Wer rot sieht, erholt sich besser

DieUmweltwissenschaftlerinPetra Lindemann-Matthies erforscht, wie sich Biodiversität auf die Menschen auswirkt. Sie ist der Meinung, das zu Ende gehende UNO-Jahr der Biodiversität sei mehr als eine Eintagsfliege gewesen.

Petra Lindemann-Matthies hat gezeigt, dass wir uns beim Anblick eines Klatschmohnfeldes total entspannen.

Petra Lindemann-Matthies hat gezeigt, dass wir uns beim Anblick eines Klatschmohnfeldes total entspannen. Bild: Doris Fanconi

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Diese Professorin lebt gewiss nicht im Elfenbeinturm. Denn dort wächst nichts. Petra Lindemann-Matthies hat innerhalb der Umweltwissenschaften an der Universität Zürich die Arbeitsgruppe Umweltbildung und Naturwahrnehmung aufgebaut und erforscht, wie Biodiversität auf den Menschen wirkt. Antworten findet sie nicht am Schreibtisch, sondern bei Feldversuchen – im eigentlichen Sinn. Ihr Team bittet Spaziergänger, vor einer Wiese abzuschätzen, wie viele Arten diese enthält, oder es lässt Besucherinnen des Botanischen Gartens in Zürich aus einer grossen Zahl von Topfpflanzen ihren Traumgarten zusammenstellen.

Erkenntnis: Die Testpersonen überschätzen die Artenzahl in Flächen mit geringem Artenreichtum und unterschätzen sie in Flächen mit grossem Artenreichtum. Grundsätzlich schätzen Menschen die Artenvielfalt zu hoch ein, was das Anliegen des Artenschutzes erschwert. Wenn ich nämlich annehme, dass in der Schweiz 94'000 höhere Pflanzenarten vorkommen (Medianwert bei einer der Befragungen), schockiert es mich mässig, wenn ich lese, dass 1000 von ihnen auf der Roten Liste stehen'. Die Alarmglocken läuten schon eher, wenn ich weiss, dass die tatsächliche Artenzahl nur 3000 beträgt, also ein Drittel aller Pflanzenarten bedroht ist.

Pokemons bekannter als Käfer

Petra Lindemann-Matthies erzählt davon, wie achtjährige Kinder mit Leichtigkeit jede Menge Pokemon-Figuren unterscheiden, sich aber bei einheimischen Wildpflanzen oder Tieren schwertun. Wenns gut geht, wird der Marienkäfer als Käfer bezeichnet, während die Kinder bei den Pokemons virtuos komplexe Namen wie Porygon oder Nidoqueen aufzählen. «Offensichtlich gelingt es den Pokemon-Herstellern erheblich besser, Interesse an Arten zu wecken, als unserem Erziehungssystem», sagt Lindemann-Matthies. Die Privatdozentin der Uni Zürich hat seit Oktober eine Professur an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, sie betreut aber in Zürich noch ihre Doktoranden.

Buschwindröschen, Sumpfdotterblume, Männertreu. Erinnerungen an furchtbar langweilige Schulstunden kommen hoch. Pressen, zeichnen, auswendig lernen. Vergessen. Wollen Sie das den Kindern wieder antun, Frau Lindemann-Matthies? «Um Gottes willen, nein! Man muss mit ihnen raus.» In Zusammenarbeit mit Pro Natura hat sie das Projekt «Natur auf dem Schulweg» begleitet. Kinder haben auf ihrem Schulweg eine Pflanze in einer Wiese ausgewählt und um diese herum einen Bilderrahmen gestellt. Sie haben ihren Löwenzahn oder Wiesenklee dann beobachtet und auch den Passanten erklärt.

Erkenntnis: Die Kinder kannten danach messbar mehr Arten und waren eher bereit, die Natur wertzuschätzen und zu schützen. Ein Versuch, Menschen die Natur mit Plakaten näherzubringen, fruchtete dagegen nicht.

Artenvielfalt macht glücklich

Lindemann-Matthies hat selbst neun Jahre an einer Schule in Göttingen Biologie unterrichtet. Wer derart ansteckend für Wiesenschaumkraut begeistern kann, ist zum Lehrberuf geboren. Mit ihren Studentinnen und Studenten unternimmt sie Exkursionen in die Natur. In ihrem Haus in Marburg, wo sie demnächst mit ihrem Mann, einem Botaniker, einzieht, hat sie grosszügige Gästezimmer eingerichtet, damit ihre Doktoranden aus aller Welt bei ihr übernachten können. Anschauungsobjekte für Biodiversität liegen dort zuhauf gleich vor der Haustür. Der Umschwung hat viel Land und ein Gewächshaus. Das sind gute Voraussetzungen, um glücklich zu werden, wie jüngste Studien der Forschungsgruppe zeigen: Menschen wurden erst mit Bildern gestresst, dann durften sie Wiesen mit unterschiedlicher Artenvielfalt anschauen. Dabei wurde jeweils der Blutdruck gemessen.

Erkenntnis: Menschen erholen sich messbar beim Betrachten von artenreichen Wiesen. Am besten funktionierte das bei einem Feld, das 32 Arten aufwies. Etwas weniger bei 64 Arten, das empfanden die Teilnehmenden als eher chaotisch. Den grössten Erholungseffekt hatte allerdings eine Klatschmohn-Monokultur.

Petra Lindemann-Matthies bricht wie so oft in fröhliches Gelächter aus. «Wir stellen grundsätzlich fest, dass die Menschen sehr positiv auf rot-orange Farben reagieren. Vielleicht erinnert sie das an Nahrung.» Belegen kann sie auch, dass Artenvielfalt von den Menschen als schön empfunden wird – wobei auch hier grossblütige Blumen wie eben Mohn oder Margeriten besonders geschätzt werden. Ein Mauerblümchen hingegen ist das häufig vorkommende Weidelgras. Das empfinden fast alle als hässlich.

Der nörgelnde Nachbar im Kopf

Lindemann-Matthies sprudelt vor Ideen. So hat einer ihrer Masterstudenten im Raum Zürich eine grosse Zahl von Gärten ausgewertet. Er wollte wissen, wie artenreiche Gärten wirken. Es wird nämlich befürchtet, dass vielfältige Rabatten als ungepflegt empfunden werden. Auch wird immer wieder der Nachbar zitiert, der die Wildwiesen von nebenan gar nicht schätzt, weil er um seinen englischen Rasen bangt. Die Resultate dieser Studie werden demnächst publiziert. Lindemann-Matthies verrät nur so viel: Artenreiche Gärten werden als schön wahrgenommen, «und der nörgelnde Nachbar existiert nur im Kopf».

Im vergangenen Jahr musste Lindemann-Matthies ihre Forschungsarbeiten zwischendurch immer wieder unterbrechen, weil sie oft als Wanderpredigerin unterwegs war.

Erkenntnis: Das UNO-Jahr der Biodiversität hat seinen Zweck erfüllt – die Menschen wurden für das Thema sensibilisiert. Und Petra Lindemann-Matthies hat gelernt: «Man muss in ganz kleinen Schritten denken, sonst sieht man den Erfolg nie.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.12.2010, 23:56 Uhr

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