Wie Sozialfirmen auf ihre Kosten kommen

135 Franken pro Stunde – das berechnet die Firma Solidhelp für die Betreuung einer Problemfamilie in der Gemeinde Hagenbuch. Laut dem Geschäftsleiter geht es nicht günstiger.

Sechs Stunden professionelle Unterstützung sind hier Tag für Tag nötig: Schuhe im Treppenhaus vor der Wohnung der Familie. Foto: Giorgia Müller

Sechs Stunden professionelle Unterstützung sind hier Tag für Tag nötig: Schuhe im Treppenhaus vor der Wohnung der Familie. Foto: Giorgia Müller

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Der Fall der Problemfamilie von Hagenbuch wirft ein Schlaglicht auf die Sozialbetreuungsfirmen, die sich im Auftrag des Staates um solche Menschen kümmern. Die Tarife, die sie für diese Arbeit verrechnen, lösen unter den Bewohnern der Gemeinde Unverständnis aus: 135 Franken pro Stunde, abends und am Wochenende sogar 145 Franken – das erscheint manchen mit Blick auf ihr eigenes Einkommen unverschämt viel.

Die Sozialarbeiter stehen Tag für Tag während durchschnittlich sechs Stunden im Einsatz, um der Familie unter anderem beim Einkaufen, Kochen und Putzen zu helfen. So häufen sich Kosten von monatlich 20'000 Franken an. Aufkommen dafür müssen die Steuerzahler.

Andere arbeiten günstiger

Mit einem Ansatz von 135 Franken pro Stunde liegt die in Hagenbuch zuständige Firma Solidhelp am oberen Rand dessen, was für diese Arbeit üblich ist. Das sagt Ruedi Winet von der Zürcher Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb), die solche Familienbegleitungen jeweils anordnet. In der Regel liege der Ansatz bei etwa 115 Franken. Die Rötel-Sozialpädagogik, eine Institution, die wie Solidhelp Familienbegleitungen anbietet, verrechnet dafür 120 Franken.

Andere arbeiten also bis zu 15 Prozent günstiger, was nicht zuletzt von der Grösse des Unternehmens abhängt. Solidhelp-Geschäftsleiter Christoph Bänziger beteuert, seine Firma habe ursprünglich auch versucht, mit einem 120-Franken-Ansatz über die Runden zu kommen. Dabei habe sie aber rote Zahlen geschrieben. Inzwischen sei die Bilanz ausgeglichen. Gewinnorientiert ist das Unternehmen nicht.

Die Kesb in den Bezirken entscheiden laut Winet selbst, wem sie einen Auftrag erteilt und ob der dafür verlangte Tarif akzeptabel ist. Den Antrag stellen die Kinder- und Jugendhilfezentren.

Stundenlohn der Sozialarbeiter ist tiefer

Bänziger ist überzeugt, dass das Geld für Familienbegleitungen sinnvoll investiert ist. «Damit kann man oft grössere Schäden abwenden – auch zugunsten der Steuerzahler», sagt der Solidhelp-Chef. Ein professioneller Betreuer investiere auch Zeit, um seine Arbeit vor- und nachzubereiten und sich mit anderen Fachleuten abzusprechen.

All das ist laut Bänziger im Tarif von Solidhelp enthalten. Hinzu kommen die Kosten für die Infrastruktur des Unternehmens, für Sekretariat und Management. Der 135-Franken-Ansatz ist also nicht zu verwechseln mit dem Stundenlohn eines Sozialarbeiters. Dieser beträgt bei Solidhelp je nach Ausbildung und Dienstalter zwischen 37 und 60 Franken brutto.

Hagenbuch ist ein Ausnahmefall

Fälle mit einem derart grossen Betreuungsaufwand wie in Hagenbuch sind laut Behörden und Sozialbetreuungsfirmen die absolute Ausnahme. In der Regel genüge es, wenn ein Sozialarbeiter sich ein- bis dreimal pro Woche während drei, vier Stunden um eine Familie kümmere. Der Aufwand wäre demnach in einem durchschnittlichen Fall etwa sechsmal geringer.

Bänziger wehrt sich gegen den Verdacht, seine Firma verrechne aus Eigeninteresse mehr Arbeitsstunden, als tatsächlich nötig wären. Das sei gar nicht möglich, denn die Zahl der Arbeitsstunden sei exakt vorgegeben im Auftrag, den die Kinder- und Jugendhilfezentren zusammen mit den Kesb ausstellen. «Wir erfinden nicht eine einzige Stunde selbst», sagt er. Winet bestätigt dies.

«Wir ziehen Aufträge nicht in die Länge»

Laut Bänziger kann eine Sozialbetreuungsfirma einen Auftrag auch nicht unnötig in die Länge ziehen. In der Regel beurteile der Auftraggeber schon nach drei Monaten, ob eine Familienbegleitung die erwünschte Wirkung erzielt habe. Sei dies nicht der Fall, werde sie entweder beendet oder durch eine andere Massnahme ersetzt. «Wir schliessen ebenso viele alte Fälle ab, wie wir neue annehmen», sagt er.

Erstellt: 16.09.2014, 17:42 Uhr

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