«Wir sind Durchschnitt, aber zusammen wie die Rolling Stones»

Köppel wollen sie auf keinen Fall: Die Zürcher Ständeräte Ruedi Noser (FDP) und Daniel Jositsch (SP) verraten, was sie aneinander finden.

«Als Team ist es uns gut gelungen, trotz einzelner Differenzen die Interessen des Kantons zu vertreten»: Ruedi Noser (r.) über sich und Daniel Jositsch. Foto: Sabina Bobst

«Als Team ist es uns gut gelungen, trotz einzelner Differenzen die Interessen des Kantons zu vertreten»: Ruedi Noser (r.) über sich und Daniel Jositsch. Foto: Sabina Bobst

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Zürcherinnen und Zürcher haben am Sonntag den Kanton politisch umgepflügt. Die Bürgerlichen geben dem Klima die Schuld. Macht es sich die FDP da nicht etwas einfach?
Ruedi Noser: Die Analyse des Wochenendes ist Sache der Kantonalpartei. Aus meiner Sicht ist der FDP zumindest im Parlament nichts Schlimmes geschehen. Solche Schwankungen gab es immer. Wir müssen nun daran arbeiten, es im Herbst besser zu machen.

Und bei Ihnen, Herr Jositsch: Überwiegt die Freude über den Linksrutsch oder der Ärger über den SP-Sitzverlust?
Daniel Jositsch: Insgesamt überwiegt das Positive. Dass Parlament und Regierung grüner werden, freut mich. Besonders positiv ist, dass nicht einfach ein Fukushima-Effekt vorliegt, sondern eine Bewegung. Schade ist, dass es der SP nicht gelungen ist, ihre Sitzzahl zu halten.

Was bedeutet diese Verschiebung für den Kanton?
Jositsch: Der gemeinsame Nenner des neuen Parlaments ist die Ökologie, der Klimaschutz wird ganz oben auf der Traktandenliste stehen. Bei anderen Themen wird es wohl wechselnde Mehrheiten geben.
Noser: Bei so vielen Neugewählten wird sich der Kantonsrat erst einmal finden müssen. In der Regierung ist die Verschiebung gar nicht so gross. Als Ingenieur hoffe ich, dass der neu gewählte Ingenieur kein Ideologe ist.

Noch bevor Petra Gössi die grüne Wende in der FDP verkündete, lancierte ein gewisser Ruedi Noser die Gletscherinitiative. Haben Sie Frau Gössi gepusht?
Noser: Für mich ist logisch, dass eine freisinnige Politik eine nachhaltige Politik ist. Ich hatte ja schon das Präsidium bei der Stromsparinitiative, und ich hatte eine führende Rolle in der Kreislaufwirtschaft. Für mich war daher klar, dass ich mich im CO2-Gesetz anders positioniere als die FDP im Nationalrat. Die Gletscherinitiative habe ich mitgeschrieben, ich stehe zu hundert Prozent dahinter. Petra Gössi war von Anfang an orientiert und pfiff mich nie zurück. Ich würde sagen, sie war froh, dass ich vorausging. Wieweit ich damit zum Kurswechsel beigetragen habe, ist schwer zu sagen.

Sind Sie so etwas wie das grüne Gewissen der FDP?
Noser: Mich hat einfach geärgert, dass wir das Pariser Klimaabkommen unterzeichnet, aber gleich wieder vergessen haben. Das Abkommen ist bindend. Wir müssen uns fragen, was der Beitrag der Schweiz an die Welt ist – und das muss mehr sein, als nur Häuser zu isolieren. Wir sind Forschungsweltmeister, unsere Forschungsresultate sind wichtig, um das Weltklima zu retten.

«Die Menschen haben gemerkt, dass die SVP nie Lösungen vorschlägt.»Daniel Jositsch

Haben Sie die Umwälzung in Zürich kommen sehen, Herr Jositsch?
Jositsch: Von der Bewegung an sich bin ich nicht überrascht, aber von deren Wucht schon. Die Frage ist nun nicht mehr, ob ökologische Themen zuoberst auf die Traktandenliste gehören. Die Frage ist, wie wir die Probleme lösen.
Noser: Es spielt noch etwas hinein: Wenn Kinder wie mein Sohn, der sein bisheriges Leben mit Hockeyspielen und Gamen verbracht hat, bei lausigem Wetter demonstrieren gehen, hat das eine Wirkung. Eltern hören auf ihre Kinder.

Haben Sie Ihren Sohn ermuntert, zur Demo zu gehen?
Noser: Um Himmels willen, nein. Ich halte nicht viel von Demonstrationen. Ich habe selbst gestaunt, dass er gegangen ist.

Sie haben sich genervt?
Noser: Eigentlich hatte ich «dä Plausch» daran. Mich nervte nur, dass er fand, ich müsse ihn nachher abholen.

Die SVP hat massiv verloren. Ist der SVP-Zyklus am Ende?
Jositsch: Der Aufschwung ist schon seit längerem vorbei. Die Menschen haben gemerkt, dass die SVP nie Lösungen vorschlägt. Damit man in einer direkten Demokratie vorwärtskommt, muss mehr als die Hälfte Ja sagen.

Noser: Früher zeichnete sich eine bürgerliche Politik durch eine ruhige Hand aus. Sie war vielleicht nicht die schnellste, löste Probleme aber nachhaltig. Das hat Christoph Blocher geändert. Ich habe immer gesagt, eines Tages werde Blocher für einen Linksrutsch verantwortlich sein.

Sie beide werden scherzhaft als Duo Nositsch bezeichnet ...
Noser: ... da sollte man vorsichtig sein. Ich mag es nicht, Namen zu verfälschen. Uns beiden ist es als Team gut gelungen, trotz einzelner Differenzen die Interessen des Kantons zu vertreten. Alte Hasen arbeiten eben oft besser zusammen. Ausserdem haben wir sehr gut mit der Zürcher Regierung zusammengearbeitet. Mit einem neuen Ständerat müsste man sich zuerst finden. Mit einem Ein-Thema-Politiker wäre es schwierig.

Wen würden Sie vorziehen: Jositsch oder Köppel? Jositsch oder Heer?
Noser: Im ersten Fall wäre mein Favorit klar Dani Jositsch.

Die Freisinnigen und die SVP zogen bisher meist zusammen in den Wahlkampf ...
Noser: … nicht beim Ständeratswahlkampf. Den machen wir nicht mit einer anderen Partei zusammen.

Die Frage ist doch, ob die Allianz noch Zukunft hat. FDP und SVP gehen seit Jahren immer wieder aufeinander los.
Noser: Es wäre sicher geschickter, wir würden im bürgerlichen Lager zusammenarbeiten. Aber da ist auch eine 30-jährige Geschichte, und die ist, wie sie ist.

Wie sieht es bei Ihnen aus, Herr Jositsch: Lieber ein Balthasar Glättli oder ein Bastien Girod – oder lieber Ruedi Noser?
Jositsch: Persönlich würde ich am liebsten mit Ruedi Noser weitermachen. Wir sind ein gut eingespieltes Team. Auch wenn ich mich mit Girod und Glättli gut verstehe, übrigens ebenso mit Roger Köppel und Fredi Heer. Roger Köppel wäre mit seiner konfrontativen Art weniger geeignet für den Ständerat. Wenn zwei aus demselben Kanton nicht zusammenarbeiten, merken das die anderen sofort.

«Als Ingenieur hoffe ich, dass der neu gewählte Ingenieur kein Ideologe ist.»Ruedi Noser

Bekommen Sie mit Ihrer Partei keine Schwierigkeiten, Herr Jositsch, wenn Sie lieber mit einem Freisinnigen gehen als mit einem Linken?
Jositsch: Als staatstragende Partei weiss die SP, dass ein Ständerat anders funktionieren muss. Als Keith Richards und Bill Wyman einmal gefragt wurden, wer der bessere Musiker sei, sagte Richards: Wir sind beide durchschnittlich, aber zusammen sind wir die Rolling Stones. Das ist bei uns ähnlich. Nicht dass ich uns mit den Rollig Stones vergleichen würde. Aber wir ergänzen uns. Ich bin Jurist, er Ingenieur. Er ist in Wirtschaftsthemen als Arbeitgeber daheim, ich als Angestelltenvertreter und in der Sicherheits- und Aussenpolitik. Und, ganz wichtig: Wir vertrauen uns.

Der Rechtspopulismus wächst rundum. Warum nicht bei uns?
Noser: In der direkten Demokratie haben die Stimmbürger das letzte Wort, daher ist es nicht so entscheidend, ob die eine oder andere Seite ein paar Stimmen mehr oder weniger hat.
Jositsch: Die Schweizerinnen und Schweizer sind, glaube ich, recht zufrieden mit der Landes- und den Kantonsregierungen. Die Schweiz ist gut durch die Turbulenzen der letzten Jahre – Finanzkrise, Migration, Terrorbedrohung – gekommen. Es gibt nicht diesen Druck, der sich aufstaut wie in einem Dampfkochtopf, wo man am Ende die «gilets jaunes» hat. In der direkten Demokratie muss die Politik eben immer wieder nachjustieren.

Stichwort nachjustieren: Was empfehlen Sie Ihren Parteien im Hinblick auf den Herbst?
Noser: Die Fragen Klima und Europa sind für uns eng verknüpft. Um Massnahmen für das Klima ergreifen zu können, braucht es Mittel und einen Marktzugang zu Europa, sprich das Rahmenabkommen. Das müsste man übrigens auch mal den Gewerkschaften sagen: Ohne Marktzugang gibt es keine hohen Löhne, die müssen erst mal verdient werden. Grossbritannien zeigt eindrücklich, dass es nicht so einfach ist, auf den freien Markt zu verzichten. Die Schweiz tut gut daran, sich nicht in eine solche Abwärtsspiralen-Diskussion zu manövrieren.
Jositsch: Bei der SP ging es etwas länger, aber ich denke, am Ende werden auch wir zu den Befürwortern des Rahmenabkommens gehören. Ich glaube, das einzig Richtige für unser Land ist es, sich in den alten Allianzen für den bilateralen Weg einzusetzen.

Erstellt: 27.03.2019, 10:14 Uhr

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