Wie man mit Rückenschmerzen Geld machen kann

Das See-Spital trennt sich vom Leiter der Schmerzklinik. Der steht im Verdacht, falsch abgerechnet zu haben.

Rückenschmerzen zehren an der Substanz – und können ganz schön ins Geld gehen.<br />Symboldbild: PD

Rückenschmerzen zehren an der Substanz – und können ganz schön ins Geld gehen.
Symboldbild: PD

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Neurochirurg D. und das See-Spital in Horgen haben vereinbart, dass D. das Spital per 30. September verlässt. Das sagte Spitaldirektor Matthias Pfammatter dem TA, als dieser ihn mit kritischen Fragen zur Tätigkeit von D. konfrontierte. Der Neurochirurg ist seit 2005 am Spital als Leiter der Schmerzklinik angestellt und geniesst eine Sonderstellung: Er hat einen Spezialvertrag und arbeitet als Arzt allein in seiner Klinik. Diese Position nutzte er offenbar aus, um mit den leidenden Patienten über Gebühr Umsatz zu machen, wie die «Weltwoche» in mehreren Artikeln berichtete.

Die Spezialität von D. ist die Ozontherapie. Ozonspritzen in den Rücken sollen die Schmerzen von Bandscheiben­patienten lindern; die Wirksamkeit ist allerdings wissenschaftlich nicht nachgewiesen, weshalb die Behandlung von den Krankenkassen nicht bezahlt wird. Die «Weltwoche» schilderte den Fall eines Patienten, der fast dreissig Ozonspritzen von D. bekam, obwohl diese überhaupt nicht halfen. Auf der Abrechnung für die Krankenkasse – gegen 10'000 Franken – stand dann nichts von Ozon, sondern von Naropin, einem Betäubungsmittel. Laut dem Spital hat D. dem Patienten mit dessen Einverständnis das Mittel in die Nervenwurzeln infiltriert, die Rechnung sei korrekt. Der Patient hingegen beteuert, von einer Therapie mit Naropin nichts gewusst zu haben. Welche Behandlung er tatsächlich erhalten hat, bleibt offen. Denn der Arzt hat sie nicht dokumentiert – ein klarer Fehler, wie auch die Spitalleitung zugibt.

Auffällig viele Implantate

In einem zweiten Artikel wird dem Neurochirurgen vorgeworfen, einem Patienten einen Neurostimulator eingesetzt zu haben, obwohl diese Behandlung aus medizinischer Sicht nicht angezeigt gewesen sei. Überhaupt implantiere D. das kleine, rund 35'000 Franken teure Gerät auffällig häufig. Der Neurostimulator überträgt elektrische Impulse ins Rückenmark und überdeckt so Schmerzsignale im Nervensystem. Beim erwähnten Patienten half er nichts und wurde schliesslich wieder herausoperiert.

Das See-Spital weist mit Ausnahme der fehlenden Dokumentation alle Vorwürfe zurück. «D. hat keine Leistungen abgerechnet, die er nicht erbracht hat oder die nicht erlaubt wären», sagt Mat­thias Pfammatter, der die Spitalführung 2014 vom langjährigen Direktor Markus Gautschi übernommen hatte. Was vorher war, wisse er nicht. Noch im Amt ist der ebenfalls langjährige Stiftungsratspräsident des See-Spitals, Walter Bosshard. Er konnte aber krankheitsbedingt zum Fall D. nicht befragt werden.

Spital verweigert Transparenz

Was Schmerzarzt D. am See-Spital in den letzten Jahren alles gemacht hat, lässt sich nicht überprüfen. Direktor Pfammatter verweigert Angaben sowohl zu den Operationszahlen als auch zum Umsatz, den D. erzielt hat. Ebenfalls ein Geheimnis ist, welchen Anteil der Einnahmen der Arzt erhielt und was in die Betriebsrechnung des Spitals floss.

Es gibt aber ein starkes Indiz dafür, dass nicht alles mit rechten Dingen zu und her ging: Laut TA-Recherchen hat eine grosse Krankenkasse die Rechnungen des Neurochirurgen unter die Lupe genommen und wird jetzt deswegen beim See-Spital vorstellig. Gut möglich, dass das Spital danach Geld an die Kasse zurückzahlen muss.

Es wäre nicht das erste Mal, dass D. mit Rückzahlungsforderungen konfrontiert würde. Vor einigen Jahren verklagte ihn eine Inkassofirma zur Zahlung von rund 650'000 Franken und bekam vom Kantonsgericht Zug recht. D. musste schliesslich inklusive Zinsen, Verfahrenskosten und Prozessentschädigungen rund 900'000 Franken zahlen. Das Gericht stellte in seinem Urteil fest, D. habe seine Pflichten gegenüber seiner früheren Firma, einer Schmerzklinik in Adliswil, verletzt.

Eine grosse Kasse hat die Rechnungen des Schmerzarztes unter die Lupe genommen. Gut möglich, dass das Spital Geld zurückzahlen muss.

Diese Schmerzklinik steht am Anfang einer Geschichte, die für einen andern Arzt zur Odyssee werden sollte. Der Chirurg P., seit den 90er-Jahren am Spital Sanitas als Belegarzt tätig, liess sich 2003 auf ein Geschäft mit D. ein. Zusammen eröffneten sie in einer Liegenschaft in Adliswil eine Schmerzklinik. Der Schweizer P. beschaffte den nötigen Bankkredit und stellte auch seine Kassen-Abrechnungsnummer zur Verfügung. Ohne diese hätte D., der damals aus Deutschland in die Schweiz kam, hier gar nicht frei praktizieren dürfen. Schon bald merkte P., dass etwas falsch lief. Sein Partner holte eine dritte Person in den Verwaltungsrat der Firma, einen Ökonomen, dem er bald grosse Summen als Managementhonorar überwies. Beide machten auch sehr grosszügig Spesen auf Kosten der Schmerzklinik. P.: «Der eine gönnte sich einen Ferrari, der andere einen Mercedes der Superklasse.» Dazu teure Luxusuhren und Essen in den besten Restaurants von Zürich, wo eine Flasche Wein mehrere Hundert Franken kostet.

P. hat dies alles dokumentiert. Er sei blauäugig gewesen, sagt er heute. Die beiden andern warfen ihn dann aus der Firma, und wenig später ging die Schmerzklinik in Konkurs. Das hinderte D. nicht daran, sich einen Monat nach Einstellung des Betriebes noch einen Bonus von einer halben Million auszuzahlen. Geld, das er später auf Geheiss des Gerichtes an die Inkassofirma zurückzahlen musste, neben weiteren Beträgen.

Zuerst lief es für D. aber bestens weiter. Von Adliswil dislozierte er nach Horgen. Das Zimmerbergspital nahm ihn auf, und so konnte er unter dessen Dach seine Tätigkeit ungestört fortsetzen.

Konflikt zwischen Ärzten

2011 holte ihn die Vergangenheit ein. Das Kantonsgericht Zug fällte sein Urteil. Und das Spital Zimmerberg fusionierte mit dem Sanitas-Spital. Plötzlich arbeiteten D. und P. wieder im gleichen Unternehmen. P. machte die Spitalleitung auf die unrühmliche Vergangenheit von D. aufmerksam. Und prallte mit seinen Einwänden ab. Der Konflikt begann zu schwelen. Das Ärztekollegium im Sanitas unterstützte P., was der Spitalleitung jedoch keinen Eindruck machte. Im Gegenteil. Sie versuchte (so die Darstellung von P.), den Störenfried loszuwerden. Und sie fand einen Grund: P. hatte mehreren Patienten persönlich eine Zusatzrechnung ausgestellt für eine Operation. Das verstösst gegen das Reglement des See-Spitals, das alle Rechnungen zentral ausstellen will.

P. gibt den Fehler zu, betont aber, nichts Illegales getan zu haben. Als Beleg­arzt dürfe er mit einem Patienten ein Honorar vereinbaren. P. empfindet seinen Rauswurf aus dem See-Spital als Rache der Spitaldirektion, weil er sich geweigert habe, ein Stillschweigeabkommen zu unterzeichnen.

Und warum trennt sich das Spital nun doch von Schmerzarzt D., den es bisher immer verteidigt hat? «Die Medienberichte haben für Verunsicherung gesorgt», sagt Pfammatter. Mit andern Worten: D. wurde zum Imageproblem für das Spital. Der Arzt selber hat auf die Fragen des TA nicht reagiert.

Erstellt: 01.07.2015, 22:08 Uhr

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