Wie gross soll eine Klasse sein?

Eine EVP-Initiative fordert eine maximale Klassengrösse von 20 Schülern. Ein Gegenvorschlag will das verhindern, sieht aber 100 Stellen für Härtefälle vor. Die Meinungen dazu sind geteilt – auch in der Lehrerschaft.

Hier herrscht Ordnung: Kinder einer Primarklasse in Liestal BL, aufgenommen im Jahr 1941. Foto: Theodor Strübin (Keystone)

Hier herrscht Ordnung: Kinder einer Primarklasse in Liestal BL, aufgenommen im Jahr 1941. Foto: Theodor Strübin (Keystone)

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Matthias Hauser
SVP-Kantonsrat und Sekundarlehrer


Nein

Klassengrösseninitiative


Nein

Gegenvorschlag


«Ein mir bekannter Sekundarlehrer unterrichtet eine Klasse mit 30 Kindern. Er arbeitet enorm viel, führt mehr Elterngespräche als nötig, bereitet sich stets gewissenhaft vor. Die Schülerinnen und Schüler erleben guten Unterricht. Lehrer aus Berufung! Er hätte mehr Lohn verdient. Aber wir stimmen nicht darüber ab, sondern über die Klassengrösse. Als dieser Lehrer 24 Jugendliche unterrichtete, arbeitete er fast genauso viel.

Eine Kollegin hatte vor einigen Jahren 15 Kinder der Sek B und C gemeinsam zu unterrichten, darunter einige mit sonderpädagogischen Massnahmen, verschiedene Nationalitäten. Sie arbeitete ebenfalls Tag und Nacht, war nach wenigen Monaten am Ende ihrer Kräfte, krankgeschrieben, in Weiterbildung und Kur. Sie unterrichtet heute in einem anderen Kanton.

Mit der Klassengrösseninitiative ist der erste Fall nicht mehr möglich, der zweite schon. Das zeigt: Die Begrenzung der Klassengrösse schiesst am Problem vorbei. Stressfaktoren im Schulalltag sind andere: grosse Leistungsunterschiede in Klassen, Jugendliche, die unmotiviert sind und sich unerzogen benehmen, Elterngespräche, die nicht fruchten, Schulleitungen und Behörden, die nicht am gleichen Strick ziehen. Oder wenn man vergisst, dass Erziehung manchmal Sisyphusarbeit bedeutet und vielleicht erst Jahre später dem Erzogenen das Licht aufgeht. Deshalb sind die Persönlichkeit der Lehrpersonen sowie die Schulorganisation und Schulführung viel entscheidender für Schulqualität als die Klassengrösse. Manchmal wird eine Klasse absichtlich gross gebildet, damit an der gleichen Schule pädagogisch «schwierigere» Jugendliche in einer kleineren Klasse geführt werden können. Solchen Ausgleich verunmöglicht die Initiative. Für sie und den Gegenvorschlag gilt: Preis hoch, Wirkung gering.»



Christoph Ziegler
GLP-Kantonsrat und Sekundarlehrer


Nein

Klassengrösseninitiative


Ja

Gegenvorschlag


«Die Klassengrösseninitiative verursacht jährliche Mehrkosten von rund 120 Millionen Franken. Diese Ausgaben können wir uns nicht leisten. Die starre Obergrenze von maximal 20 Schülerinnen und Schülern ist auch abzulehnen, weil die Ressourcen nach dem Giesskannenprinzip verteilt werden und nicht dort geholfen wird, wo es wirklich nötig ist. Je nach Zusammensetzung ist nämlich auch eine kleine Klasse manchmal schwierig zu führen. Meine schwierigste Klasse in 25 Berufsjahren zählte 18 Schüler. Dort hätte ich Hilfe nötig gehabt!

Es ist unbestritten, dass es für einzelne Klassen Massnahmen braucht. Vor allem die teils problematische Integration aller Kinder in die Regelklassen, neue Lehrformen und der wachsende Ansprüche von Eltern und Schülern auf individuelle Betreuung benötigen Ressourcen. Deshalb unterstütze ich den Gegenvorschlag. Damit kann gezielt geholfen werden. Etwa 100 zusätzliche Stellen kommen in einen schon bestehenden Pool. Bei schwierigen Klassenzusammensetzungen, Personalproblemen oder einer zwischenzeitlichen Erhöhung der Schülerzahl können zusätzliche Ressourcen beantragt werden.

Als Lehrer konnte ich mich von der unbürokratischen Hilfe aus dem Pool überzeugen. Wir mussten in unserer Gemeinde kurz vor Schuljahresbeginn eine Klasse wegen Wegzügen schliessen, konnten aber dank zusätzlichen Stellenprozenten in diversen Stunden die so entstandenen grossen Klassen dort teilen, wo es sinnvoll ist. Der Gegenvorschlag ist vernünftig, und die Investition von gut 10 Millionen Franken ist vertretbar. Sie kommt unseren Kindern zugute. Ich bin überzeugt, dass sich dieser Mitteleinsatz für die Volksschule lohnt. Stimmen Sie Ja für den Gegenvorschlag des Kantonsrats!»



Ruth Kleiber
Ehemalige EVP-Kantonsrätin und Lehrerin


Ja

Klassengrösseninitiative


Ja

Gegenvorschlag


«Einerseits staune ich immer wieder über prächtige Schulneubauten sowie über aufwendige Schulprojekte wie etwa den Lehrplan 21. Anderseits bin ich erfreut, dass die Stimmbürger und die Fachleute bereit sind, viel Geld in die Schule zu investieren. Die Volksinitiative für kleinere Klassen will für die Schülerinnen und Schüler und für Lehrerpersonen bessere Rahmenbedingungen. Das ist nicht zum Nulltarif zu haben. Ab 21 Schüler sollen laut Abstimmungstext Entlastungsmassnahmen geprüft und sicher nicht gleich ganze Klassen geteilt werden. Dies kostet nicht 120 Millionen Franken, wie die Gegner sagen. Es geht bei dieser Initiative um die heute zu grossen Klassen.

Von der Lehrperson wird immer mehr erwartet. Immer mehr zeitintensive Aufgaben kommen dazu. Als Handarbeitslehrerin habe ich mit vielen Lehrpersonen zusammengearbeitet. Die Lehrerinnen und Lehrer engagieren sich, um jedes Kind individuell zu fördern, jedes Kind zu integrieren, Reformen umzusetzen und erst noch an Projekten zu arbeiten. Doch die Lehrperson kann an ihre Grenzen kommen: Sitzen verhaltensauffällige Schüler in der Klasse, ist dies in einer grossen Klasse kaum mehr tragbar, auch nicht für die grosse Mehrheit der Schüler, die arbeiten will.

Mit kleineren Klassen soll ein markanter Baustein gesetzt werden. Die Anpassung der Klassengrösse wird direkt im Klassenzimmer zu spüren sein. Sie kommt der kleinsten Schulgemeinschaft zugute, den Kindern und Jugendlichen, den Lehrpersonen und den Eltern, und zwar für alle elf obligatorischen Schuljahre. Der Gegenvorschlag ist ein magerer Kompromiss. Er ist jedoch immer noch besser als nichts. Darum bin ich für ein doppeltes Ja und werde bei der Stichfrage die Initiative ankreuzen.»

Erstellt: 17.11.2014, 20:30 Uhr

Infobox

Klassengrössen-Initiative

Die Klassengrössen-Initiative der EVP will eine generelle maximale Klassengrösse von 20 einführen, und zwar vom Kindergarten bis zur Sekundarschule. Dies würde Kosten von 120 Millionen Franken verursachen. Die EVP will so hauptsächlich die Lehrer entlasten.

Gegenvorschlag: Verringerung der durchschnittlichen Klassengrösse

Der Kantonsrat schlägt als Gegenvorschlag zur Klassengrössen-Initiative vor, 100 Stellen zu schaffen. Mit ihnen sollen gezielt jene Lehrpersonen entlastet werden, die besonders grosse oder schwierige Klassen haben. Geschätzte Mehrkosten: 15 Millionen Franken.

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