«Wir werden nicht zulassen, dass aus der Brunau ein Sihlquai wird»

Laut Stadtrat Martin Waser (SP) spricht die wirtschaftliche Logik für den Strichplatz in Altstetten. Persönlich sei ihm das Gewerbe der Prostitution zuwider.

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Herr Waser, Flugblätter, Informationen für Freier auf der Website, ein Tag der offenen Tür für alle. Wie wohl ist es Ihnen dabei, als Vorsteher des Sozialdepartements Werbung für Prostitution zu machen?
Das tun wir nicht. Wir wollen die Prostitution, die bis heute am Sihlquai stattfand, auf den Strichplatz verlagern. Damit das funktioniert, müssen die Freier und die Sexarbeiterinnen wissen, was auf sie zukommt. Den Tag der offenen Tür haben wir organisiert, um die Ängste und schlechten Gefühle abzubauen, die die Pläne für einen Strichplatz im Quartier teilweise ausgelöst hatten.

Macht die Stadt nicht Prostitution salonfähig, indem sie gleich darüber informiert wie über jede x-beliebige Dienstleistung?
Nein. Wir haben schon lange festgestellt, dass der Strichplatz auf ein riesiges Medieninteresse stösst. Anders als bei der Information über x-beliebige Dienstleistungen beantworten wir gegenwärtig neben Anfragen aus der ganzen Schweiz auch beispielsweise Anfragen deutscher und französischer Fernsehsender und japanischer Nachrichtenagenturen. Man könnte durchaus hinterfragen, ob dieses Medieninteresse verhältnismässig ist – aber es ist einfach da, und wir mussten uns überlegen, wie wir damit umgehen. Wir haben uns entschieden, vor der Eröffnung Transparenz herzustellen und die Ansprüche der Medien und die Neugier der Öffentlichkeit so weit wie möglich zu befriedigen. Das machen wir in der Hoffnung, dass das Interesse irgendwann gesättigt ist und der Strichplatz dann in Ruhe funktionieren kann.

Auf der Website der Stadt steht: «Prostitution ist eine Dienstleistung wie andere auch. Es ist aber auch ein harter und riskanter Job. Verhalten Sie sich darum als Kunde, der gerne wiedergesehen wird!» Ermuntert die Stadt damit nicht Freier und bagatellisiert die Prostitution?
Das steht auf einer Webseite mit dem Titel «Für Freier». Was soll daran falsch sein, dass wir die Freier auffordern, sich korrekt zu verhalten?

Gibt es aus Ihrer Sicht moralische Bedenken bezüglich Prostitution?
Mir ist dieses Gewerbe persönlich zuwider, weil es meistens Abhängigkeitsverhältnisse ausbeutet. Aber als Stadt müssen wir uns für die Menschenwürde der Sexworkerinnen und die Stadtverträglichkeit der Prostitution einsetzen, und da nützen uns persönliche Moralvorstellungen nichts.

Schreckt die grosse Transparenz über das Projekt nicht gerade die auf Diskretion bedachten Freier ab?
Die Gefahr liegt im Medieninteresse, auf das wir keinen Einfluss haben – nicht in der Transparenz, die die Stadt herstellt, um es zu befriedigen. Wir hoffen, es legt sich, wenn alle genug gesehen haben. Solange die Medien den Strichplatz belagern, kann er natürlich nicht funktionieren. Aber die Aufmerksamkeitsspanne der Medien ist bekanntlich begrenzt.

Wie viel Repression braucht es, damit Freier und Prostituierte nicht auf verbotene Gebiete ausweichen?
Das wird sich zeigen. Die Stadtpolizei ist jedenfalls gewappnet, mit hohem Aufwand die Verlagerung der Prostitution auf den Strichplatz sicherzustellen.

Wie beurteilen Sie das Risiko, dass die Prostituierten in der Brunau anschaffen und dort ein neuer grosser Strassenstrich entsteht?
Wir werden nicht zulassen, dass die Brunau ein neues Sihlquai wird. Ich werde nun aber nicht vor der Eröffnung des Strichplatzes darüber spekulieren, was wäre wenn.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass sich der Strichplatz im Sinne der Stadt etabliert?
Als sehr gut. Prostitution ist ein Geschäft, und die wirtschaftliche Logik spricht für den Strichplatz. Wir verfügen über die nötigen Ressourcen, um die Kontrolle sicherzustellen, und über eine exzellente Zusammenarbeit von Polizei, Sozialwesen und Gesundheitsbereich. Wir haben keine Erfolgsgarantie, wir machen ein Experiment. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass es gelingt. In etwa drei Monaten ziehen wir eine erste Zwischenbilanz.

Zürich hat kein brauchbares Kongresszentrum, dafür ein Drive-in-Puff. Wie positionieren wir uns damit international?
Als Stadt, die sich mit Grossprojekten schwertut, aber pragmatisch und innovativ Probleme löst, die das Stadtleben beeinträchtigen.

Erstellt: 26.08.2013, 07:36 Uhr

Martin Waser(SP) Stadtzürcher Sozialvorstand. (Bild: Sophie Stieger)

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