Wo Psychotiker zur Ruhe kommen

Die Integrierte Psychiatrie Winterthur, ein Modellbetrieb des Kantons, soll zur AG werden. Ein Besuch in der Stammklinik Schlosstal.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die junge Frau kennt sich aus in der Psychiatrie. Sie war schon im Sanatorium Kilchberg, in Münsterlingen, in der Psychiatrischen Uniklinik, in der Hard Embrach und mehrmals in der Klinik Schlosstal in Wülflingen. «Man sagt mir, ich sei schizophren.» Vor Ostern wurde sie erneut ins Schlosstal eingewiesen, unfreiwillig, per FU (Fürsorgerische Unterbringung). «Zum 22. Mal wurde ich zwangsisoliert und zwangsmedikalisiert.»

Inzwischen geht es ihr offensichtlich besser. Beim Besuch von Tagesanzeiger.ch/Newsnet auf der Akutstation kommt sie sogleich auf die Journalistin zu und erzählt ihre Geschichte. «Mir ist wichtig, dass Zwangsmassnahmen in Psychiatrien und Gefängnissen international abgeschafft werden.» Es habe bereits Verbesserungen gegeben, stellt sie fest: «Ich konnte die letzten Male meine eigenen Kleider anbehalten.»

Vor fremden Reizen abgeschirmt

Die Patientin bewegt sich frei auf der Station, und sie könnte auch hinaus – die Eingangstür ist nicht verschlossen. Das entspricht der Behandlungsphilosophie der Klinik: Wenn immer möglich, sind die Stationen offen. Die Erfahrung damit ist gut. Chefarzt Benjamin Dubno: «Als wir die Abteilungen 2005 öffneten, passierte nichts. Im Gegenteil, die Stimmung beruhigte sich.» Im Einzelfall sei es dennoch manchmal nötig, Patienten in einem Zimmer zu isolieren, welches vor fremden Reizen abgeschirmt ist und wo sie zur Ruhe kommen können. Aus dem Fenster des Isolierzimmers sehen die Patienten auf eine grüne Wiese mit weidenden Kühen.

«Wenn eine Person einen psychotischen Schub hat, hört und spürt sie Dinge, die nicht da sind», erklärt Dubno. Wenn sie dann sich selber oder andere Leute gefährde, sei eine FU angezeigt. Viele Patienten mit schweren psychischen Störungen würden wiederholt in die Klinik kommen, mit der Zeit auch freiwillig, wenn sie merken, dass sie psychotisch werden. «Psychiatriegegner kritisieren dies als Drehtürpsychiatrie, dabei ist es das Gegenteil von Verwahrungspsychiatrie», sagt Dubno.

«Bei einem psychotischen Schub hört und spürt man Dinge, die nicht da sind.»Benjamin Dubno, Chefarzt

Die Klinik Schlosstal gehört zur Integrierten Psychiatrie Winterthur - Zürcher Unterland (IPW) und ist damit Teil eines grossen Netzes von Behandlungsangeboten. Diese reichen von der niederschwelligen ambulanten Beratung über den Besuch einer Tagesklinik bis zum mehrwöchigen stationären Aufenthalt. Die frühere Zürcher Gesundheitsdirektorin Verena Diener hatte die IPW vor 16 Jahren als psychiatrischen Modellbetrieb nach dem Grundsatz «ambulant vor stationär» gegründet. Psychisch kranke Menschen erhalten entsprechend ihren Bedürfnissen eine mehr oder weniger intensive Behandlung, die aus einer Hand koordiniert wird.

«Die IPW ist eine besondere Institution», sagt Stationsleiter Thomas Juraschka. Er hat schon an verschiedenen Orten gearbeitet. «Wir sind in Winterthur verankert, unsere Tagesklinik liegt zwischen Einkaufsgeschäften in der Nähe des Hauptbahnhofs, wir integrieren den Menschen trotz seiner psychischen Krankheit in die Gesellschaft.»

Die schizophrene junge Frau hat eine eigene Wohnung. Dort kann sie selbstständig leben. Nur nimmt sie manchmal ihre Medikamente nicht. «Psychopharmaka bringen einen vom Selbst weg», sagt sie. Thomas Juraschka widerspricht: Ganz ohne gehe es nicht. Er hat sich zu ihr an den Tisch im Esszimmer gesetzt und versucht, sie zu überzeugen, erinnert die Patientin daran, was bei ihrem letzten Schub passiert sei – die Küche wäre beinahe in Brand geraten.

Geduld und Fürsorge

Pfleger Ralf Schmieder kümmert sich um eine andere Patientin. Die etwa 50-Jährige hat sich an seinen Arm gehängt und läuft mit ihm durch die Räume. «Mir ist schlecht», sagt sie immerzu mit weinerlicher Stimme. Schmieder geht geduldig auf sie ein, beruhigt sie, ermuntert sie immer wieder. Er ist eine wichtige Bezugsperson für die manisch-depressive Frau. Mit seiner fürsorglichen Zuwendung hat er viel erreicht: Die Patientin, die anfangs gefüttert werden musste, isst am Mittagstisch ihren Teller selbstständig aus.

Schmieder ist zufrieden mit den Arbeitsbedingungen in der Klinik Schlosstal: «Der Personalschlüssel ist gut, verglichen mit Deutschland sogar hoch.» Auch über den Medikamenteneinsatz äussert er sich positiv: «Der ist hochprofessionell. Im Akutfall helfen die Medis, aber die Patienten werden nicht stillgelegt wie früher.»

In der Tat sind auf der Station keine Menschen zu sehen, die vor sich hin dämmern. Eine ältere Frau wirkt zwar niedergeschlagen, doch sie macht sich in der Küche nützlich und trocknet Besteck ab. Die Küche ist ein Treffpunkt. Hier können sich die Patienten jederzeit etwas Kleines zu essen holen oder einen Kaffee machen. Am Tisch sitzt ein 17-Jähriger und isst ein Stück Brot. Er sei am Vortag eingeliefert worden wegen eines Suizidversuchs. Er korrigiert sich: «Ich habe vorher die Notfallnummer angerufen.» In der Klinik fühlt er sich gut aufgehoben. «Es kommt immer jemand und fragt, ob alles o. k. ist.» Es sei nur «sterbenslangweilig». Den ersten Arzttermin hat er erst einen Tag nach seiner Ankunft. Nun hofft er, dass er bald einen Platz in der Jugendabteilung bekommt.

Mehr Plätze für Jugendliche

Diese befindet sich in einem Pavillon, der durch eine Passerelle mit dem Hauptgebäude der Klinik verbunden ist.

Es gibt eine Akutstation sowie eine Psychotherapiestation, wo die Jugendlichen ein zweimonatiges Programm durchlaufen. Die zweite Station wurde erst vor einem Jahr geschaffen, aufgrund eines eklatanten Mangels an Therapieplätzen im Kanton. Bisher mussten zahlreiche Jugendliche auf Abteilungen der Erwachsenenpsychiatrie untergebracht werden. Wie dringend der Ausbau war, zeigt die Belegung im Schlosstal: Die 22 Plätze der beiden Stationen sind ständig belegt, meist müssen auch die drei «Notbetten» beigezogen werden.

Die Leiterin des Jugendbereichs, Christine Gäumann, arbeitet seit 1978 in der kantonalen Jugendpsychiatrie. «Psychische Krisen werden häufig im Jugendalter ausgelöst», erklärt sie. «In der Klinik finden die Jugendlichen zur Ruhe.» Sie wohnen in Doppelzimmern, haben ein Bett und eine Pinnwand, auf die sie persönliche Dinge heften können. Im Wohnzimmer stehen Sofas, ein Töggelikasten und ein Fernseher. Es wirkt gemütlich wie auch die Küche, wo die Jugendlichen zum Teil selber kochen und gemeinsam am grossen Tisch essen. «Wir ahmen eine möglichst reale ­Lebenswelt nach», sagt Gäumann.

Die Schule spielt eine wichtige Rolle bei der Rückkehr in den Alltag.

Der Tagesablauf der 14- bis 17-Jährigen ist geregelt, es wird vertieft an ihren Themen gearbeitet. Dabei verfolge man zwei Schienen, sagt Gäumann. Einerseits werden die Blockaden gesucht, welche die altersgemässe Entwicklung hemmen, anderseits die Krankheits­symptome therapiert. «Viele haben Suizidgedanken, sie haben Depressionen, Angststörungen und teilweise körperliche Beschwerden, die durch psychische Probleme ausgelöst werden.»

Neun verschiedene Berufsgruppen kümmern sich um die Jugendlichen und arbeiten dabei eng zusammen. Von der Psychiaterin über den Musikpädagogen und die Sozialarbeiterin bis zum Lehrer. Dieser unterrichtet die unterschiedlichsten Schüler, Gymnasiasten teilen in der Klinikschule die Bank mit Schulabbrechern. Die Schule spielt eine wichtige Rolle bei der Rückkehr in den Alltag. Aus der Psychose in die Normalwelt zurückzukehren, ist für die Jugendlichen eine grosse Entlastung. Zur Stabilisierung beitragen können auch Medikamente. Diese würden zurückhaltend eingesetzt, sagt Bereichsleiterin Gäumann. Das Wichtigste sei die Beziehungsarbeit. «Akutpsychiatrie ist hoch personalintensiv.» Wenn man die Patienten nicht einfach mit Medis vollstopfen wolle, was für Gäumann «der grösste Horror» wäre, dann brauche es Menschen, die sie betreuten.

(Erstellt: 09.05.2017, 08:40 Uhr)

Abstimmung über Rechtsform

Eine AG kann schneller bauen

Die IPW ist heute ein kantonaler Psychiatriebetrieb, der als Verwaltungsabteilung der Gesundheitsdirektion geführt wird. Neu soll die IPW eine Aktiengesellschaft werden, wobei der Kanton die ersten fünf Jahre Alleinbesitzer bleibt – danach kann der Regierungsrat bis zu 49 Prozent in eigener Kompetenz verkaufen. Am 21. Mai entscheiden die Stimmberechtigten über die Rechtsformänderung. Gleichzeitig soll auch das Kantonsspital Winterthur zur AG werden.

Die Gegner befürchten einen Teilverkauf an eine private Spitalgruppe, die weniger an einer guten Versorgung für alle denn an lukrativen Behandlungen für Zusatzversicherte interessiert wäre. Der ärztliche Direktor der IPW, Urs Hepp, tritt solchen Befürchtungen entgegen: «Wir werden auch als AG keine Wellnesspsychiatrie betreiben. Unsere Kompetenz ist, schwer erkrankte Menschen zu behandeln.» Hepp war bis vor kurzem Chefarzt im Aargau, wo die kantonalen psychiatrischen Dienste schon länger als AG organisiert sind. Die Vorteile dieser Rechtsform sieht er vor allem beim Bauen. Hepp hat in Aarau innert weniger Monate ein Kriseninterventionszentrum aufgestellt. «Ich brauchte weder die Baudirektion noch die Finanzdirektion; eine Studie und ein Businessplan genügten, damit die AG die nötigen 4 Millionen Franken sprach.» Die IPW kann höchstens 250'000 Franken selber investieren. Für höhere Beträge braucht sie eine Bewilligung der Gesundheitsdirektion, des Gesamtregierungsrats oder – ab 3 Millionen – des Kantonsrats.

Derzeit plant sie ein Provisorium für die Jugendabteilung, die einem Neubau weichen muss. Hepp staunt, wie schwierig das ist: «Da sind mehrere Ämter involviert, und obwohl uns alle unterstützen, dauert es sehr lange.» Dabei geht es nur um einen kleinen Modulbau.

Neben dem Bauen erhofft sich die IPW-Leitung von der AG auch mehr Flexibilität bei Anstellungen. Gutes Fachpersonal zu finden, ist nicht einfach, gerade in der Psychiatrie. Die IPW hat zwar einen guten Ruf, weil hier ausgeprägt interdisziplinär gearbeitet wird und die Hierarchien flach sind. Bei den Ärztinnen und Ärzten ist der Arbeitsmarkt aber extrem ausgetrocknet. «Hier wäre es von Vorteil, wenn wir uns nicht ans starre kantonale Lohnsystem halten müssten», sagt Hepp. Der ärztliche Direktor weiss, dass viele der IPW-Angestellten die Rechtsformänderung kritisch beurteilen. Sie hätten Angst, dass unrentable Behandlungen und allenfalls auch Stellen abgebaut würden. Hepp sagt dazu: «Ich habe zehn Jahre in einer AG gearbeitet, ich habe keine einzige Stelle gestrichen, sondern kontinuierlich ambulante Angebote ausgebaut.»
Susanne Anderegg

«Wir werden auch als AG keine Wellnesspsychiatrie betreiben»: Urs Hepp, ärztlicher Direktor der IPW. Foto: Thomas Egli

Modellbetrieb

40 Angebote in der IPW

Zur Integrierten Psychiatrie Winterthur - Zürcher Unterland (IPW) gehören 40 Angebote: Fachstellen, Ambulatorien und Tageskliniken gibt es in Winterthur, Glattbrugg, Bülach, Dielsdorf und Kloten. Stationäre Patienten behandelt die IPW im Zentrum Hard in Embrach und in der Klinik Schlosstal in Wülflingen. Neben mehreren Akutstationen gibt es dort Psychotherapiestationen für Jugendliche, junge Erwachsene und ältere Menschen sowie Stationen für Menschen mit Depressions- und Angststörungen oder Traumafolgestörungen. Die Gesundheitsdirektion hatte die IPW vor 16 Jahren als Modellbetrieb einer gemeindenahen psychiatrischen Versorgung gegründet, in der dem Grundsatz «ambulant vor stationär» nachgelebt wird. Die Klinik Schlosstal war zuvor ein Krankenheim gewesen. Der Übergang zur psychiatrischen Klinik verlief parallel zur Schliessung der Klinik Rheinau. Später wurde das Zentrum Hard in die IPW integriert. Heute beschäftigt die IPW rund 850 Mitarbeitende, der Jahresumsatz beträgt 100 Millionen Franken. (an)

Artikel zum Thema

Neue Psychiatriestation für junge Erwachsene

Die Klinik Schlosstal in Winterthur hat am Donnerstag eine Psychotherapiestation für 18- bis 25-Jährige eröffnet. Für 16 Patienten stehen Betten zur Verfügung. Mehr...

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ein Märchen aus Lichtern: Zum ersten Mal findet das Internationale Chinesische Laternenfestival «Fesiluz» in Lateinamerika, Santiago de Chile statt. Es dauert bis Ende Februar 2020. (3. Dezember 2019)
(Bild: Alberto Walde) Mehr...