Wie Ingenieure am Rekordflugzeug tüfteln

Bertrand Piccard und André Borschberg wollen 2015 in einem Solarflieger um die Welt. Vorerst liegt das Gelingen ihres Abenteuers an der Präzisionsarbeit von Ingenieuren in Dübendorf.

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In den Hangars des Dübendorfer Flugplatzes entsteht derzeit eine aviatische Rekordhoffnung mit dem unspektakulären Namen: HB-SIB. Es handelt sich dabei um den zweiten Solarflieger der beiden Westschweizer Abenteurer André Borschberg und Bertrand Piccard. Mit ihrer Solar Impulse wollen sie zwischen April und Juni 2015 den Erdball umrunden. Weil es im Cockpit nur für einen Piloten Platz hat, werden sich die beiden Piloten am Steuerknüppel abwechseln. Fotografen erhielten am Freitag einen Einblick in die Entwicklung des Flugzeugs.

Die Hauptaufgabe für die zahlreichen mitwirkenden Ingenieuren ist, das Flugzeug so leicht wie möglich zu bauen. Die Struktur soll nämlich rund achtmal leichter sein als bei einem modernen Segelflugzeug. André Borschberg sagte dazu: «Alles, was nicht bricht, ist potenziell zu schwer.» Die Flugzeugbauer greifen bei ihrer Arbeit auf die Erfahrungen zurück, welche die Piccard-Crew mit dem Prototypen HB-SIA in den vergangenen Jahren gemacht hat. Dieser hat eine Spannweite von 61 Metern. Auf der gesamten Flügeloberfläche fangen Solarpanels die Sonnenstrahlen ein, mit deren Energie die vier Motoren laufen. Damit Solar Impulse auch nachts fliegen kann, speichern tagsüber Batterien die überschüssige Sonnenenergie.

Während der Prototyp HB-SIA mit bestehenden Technologien gebaut worden ist, müssen für die Solar Impulse HB-SIB neue Werkstoffe und Herstellungsverfahren entwickelt werden. Zudem soll die Maschine über eine Druckkabine verfügen und mit 80 Metern Spannweite breiter sein als ein A380. Ihre Motorleistung wird mit 12 PS aber nicht grösser sein als jene der Maschine, welche die Gebrüder Wright 1903 für den ersten Motorflug der Fluggeschichte nutzten.

Rollout vor internationaler Prominenz

Der Westschweizer Bertrand Piccard stiess sein Projekt im November 2003 an und holte den ehemaligen Luftwaffenpiloten und Ingenieur André Borschberg ins Boot. Nach vier Jahren umfassender Studien, Berechnungen und Simulationen begannen im November 2007 die Bauarbeiten für den Prototyp von Solar Impulse in den Dübendorfer Hangars.

Noch bevor der Solarflieger erstmals abgehoben hatte, übernahm die Europäische Kommission die Patenschaft für die Maschine. Seither trägt das Flugzeug die Sterne Europas. Nach jahrelanger Präzisionsarbeit in den Dübendorfer Hangars haben Borschberg und Piccard schliesslich am 26. Juni 2009 der Öffentlichkeit, 800 Journalisten und der Prominenz aus aller Welt ihr Solarflugzeug präsentiert.

Das Rollout des Prototyps HB-SIA mit der Spannweite eines Airbus 340, dem Gewicht eines mittelgrossen Autos und der Leistung eines Motorrads konnte online mitverfolgt werden. Der Flieger bezieht seine Energie aus 12'000 Siliziumzellen, die auf der Flügeloberfläche eingelassen sind.

Drei Weltrekorde in Payerne

Solar Impulse HB-SIA hob im April 2010 vor zahlreichen Schaulustigen in Payerne erstmals ab. Wenige Monate später meisterte Solar Impulse den ersten Nachtflug. Im Cockpit sass der Routinier André Borschberg. Die internationale aeronautische Föderation (FAI) anerkannte bei diesem Flug gleich drei neue Weltrekorde: Kein anderes Solarflugzeug flog je höher, länger und gewann mehr Höhe während eines Flugs.

Im Frühsommer 2013 querte der Solarflieger die Vereinigten Staaten von Amerika. Bertrand Piccard startete in Kalifornien und steuerte ostwärts mit dem Ziel New York. Die erste Etappe führte nach Phoenix in Arizona. Der Solarflieger legte weitere Zwischenstopps in Dallas, Saint Louis und Washington ein. Weil das Flugzeug an jedem Halt ausführlich vorgestellt wurde, dauerte die Reise mehrere Wochen.

Ein Rückflug im Bauch eines Jumbos

Auf der zweiten Etappe seines Fluges quer durch die Vereinigten Staaten stellte Solar Impulse HB-SIA einen neuen Streckenrekord auf: André Borschberg startete die Maschine in Phoenix im Bundesstaat Arizona und landete nach 1541 Kilometern in Dallas-Fort Worth im Bundesstaat Texas. Für die Strecke benötigte er 18 Stunden und 21 Minuten. Zuletzt lag der Streckenrekord von Solar Impulse bei 1116 Kilometern, die sie 2012 von der Schweiz nach Spanien flog.

Im August 2013 brachte ein Jumbojet den Solarflieger zurück nach Dübendorf. Für den Transport über den Atlantik wurden die mit Solarzellen bestückten Flügel abmontiert.

Ein 130 Millionen Franken schwerer Bubentraum

Das rund 130 Millionen Franken schwere Unternehmen wird von Sponsoren finanziert. Initiator Bertrand Piccard wirkt dabei als Präsident und Pilot. Mitgründer André Borschberg als Geschäftsführer und Pilot.

Die beiden Luftfahrtpioniere André Borschberg und Bertrand Piccard erhielten 2011 den Swiss-Award in der Kategorie Gesellschaft. Sie wurden für ihren ersten erfolgreichen Europaflug mit dem Prototyp ihres Solarflugzeugs ausgezeichnet.

Kritik wegen Hangarmiete

Mit einem Bericht der eidgenössischen Finanzkontrolle zogen 2012 für die Crew von Solar Impulse dunkle Wolken am Himmel auf. Er kritisierte, dass der Bund während Jahren das Solarflugzeug-Projekt von Bertrand Piccard mit Leistungen in Millionenhöhe unterstützt hatte: Seit 2007 nutzten die Pioniere einen Hangar in Dübendorf – ohne Miete zu bezahlen, wie das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) bestätigte.

Anfang 2013 stellte der Bund das Mietverhältnis mit Bertrand Piccard und André Borschberg schliesslich auf eine legale Basis. Deshalb ziert ein Schweizer Kreuz künftig die Pilotenjacken, wenn Piccard und seine Mannschaft für ihr Vorzeigeprojekt Solar Impulse unterwegs sind. Dies ist ein Teil der Imagekampagne, welche der Bund als Gegenleistung von Solar Impulse erhält. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.10.2013, 16:50 Uhr

Die Piccards - eine Pionierdynastie

Bertrand Piccard ist der jüngste Spross einer Westschweizer Pionierdynastie. 1999 umkreiste er gemeinsam mit dem Engländer Brian Jones als erster Mensch die Welt in einem Ballon. Sein neuster Traum nimmt derzeit in den Hangars von Dübendorf Form an.

Der Flugplatz spielte bereits für den Grossvater des Lausanner Psychiaters eine bedeutende Rolle. August Piccard stieg 1932 von dort aus als erster Mensch mit einem Gasballon in die Stratosphäre auf.

Auguste Piccard wurde am 28. Januar 1884 in Lutry (VD) geboren und verstarb am 24. März 1962 in Lausanne. Er war nicht nur der erste Mensch, der in einem Ballon in die Stratosphäre stieg. Es zog ihn auch in die Tiefe: Er tauchte im Tiefseetauchboot Bathyscaph nach einem weiteren Weltrekord. Es kursiert das Gerücht, das Auguste Piccard den belgischen Comicautor Hergé inspirierte. Danach soll er die Figur des Professor Bienleins in den Geschichten von Tim und Struppi nach dem Vorbild des Schweizer Physikers geschaffen haben.

Die Familie Piccard schreibt schon seit drei Generationen Weltrekordgeschichte: Jacques Piccard, der Vater von Bertrand, überbot seinen Vater und tauchte 1960 in den Marianengraben. Kein Mensch tauchte bisher tiefer als die von Jacques Piccard erreichten 10 914 Meter. Der Tiefseeforscher ist 2008 im Alter von 86 Jahren gestorben. (pia)

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