up-Comedian – von einer Pointe zur nächsten, der Gesichtsausdruck blieb dabei stets bierernst. Dabei liess er keine publik gewordene Affäre der Prominenz aus. Ob Franz Beckenbauer und Ottmar Hitzfeld oder Arnold Schwarzenegger, Tiger Woods und Heidi Klum – alle bekamen ihr Fett weg, und zwar auf höchst unterhaltsame Weise.

Retzer steht für einen radikalrealistischen Ansatz der Paar- und Familientherapie. Die vier vorgetragenen Thesen lauteten: 1. Verzichtet darauf, (Ehe-)Probleme zu lösen (denn es gibt keine Probleme, sondern nur Tatsachen). 2. Verzichtet auf ein realistisches Bild vom Partner (denn Wahrnehmung ist eine Illusion, der Scheinwerfer lässt immer mehr im Dunkeln, als er erhellt). 3. Verzichtet auf das Glück (denn der Terror des Solls verkürzt das Paarleben). 4. Verzichtet auf Gleichheit, Gerechtigkeit und den gerechten Ausgleich (denn die Ehe ist keineswegs ein gerechtes Tauschgeschäft, für Gerechtigkeit oder Schuld gibt es keine Währung). Retzers Bücher tragen Titel wie «Lob der Vernunftehe: Eine Streitschrift für mehr Realismus in der Ehe» und «Miese Stimmung: Eine Streitschrift gegen positives Denken». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.03.2016, 18:30 Uhr

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