«Wenn man Hilfe benötigt, muss man sie einfordern»

Einer älteren Frau mit Rollator bietet im Tram niemand einen Sitz an. Der Alters- und Generationenforscher François Höpflinger hat eine interessante These zu diesem Verhalten.

«Die Verhaltensregeln sind nicht mehr dieselben wie früher»: François Höpflinger.

«Die Verhaltensregeln sind nicht mehr dieselben wie früher»: François Höpflinger. Bild: Keystone

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Das Anbieten des eigenen Sitzplatzes an eine ältere Person in öffentlichen Verkehrsmitteln gehörte früher zum normalen Anstand. Warum ist das heute nicht mehr so?
Diese Norm war früher sicher stärker verankert in der Gesellschaft. Aufgrund der Individualisierung und der höheren Selbstbestimmung des Einzelnen ist es heute aber so, dass man etwas einfordern muss, wenn man es haben will.

Sehen Sie eine generelle Veränderung des Verhaltens gegenüber älteren Personen?
In europäischen Ländern war der Respekt vor dem Alter sowieso noch nie so gross wie in gewissen aussereuropäischen Ländern. Deshalb denke ich nicht, dass man sagen kann, dass sich der Respekt verändert hat. Die Verhaltensregeln sind nicht mehr dieselben wie früher. Damit haben einige ältere Personen allerdings Mühe.

Sie stellen also keinen Verlust von Anstand fest?
Nein, ich denke nicht, dass der Anstand verloren gegangen ist. Die Verhaltens- und Kommunikationsregeln haben sich geändert. Früher funktionierte dieses passive Verhalten. Heute muss man aktiv sein. Wenn Hilfe benötigt wird, muss man diese einfordern.

Die Aufmerksamkeit für solche Situationen ist aber schon geringer?
Viele Personen beanspruchen heute ihre Privatsphäre an einem öffentlichen Ort. Das ist eine spannende Entwicklung. Beispielsweise kann man sich mit Musikhören sehr bewusst von der Umwelt abschotten. Damit wird die Aufmerksamkeit natürlich nach innen gerichtet.

Wie sollte eine ältere Person vorgehen, wenn sie gerne in den öffentlichen Verkehrsmitteln sitzen würde?
Ich denke, wenn man höflich fragt, ob man absitzen dürfe, wird einem auch von jungen Menschen Platz gemacht. Wie gesagt, an Respekt fehlt es nicht. Die gesellschaftlichen Gegebenheiten funktionieren einfach anders.

Erstellt: 08.05.2014, 15:01 Uhr

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