Wir Selbstknechter

Die Zürcher werden immer gesünder und zufriedener. Trotzdem steigt die Zahl psychisch Kranker. Wie passt das zusammen?

Während der Körper gestählt wird, erschlafft die Psyche: Jogger im Regen. Foto: Sabina Bobst

Während der Körper gestählt wird, erschlafft die Psyche: Jogger im Regen. Foto: Sabina Bobst

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Den Zürchern gehts blendend. 85 Prozent von ihnen fühlen sich körperlich fit, 80 Prozent behaupten, meist «glücklich, gelassen und ausgeglichen» zu sein. Das ergibt eine Studie, welche die Uni Zürich kürzlich veröffentlichte.

Dieses Wohlbefinden ist der Lohn harter Arbeit. Zürcher machen mehr Sport und trinken weniger Alkohol als früher, sie rauchen seltener, essen gesünder. In der Disziplin Selbstdisziplin sind sie Schweizer Meister. Dafür werden sie mit der landesweit höchsten Lebenserwartung belohnt.

Trotzdem ist der Kanton keine Insel der Glückseligen. Der Erfolg hat eine Kehrseite. Stress, Depressionen und Burn-out treten öfter auf, immer mehr Zürcher beanspruchen psychologische Hilfe. In keinem anderen Kanton klagen mehr Leute (18 Prozent) über hohe psychische Belastung.

Es ist ein paradoxer Befund. Die gesündesten, sportlichsten und zufriedensten Menschen fühlen sich gleichzeitig am häufigsten depressiv und erschöpft. Während der Körper gestählt wird, erschlafft die Psyche.

Deutungshilfe bietet der kontrovers debattierte deutsche Philosoph Byung-Chul Han. Laut Han hat sich der Westen von einer Kontroll- in eine Leistungsgesellschaft umorganisiert. Bis Ende des 20. Jahrhunderts richtete sich die Politik nach den Bedürfnissen der Industrie. Die Menschen mussten als Arbeiter funktionieren, dazu drillte und gängelte man sie. Wer nicht spurte, wurde bestraft oder eingesperrt.

Fitnesscenter statt Kaserne

Der digitale Dienstleistungskapitalismus, so Han, habe begriffen, dass Selbstmotivation effizienter wirkt als Drohungen und Druck. Heute zählt nicht mehr das Müssen, es geht um das Können. Aus eigenem Willen wollen wir kreativ sein, leistungsfähig, gut gelaunt. Hören wir auf, an unserer Perfektionierung zu arbeiten, fühlen wir uns als Versager; als Menschen, die ihre Fähigkeiten vergammeln lassen.

Der äussere Befehl ist innerer Wunsch geworden. Fitnesscenter und Weiterbildungen haben die Drillanstalt abgelöst. Was wir als freie Selbstent­faltung verstehen, ist in Wahrheit Selbstknechtung, schreibt Han.

Dazu komme das «Übermass an Positivität», dem moderne Menschen ausgesetzt sind: das Verarbeiten ständig neuer Eindrücke, Multitasking, ein Sich-Verlieren im Informationsgewirr. Diese Reiz-Übersättigung und der Zwang zur Selbstoptimierung lösen laut Han die typischen Krankheiten der Gegenwart aus: Depression, ADHS, Persönlichkeitsstörung, Burn-out.

Perfektionszwang

Warum diese Leiden im Grossraum Zürich so oft vorkommen, lässt sich mit Hans Ansatz gut erklären. In der urbansten Gegend der Schweiz drückt der Perfektionszwang besonders stark. Wer hier nicht an der Vervollkommnung seiner «Ich-AG» feilt, vermag sich im Alltag nicht durchzusetzen.

Kritiker nennen Hans Theorien einseitig, fortschrittsfeindlich und zu allgemein. Tatsächlich bleiben aus seiner Sicht die gängigen Rezepte der Burn-out-Prävention Teil des Problems. Ihr Ziel ist es, «das Ausscheiden aus dem Arbeitsprozess zu verhindern». Sie versuchen, die schädlichen Exzesse der Selbstoptimierung zu vermeiden. Am Perfektionsprinzip halten sie fest.

Auch Hans eigene Gegenentwürfe entkommen diesem Verdacht nicht. Er rät, durch «kontemplatives Verweilen» und «Nicht-Vernetzung» eine neue «Lebenskunst» zu entwickeln. Vielleicht beginnt diese damit, sich wegen der ungesund verbrachten Festtage nicht mit einem schlechtem Gewissen zu quälen.Das wäre ungesund.

Erstellt: 02.01.2015, 22:37 Uhr

Artikel zum Thema

Sport wirkt wie Antidepressiva

Sport und körperliche Aktivität können Depressionen lindern. Diese lange gehegte Annahme bestätigen Berner und deutsche Forschende nun in einer grossen Übersichtsstudie. Mehr...

«Schlecht wäre eine Schublade voller Schokoriegel»

Interview Wer gestresst ist, will belohnt werden – dies besagt eine neue Studie der Uni Genf. Doktorandin Eva Pool zur Frage, warum wir nicht immer mögen, was wir wollen, und wie wir uns im Stressfall am besten verhalten. Mehr...

Der Chef hat am wenigsten Stress

Wie erschöpft sind Schweizer Angestellte? Eine Studie fördert erstaunliche Ergebnisse zutage. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Es ist immer Zeit, Danke zu sagen

Erst die Gönner machen die Arbeit der Krebsliga möglich. Der Tag des Testaments bietet Gelegenheit darüber zu sprechen, wie wir anderen etwas Gutes tun können.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Was für eine Aussicht: Ein Mountainbiker macht Rast auf dem Gipfel des Garmil. Im Hintergrund sieht man die Churfirsten und die Alviergruppe. (13. September 2019)
(Bild: Gian Ehrenzeller) Mehr...