Wie Zürich sich auf die Syrer vorbereitet

Wegen der vielen Flüchtlinge in Italien rechnet der Bund mit einem klaren Anstieg der Asylgesuche. Zürich glaubt, besser dafür vorgesorgt zu haben als andere Kantone.


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Lampedusa liegt näher am Zürichsee, als der Blick auf die Landkarte glauben macht. Zumindest was jene Flüchtlingswelle angeht, die an der EU-Aussengrenze zurzeit gegen die Küste rollt. Die Menschen kommen seit Wochen in ungewöhnlich grosser Zahl übers Meer nach Italien, vor allem aus Eritrea, aber auch aus dem vom Krieg zerrissenen Syrien. Über 60'000 waren es seit Anfang Jahr, der Grossteil davon in den letzten zwei Monaten. Beim Bundesamt für Migration (BFM) rechnet man damit, dass es in diesem Takt weitergeht.

Bis zu zehn Prozent all dieser Migrantinnen und Migranten gelangen nach den Erfahrungen von BFM-Direktor Mario Gattiker früher oder später in die Schweiz. Die Zahl der Neuankömmlinge in den Empfangszentren des Bundes hat sich in den letzten Wochen bereits verdoppelt.

In Zürich macht sich das in dieser frühen Phase vor allem im Bundesasylzentrum in Altstetten bemerkbar, wo die Schnellverfahren bereits laufen. Weil die Asylsuchenden aus Eritrea und Syrien aber nicht zu jenen chancenlosen Kandidaten gehören, deren Hoffnungen in Altstetten oder in einem der Empfangszentren früh zerbrechen, muss sich der Kanton Zürich darauf einstellen, viele von ihnen länger zu beherbergen als bloss ein paar Wochen oder Monate. Etwa jeder sechste Asylbewerber, der nicht gleich wieder ausgewiesen wird, soll gemäss dem Zuteilungsschlüssel hier ein Dach über dem Kopf erhalten.

Andernorts sind die Unterkünfte überbelegt

Bei der kantonalen Sicherheitsdirektion ist man überzeugt, gewappnet zu sein für die neue Situation. «Die Zürcher Asylinfrastruktur verkraftet solche Schwankungen», sagt Mediensprecher Urs Grob. Will heissen: Es braucht hier nicht plötzlich zusätzliche Unterkünfte, wie das andernorts der Fall ist.

Der Kanton Zürich hat laut Grob langfristig geplant und genug Wohnraum für die Asylbewerber bereitgestellt – auch dank dem «unermüdlichen Einsatz» der Gemeinden. Dies im augenfälligen Unterschied zu Nachbarkantonen wie dem Aargau oder dem Thurgau, wo die Unterkünfte gemäss einem Beitrag von «10 vor 10» zum Teil jetzt schon überbelegt sind.

Anstieg um mehrere Hundert bis Ende Jahr

Wären alle Asylunterkünfte im Kanton Zürich bis auf die letzte Matratze belegt, fänden derzeit etwa 8800 Menschen Platz. In den vergangenen Monaten lebten hier aber immer nur um die 7500 Asylbewerber, nachdem diese Zahl in den letzten zwei Jahren kontinuierlich gesunken war. Auch wenn solche Zahlen mit Vorsicht zu geniessen sind, scheint die Lage relativ komfortabel. Zum Vergleich: Ende der Neunzigerjahre, zur Zeit des Kosovo-Konflikts, lebten über 20'000 Asylbewerber im Kanton Zürich.

Die Sicherheitsdirektion will keine Prognose wagen, auf welches Niveau die Zahl diesmal steigen könnte. Eine Schätzung des BFM legt aber nahe, dass bis Ende Jahr höchstens ein paar Hundert zusätzliche Asylbewerber in die Zürcher Unterkünfte einziehen. Beim Bund rechnet man nämlich für 2014 mit landesweit 24'000 neuen Asylgesuchen; das wäre eine Zunahme gegenüber dem Vorjahr um rund 10 Prozent.

Unter dem Strich könnte die Zahl der Asylbewerber im Kanton Zürich sogar relativ stabil bleiben, dies aufgrund eines Kompromisses, den Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) unlängst mit den anderen Kantonen ausgehandelt hat. Zürich muss demnach 400 bis 800 Asylbewerber weniger aufnehmen als bisher, weil der Kanton mit dem Bundesasylzentrum und den Ausschaffungsflügen ab Kloten Sonderleistungen fürs ganze Land erbringt. Dieser Effekt könnte die Zunahme weitgehend kompensieren.

Syrer haben gute Chancen auf Erfolg

Spezifische Betreuungs- und Integrationsangebote für die Syrer, diese relativ neue Klientel, braucht es nach Auskunft der Asylbetreuungsorganisationen AOZ und ORS nicht. Laut Thomas Schmutz, Mediensprecher der AOZ, haben sie gute Voraussetzungen, sich zu integrieren. Dies, weil viele von ihnen relativ schnell als Flüchtlinge anerkannt oder zumindest vorläufig aufgenommen werden und daher eine klare Perspektive haben in der Schweiz.

Wie gross die Chancen der Syrer sind, ausserhalb des Asylbetriebs Einkommen und Unterkunft zu finden, lässt sich laut Roman Della Rossa, Mediensprecher der ORS, erst in ein paar Monaten abschätzen. Der Kanton Zürich agiert allerdings sehr zurückhaltend, was die frühzeitige Integration von Asylbewerbern in den Arbeitsmarkt betrifft: Solange ein Asylantrag noch hängig ist, arbeitet hier nur einer von fünfzig. In anderen Kantonen ist dieser Anteil um ein Vielfaches höher.

Warum es trotzdem eng werden könnte

Paradoxerweise könnten ausgerechnet die guten Perspektiven jener Asylbewerber, die derzeit kommen, ein altbekanntes Problem mittelfristig wieder verschärfen. Dann nämlich, wenn sie als Flüchtlinge anerkannt werden, aber keine Arbeit finden und deshalb in ihren Asylunterkünften wohnen bleiben. Als anerkannte Flüchtlinge zählen sie nicht mehr zum Kontingent an Asylbewerbern, das jede Zürcher Gemeinde aufnehmen muss. Die Konsequenz: Die Gemeinden müssen für die nachrückenden Asylbewerber wieder neue Wohnungen suchen – und das ist gerade an begehrten Wohnlagen oft schwierig. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.07.2014, 13:15 Uhr

Bis zu zehn Prozent aller Flüchtlinge in Italien kommen in die Schweiz: Syrer in einem Auffanglager auf Lampedusa. (Bild: Keystone Luca Bruno)

Hier macht sich die neue Situation als Erstes bemerkbar: Asylbewerber im Testzentrum des Bundes in Altstetten. Bild: Reto Oeschger

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