Winterthurer Jihadistin angeklagt

Eine 30-jährige Winterthurerin wollte sich dem IS anschliessen, wurde aber noch rechtzeitig gestoppt. Nun muss sie sich vor dem Bundesstrafgericht verantworten.

Die Konvertitin und Tochter eines ehemaligen Winterthurer CVP-Politikers muss sich vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona verantworten. Bild: Keystone

Die Konvertitin und Tochter eines ehemaligen Winterthurer CVP-Politikers muss sich vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona verantworten. Bild: Keystone

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Für eine mutmassliche Jihad-Reisende ist Franziska S. ziemlich untypisch. Die 30-jährige Konvertitin und Tochter eines ehemaligen Winterthurer CVP-Politikers spricht mehrere Sprachen und hat Betriebswirtschaftslehre studiert. Nun wird sie sich vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona verantworten müssen, weil sie nach Syrien reisen wollte, um sich der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) anzuschliessen.

Franziska S. lebte mit ihrem ägyptischen Mann in Ägypten und radikalisierte sich dort offenbar zusehends. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion entführte sie Ende 2015 den damals vierjährigen Sohn und fuhr mithilfe von Schleppern illegal übers Mittelmeer nach Griechenland. Der Vater hatte allerdings rechtzeitig die Polizei alarmiert, und so wurde Franziska S. noch in Griechenland verhaftet und anschliessend in die Schweiz geschickt. Den gemeinsamen Sohn durfte der Vater wieder zu sich nach Ägypten nehmen. Was Franziska S. im Detail vorgeworfen wird, schreibt die Bundesanwaltschaft nicht in ihrer Medienmitteilung.

Parallelen zum Fall Ahmed J.

Der Fall von Franziska S. dürfte allerdings ähnlich gelagert sein wie jener des Winterthurer Möchtegern-Jihadisten Ahmed J., der inzwischen rechtskräftig wegen Unterstützung des IS verurteilt ist. Dies war der Präzedenzfall, der es ermöglicht, künftige Jihad-Reisende, die es nicht bis ins Kriegsgebiet schaffen, zur Rechenschaft zu ziehen. Allerdings wurde Ahmed J. mit 18 Monaten Gefängnis bedingt auffällig mild bestraft, verglichen mit dem Badener IS-Helfer ­Wesam A., der für das Einrichten eines Facebook-Kontos mit IS-Propaganda dreieinhalb Jahre ohne Bewährung erhielt. Welche Strafe die Bundesanwaltschaft bei Franziska S. fordert, will sie erst an der Hauptverhandlung in Bellinzona bekannt geben.

Eine Beschwerde gegen das Urteil im Fall Ahmed J. wies das Bundesgericht im Februar ab. Der libanesischstämmige Winterthurer hatte die berüchtigte und inzwischen geschlossene An’Nur-Moschee frequentiert. Vor seiner geplanten Abreise nach Syrien wurde er dort von zahlreichen Moscheegängern verabschiedet. Das Bundesgericht sah es aufgrund der Beweise als erwiesen an, dass die damals Anwesenden über die Absichten von Ahmed J. im Bilde waren. Die Geschichte von Franziska S. verlief etwas anders. Über ihre Radikalisierung und die Kontakte zum IS ist wenig bekannt. Auch sie frequentierte zeitweise die An’Nur-Moschee in Winterthur, aber eben erst nach ihrer erzwungenen Rückkehr aus Griechenland.

Mit ihren häufig veilchenblauen oder grünen Ganzkörperschleiern zieht Franziska S. im Winterthurer Stadtbild oft die Blicke auf sich. Sie macht aus ihrem Herz keine Mördergrube und hat in Polizeiverhören vor noch nicht allzu langer Zeit bekräftigt, weiterhin mit dem IS zu sympathisieren.

Gescheiterte Deradikalisierung

Dabei haben sich die Sozialbehörden alle Mühe gegeben, die Frau zu «resozialisieren». Die Winterthurer Arbeits­integration verschaffte der Islamistin eine Stelle in der stadteigenen Papiermanufaktur, wo man die Frau zumindest während rund acht Stunden pro Arbeitstag unter Kontrolle hatte. Soweit es dabei um Deradikalisierung ging, ist das gut gemeinte Projekt allerdings gescheitert. Franziska S. hält an ihren Überzeugungen fest. Vor rund einem halben Jahr wurde die Übung dann abgebrochen, doch ist nicht klar, ob sich das mit der gescheiterten Deradikalisierung erklärt oder ob andere Gründe den Ausschlag gaben.

Laut ihrem in sozialen Medien veröffentlichten Lebenslauf hat die Frau nach der Schule eine Lehre bei den SBB absolviert und dort anschliessend rund drei Jahre lang als Betriebssekretärin gearbeitet. Parallel dazu erlangte sie ein Diplom als Tourismuskauffrau und schaffte später den Bachelor in Betriebswirtschaft an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Laut Kommilitonen war Franziska S. eine unauffällige Studentin.

Untypische IS-Anhängerin

Mit ihrem vergleichsweise hohen Bildungsstand sticht die Konvertitin aus der Masse der meist ungebildeten Jihadisten mit Migrationshintergrund heraus. Mit ihrem ägyptischen Mann lebte Franziska S. angeblich eine Zeit lang in Frankreich, wo sie ebenfalls studierte, bevor das Paar schliesslich nach Ägypten umzog. Unter den inzwischen 76 Jihad-Reisenden und Möchtegern-Jihadisten der Schweiz, die dem «Tages-Anzeiger» namentlich bekannt sind, befinden sich nur gerade zwölf Frauen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.08.2017, 21:29 Uhr

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