Witikon – wo Zürich Dorf ist

Die Witiker feiern ihre Abgeschiedenheit von der Stadt – und hadern damit. Besuch in Zürichs vergessenem Stadtteil.

Immer noch nicht ganz in Zürich angekommen: Das Stadtquartier Witikon mit rund 10'000 Einwohnern wurde 1934 eingemeindet. Bilder: Urs Jaudas

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Eindrücklicher könnte man den Stadt-Land-Graben nicht zeichnen. Kaum hat man die scheinbar letzten Häuser im Südosten Zürichs hinter sich, reisst der Boden auf. Dreissig, vierzig Meter geht es steil ins Tobel hinab, links und rechts Dickicht und kolossale Eschen. Ohne Brücke wäre hier kein Durchkommen. Dumm nur, dass hinter dieser natürlichen Grenze nochmals ein Stück Stadt versteckt ist. Witikon heisst es.

«Wie war das? Wiedikon?» Rico Kaiser hat sich an diese ignorante Frage gewöhnt. Der 33-Jährige ist stolzer Witiker, einer von wenigen seiner Generation, die ihrem Geburtsort treu geblieben sind. Kaiser hat sich auch daran gewöhnt, anderen Zürchern den Weg hierher beschreiben zu müssen. Und an die Reaktion, wenn es klick macht: Doch, das kenne man. «Vom Durchfahren.»

Sie feiern, und sie hadern

Vielleicht wären die Bewohner Witikons heute glücklicher, wenn sie sich seinerzeit nicht in den Kopf gesetzt hätten, Stadtzürcher werden zu müssen. Denn sie haben sich damit zu einem Leben in Ambivalenz verurteilt. Die «Schweizer Illustrierte» ahnte es bei der Eingemeindung im Jahr 1934: Bis die Stadt dieses abgelegene Bauerndörfchen am Berg mit seinen «saftigen Miststöcken» vereinnahmt habe, sei die Welt wohl «längst in ein grosses Loch hinuntergefallen». Die Welt ist danach ins Loch gefallen, hat sich wieder aufgerappelt, aber Witikon ist immer noch nicht ganz in Zürich angekommen. Auch wenn die Miststöcke weg sind. Die Bewohner feiern ihre Abgeschiedenheit – und hadern im gleichen Atemzug damit.

Mit dieser Eigenart rufen sie sich den anderen Zürchern gerade ins Bewusstsein. Da verweigert sich Witikon der Grossfusion aller städtischen Kirchgemeinden und pocht auf Eigenständigkeit. Will nicht zum «Angestellten einer Grossfirma werden». Da klagt man im Quartier gleichzeitig über die Vernachlässigung durch die städtischen Verkehrsbetriebe, weil die mühsam erstrittene direkte Busverbindung an den Hauptbahnhof oft verspätet ist. Und da verfasst der Quartiervereinspräsident im «Zürcher Tagblatt» einen rührenden Aufruf, ob dessen man sich in der dauerbespassten Stadt die Augen reibt: Ob nicht jemand Zeit und Geld hätte, in Witikon ein Restaurant zu eröffnen?

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In den vergangenen zwei Jahren sind alle Lokale bis auf eines zugegangen. Auch der beliebte Quartiertreff, der Elefant, wo die Stadtzürcher SVP oft tagte. Diese Geschichte erzählen hier alle. Selbst die Teenager an der Bushaltestelle mit den stylishen Sonnenbrillen, die man sich schlecht am Tisch der Vereinsmeier vorstellen kann. Das Verlustgefühl ist Teil der kollektiven Identität. Die 10'000 Quartierbewohner sind nicht genug, um ein vielfältiges Angebot an Läden und Restaurants am Leben zu erhalten – diese von einer ETH-Forscherin errechnete Formel gilt nicht nur auf dem Land, sondern auch in dem Stadtquartier, das allseits durch Wälder und Tobel von der Stadt getrennt ist.

Den Witikern bleibt vorderhand nur das Mittagsmenü in der Crown of India, 19.50 Franken für Exotisches à discrétion. «Zürcher Preise», winkt eine Frau ab, die gerade auf dem Weg zum Einkaufen ist. Zürich, das ist dort unten, 200 Höhenmeter den Berg runter. Im Orkus. «Alte Witiker würden sich nie als Zürcher bezeichnen.» Viele von ihnen stammen aus Bauernfamilien, die steinreich wurden, als Witikon sich der Stadt Zürich anschloss. Alles Millionäre. Noch so eine Geschichte, die hier jeder kennt.

Einst fluteten Zürcher das Dorf

Vor der Eingemeindung in den Dreissigerjahren kam als Vorbote zuerst der Linienbus aus der Stadt. Er brachte die Zürcher in Scharen aus der Tiefe. So viele, dass die Restaurants im finanziell klammen Dorf des Andrangs nicht mehr Herr wurden. Und die sonnenhungrigen Ausflügler sahen rundum: ideales Bauland. Man wurde schnell handelseinig.

Im alten Dorfkern merkt man wenig von der Dynamik, die das auslöste. Hier plätschert zeitlos der Brunnen, der angeblich das beste Wasser von ganz Zürich führt. Eine Sehenswürdigkeit – den müsse man unbedingt fotografieren, hiess es. Grillen zirpen im blumenbewachsenen Hang unterhalb der Kirche, Kinder radeln im Slalom vorbei, und Leo Caprez, 84-jährig, zieht zum Gruss den Strohhut. «Wir leben hier wie im Dorf», sagt er und schwärmt von der Ruhe, von der Fernsicht an klaren Tagen. Die isolierte Lage Witikons? «Hat nur Vorteile.»

Auf der anderen Seite des Kirchhügels befindet sich das städtischere Witikon. Ein Quartier im unverwechselbar spröden, funktionalistischen Stil der Nachkriegszeit, das damals die Hauptstrasse lang talwärts Richtung Zürich wucherte. Die Bevölkerung verzehnfachte sich innert 30 Jahren. Bis um 1980 die Entwicklung plötzlich zu einem Halt kam. Der Rand des Tobels war erreicht.

Altersheim der Stadt

Seither altert das Quartier mit seinen Bewohnern vor sich hin. Ein Drittel von ihnen ist heute über 65-jährig, Heime sind die wichtigsten Arbeitgeber im Ort. Diese Demografie ist die zweite Besonderheit des Quartiers, neben seiner Insellage. Manche sagen: das Problem. «Wir fühlen uns zwar als Städter», sagen die sonnenbebrillten Teenager, «aber hier oben läuft nichts.» Dann steigen sie in den Bus. Bald werden sie wohl endgültig in die Stadt runterziehen, wie so viele.

Das Quartier mache gerade eine schwierige Phase durch, sagt der Überzeugungs-Witiker Rico Kaiser. «Gut, wenn man darüber berichtet.» Doch es gibt Anzeichen für eine Zeitenwende. Die Infrastruktur aus den Sechzigern und Siebzigern ist baufällig geworden. Das Einkaufszentrum, eines der ersten des Landes, wird gerade saniert, viele Wohnhäuser werden ersetzt, die Hauptstrasse aufgerissen. Das Quartier ist eine Grossbaustelle – und zieht vermehrt wieder junge Familien an. Die Bevölkerung wächst zaghaft. Auch das Preisniveau zieht an, etwas, worauf hier viele verzichten könnten. Andererseits: Es gibt kaum ein deutlicheres Zeichen, dass man doch zur Stadt Zürich gehört.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.06.2018, 07:32 Uhr

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