Wie Sonderschüler produziert werden

Die Zürcher Volksschule hat untersucht, warum es heute doppelt so viele Sonderschüler gibt wie vor wenigen Jahren. Erstmals liegen nun genaue Daten vor. Sie zeigen Überraschendes.

Gemeinden mit hoher Sonderschulquote schauen nun schon bei den ganz Kleinen hin, um Problemfälle zu verhindern: Garderobe in einem Kindergarten.

Gemeinden mit hoher Sonderschulquote schauen nun schon bei den ganz Kleinen hin, um Problemfälle zu verhindern: Garderobe in einem Kindergarten. Bild: Georgios Kefalas/Keystone

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Am Anfang war der Schock. Die Zahl der Sonderschüler im Kanton Zürich stieg so rasant, als grassiere ein Fieber unter den Kindern. Waren es zur Jahrtausendwende noch 2300 gewesen, bevölkerten zuletzt fast 5000 Mädchen und Buben die Zürcher Schulbänke, die angeblich schwer verhaltensauffällig oder behindert waren.

Die Bildungspolitiker im Kantonsrat standen vor einem Rätsel. Und sie sorgten sich um die Finanzen, denn die Kosten waren ähnlich stark gestiegen, auf zuletzt 380 Millionen Franken pro Jahr. Das Volksschulamt kündete an, der Sache auf den Grund zu gehen. Man werde die Situation mit jenen Gemeinden, die auffällig viele Sonderschüler haben, analysieren und Gegenmassnahmen erarbeiten.

Arme wie reiche Gemeinden betroffen

Das war vor zwei Jahren. Seither hat sich der Nebel gelichtet. Die erste Erkenntnis der Untersuchung des Volksschulamts: 75 Zürcher Schulgemeinden – also über ein Drittel – haben eine Sonderschülerquote von mehr als 3,5 Prozent. Zum Teil liegt die Quote fast doppelt so hoch. Dabei ist dieser Grenzwert, den das Volksschulamt definiert hat, noch nicht einmal besonders streng. Vor fünf Jahren lag die kantonale Durchschnittsquote noch bei 2,5 Prozent.

Die zweite Erkenntnis: Es gibt kein einfaches Erklärungsmuster, weshalb die Zahl der Sonderschüler hier ins Kraut schiesst und dort nicht. Vor allem besteht wider Erwarten kein starker Zusammenhang mit der sozialen Zusammensetzung einer Gemeinde. Wo viele Ausländer und viele Sozialhilfeempfänger leben, hat es nicht automatisch mehr Sonderschüler. Die umgekehrte These funktioniert genauso wenig: Auch in finanzstarken Gemeinden, wo die Eltern mehr Wert auf eine intensive Betreuung ihrer Kinder legen, liegen die Quoten weit auseinander.

Das sind die Quotentreiber

Die Gemeinden sind im Kanton Zürich selbst dafür verantwortlich, Kinder der Sonderschulung zuzuweisen. Es gibt mehrere Quotentreiber, die alle für sich geltend machen könnten. Urs Meier, stellvertretender Chef des Volksschulamts, erwähnt zum Beispiel die gesellschaftliche Tendenz, Unterstützungsangebote intensiver zu nutzen. Oder die Tatsache, dass niederschwellige Fördermassnahmen im Kanton Zürich limitiert sind, während das Angebot in der Sonderschule kaum begrenzt ist. Das hat dazu geführt, dass Kinder in Grenzfällen eher mit sonderschulischen Massnahmen bedacht werden. Und dann sei auch die Hemmschwelle bei Lehrkräften und Eltern gesunken, seit es möglich sei, Sonderschüler in die Regelklasse zu integrieren. Die Zahl der integrierten Sonderschüler ist innert weniger Jahre von 500 auf über 2000 gestiegen.

Diese Quotentreiber wirken aber von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich stark und in manchen fast gar nicht. Ein wichtiger Grund ist laut Meier, dass die Abklärungsverfahren variieren. Das gleiche Kind wird am einen Ort zum Sonderschüler erklärt und am anderen nicht. Dieses Manko sollte bald behoben sein: Das Volksschulamt führt derzeit einheitliche Verfahren ein.

Ein anderer Grund für die Unterschiede sind die verschiedenen Kulturen, die in den Schulhäusern herrschen. Entscheidend ist die Frage, wie ausgeprägt der Wille ist, möglichst viele Kinder in der Regelklasse zu behalten – insbesondere seitens der Schulleitung. Wo die Lehrkräfte kaum Hilfe von Heilpädagogen in Anspruch nehmen, um sich über Problemfälle auszutauschen und Lösungen zu suchen, steigt die Quote tendenziell. Wer Probleme aussitzt, verschärft sie und produziert am Ende Sonderschüler.

Die Kehrseite des Integrationserfolgs

Es gibt aber auch anders gelagerte Fälle. Die Gemeinde Wald im Zürcher Oberland etwa war laut Schulpflegepräsident Fredi Murbach eine der ersten, die stark auf Integration in die Regelklasse setzte. «Wir wollten, dass Walder Kinder in Wald zur Schule gehen können, und wir hatten Erfolg damit.» Dennoch geriet die Gemeinde nun mit einer Quote von 3,6 Prozent in den Fokus des Volksschulamts.

Überrascht hat dies Murbach nicht. Die Schulpflege habe selbst gemerkt, dass sie immer mehr Anträge auf Sonderschulmassnahmen behandeln musste. Murbach sagt, dies sei die Kehrseite der Medaille: Weil die Lehrerinnen und Lehrer aufgrund der besonderen Kultur in Wald ein Augenmerk darauf hatten, mögliche Sonderschüler individuell zu fördern, gerieten auch mehr Fälle zur Abklärung. «Das ist keine Fehlentwicklung – aber unter dem Gesichtspunkt der Finanzen sieht es natürlich anders aus.»

Etwa die Hälfte jener 75 Zürcher Gemeinden, die mit ihrer Quote über dem Grenzwert lagen, hat auf die Warnung des Volksschulamts reagiert. Sie haben eingewilligt, zusammen mit den kantonalen Fachleuten Gegenmassnahmen zu ergreifen.

So packt die Gemeinde Wald das Problem an

In Wald unternimmt man laut Murbach einen Effort im vorschulischen Bereich, um Probleme möglichst früh zu erkennen. So sind künftig zum Schulbegrüssungstag auch die Eltern von 3-Jährigen eingeladen, zusammen mit den Vertretern von Krippen, Tagesfamilien und Spielgruppen. Dort sagt man ihnen etwa, wie wichtig es für die Entwicklung der Kinder ist, dass sie draussen mit anderen spielen statt nur drinnen vor dem Computer.

Eine andere Massnahme: Die Schule stellt interne Fachteams auf, die den Lehrern in schwierigen Situationen helfen. Sie sollen bunt zusammengewürfelte Klassen führen können, ohne Problemfälle zu Sonderschülern machen zu müssen. Zudem sollen die Regelklassen gestärkt werden mit eingespielten Lehrertandems statt einer Vielzahl verschiedener Sonderpädagogen.

Eine dritte Massnahme: Die Deutschkurse für Migranten drehen sich in Wald neuerdings um Schulthemen, damit die Eltern frühzeitig lernen, was zum Beispiel ein Zeugnis für eine Bedeutung hat.

Fallpauschalen wie im Spital?

Solche Massnahmen haben laut Urs Meier vom Volksschulamt dazu geführt, dass die Zahl der Sonderschüler nun erstmals seit Jahren wieder leicht sinkt. Insbesondere, was die teureren separierten Lösungen angeht. Damit der Trend anhält, sind beim Volksschulamt weitere Neuheiten in Arbeit. Zum Beispiel eine Planung der Sonderschulplätze, damit der Bedarf das Angebot steuert und nicht umgekehrt. Eine andere Idee ist, den Sonderschulen eine Pauschale zu bezahlen für jedes Kind, ähnlich wie den Spitälern. Das soll verhindern, dass die Fallkosten in den Himmel schiessen.

Erstellt: 27.11.2014, 11:57 Uhr

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